Aus Linux-Magazin 02/2020

Editorial 02/2020

Quelle: Jens-Christoph Brendel, stellv. Chefredakteur

Jens-Christoph Brendel, stellv. Chefredakteur

Das waren noch Zeiten, damals in den wilden 2020ern, als eine Handvoll gieriger Konzerne durch ungezügelte Datensammelei mehr über die Bürger wusste als selbst der Staat, erinnert sich der Urgroßvater mit Schaudern.

Mein Urgroßvater ist schon ziemlich alt, deshalb erinnert er sich auch nicht mehr so genau. Aber ein Unternehmen, meint er, muss wohl Guhl geheißen haben – oder Google? Das eine war ein Shampoo, er meint das andere, sagt er. Die nächste Firma hieß Anatrom oder Amazon oder so. Und Facebook ist ihm auch noch eingefallen.

Diese Konzerne, die es damals gab, in den 2020er-Jahren, erzählt er, wussten so gut wie alles: was einer kauft, wo er sich aufhält, welche Musik er hört, was er gerne isst. Mit wem er befreundet ist oder war, wo er wohnt und arbeitet, ob er verheiratet ist und Kinder hat. Welche Bücher er liest, wie fit er ist, welche Sendungen er im Fernsehen verfolgt, welche Schuhgröße er hat, wohin er in Urlaub fährt. Alles. Was die Datensammler nicht direkt erfuhren, das konnten sie aus Bekanntem kombinieren: Welche Partei einer vermutlich wählt, welche Überzeugungen er hat, was ihn freut und was ihn ärgert.

Woher die Unternehmen das wussten? Nun, sie boten kostenlose Dienste an, und fast jeder nutzte wenigstens einen und ließ sich im Gegenzug dabei über die Schulter schauen. Jeder einzelne Webseitenaufruf in einem Browser, jeder Meter mit dem Handy in der Tasche, jede Whatsapp, jede vom Schlafanalyzer der Smartwatch überwachte Nacht, jedes Kommando für Alexa, jeder Online-Einkauf, jedes auf dem E-Reader gelesene Buch – das alles und noch viele, viele Aktivitäten mehr hinterließen Spuren. Spuren, deren Auswertung die Leute vielleicht nicht begrüßten, aber doch hinnahmen. Warum? Weil sie glaubten, ein gutes Geschäft zu machen: einige Daten gegen eine kleine Gefälligkeit.

Was haben die Datensammler mit ihrem Fang gemacht? Sie benutzten ihn, um Werbung auf einzelne Kunden zuzuschneiden, oder verkauften die Daten, damit Dritte Werbung personalisieren konnten. Alleine zu Google floss fast die Hälfte der Mittel, die weltweit für Online-Werbung ausgegeben wurden. Zusammen mit Facebook und Amazon gelangten zwei von drei der vielen Milliarden Werbedollars in die Taschen dieses Kartells. Wie kamen so horrende Summen zustande? Wer das heute verstehen will, muss bedenken, dass man damals noch an Wachstum glaubte. Wachstum brauchte aber immer mehr Konsum – und den befeuerte Werbung. Sie bewirkte, dass die Leute statt der besseren oder nachhaltigeren Produkte die beworbenen kauften, dass sie überhaupt kauften. Dass sie Marken treu blieben. Dass sie Moden hinterherliefen. Dass sie sich als Käufer bestimmter Produkte einer Gemeinschaft zugehörig fühlten. Dass sie das Bedürfnis entwickelten, ihren Status durch die Produktauswahl zur Schau zu stellen.

Damals beunruhigte das die Leute nicht: Es tat ja nicht weh. Im einfachsten Fall genügte es schon, Cookies zuzulassen. Dafür bekam man zum Beispiel kostenlos Auskunft oder konnte umsonst mit seinen Freunde chatten oder wurde einfach nicht länger mit lästigen Nachfragen behelligt. Was man hergab, schien unbedeutend: Eine Bestellung hier, ein paar GPS-Koordinaten dort. Die meisten glaubten, sie hätten nichts zu verbergen und seien immun gegen Werbung. Dass man aus all den Informationen ein großes Mosaik zusammensetzen kann – doch, das hätte man auch damals schon wissen können, sagt mein Urgroßvater. Vermutlich wollte man es aber nicht wissen. Genausowenig, wie man sich eingestehen wollte, dass einem der schicke elektrische Pizzaofen, der neuerdings am Rand jeder zweiten Webseite auftauchte, solange nicht aus dem Kopf ging, bis man ihn schließlich bestellte.

Die Leute hatten sich an den Status quo gewöhnt: Alles, was nicht direkt vom Konto abging, begrüßte man als Geschenk – egal wie teuer es wirklich war. Das war bequem, und jede Alternative roch nach Mühsal und Verzicht. Und wäre es nicht ohnehin aussichtslos gewesen, sich alleine gegen den Rest der Welt zu stellen?

Bei all dem muss man wissen, sagt mein Urgroßvater, dass die Datensammelwut damals schon sehr unangenehme Nebenwirkungen hatte: Am laufenden Band konnten Kriminelle riesige Mengen an persönlichen Daten stehlen, Passworte inklusive. Weil es immer um Millionen von Datensätzen ging, war das schnell kein Aufreger mehr. Der Werbung wegen fälschten käufliche Bots massenweise gute Bewertungen. Und weil wegen der Werbung die Verweildauer so ein wichtiger Parameter für die Plattformbetreiber war, spülten deren Algorithmen statt relevanter Nachrichten vermeintliche Sensationen nach oben oder filterten Nachrichten so, dass jeder nur noch las, was ihn bestärkte. Selbstbestimmung, freie Meinungsbildung – Grundlagen der Demokratie – blieben auf der Strecke. Dafür bliesen die Geheimdienste ihre Dossiers auf, das Material bekamen sie frei Haus. Mehr noch: Wer, wie die Handvoll privater Monopole, Hunderttausende Profile aggregieren konnte, erfuhr etwas über die Gesellschaft, das selbst der Staat nicht wusste.

Man mag sich nicht ausmalen, wo wir heute stünden, wäre das immer so weiter gegangen. Wir würden in einer Überwachungsdiktatur leben, geprägt von einem technologischen Totalitarismus, als unmündige und fremdbestimmte Konsumsklaven. Nun, so kam es nicht. Als es fast zu spät war, fragten sich einige: Moment mal, was tun wir da? Wollen wir das? Und sie rissen das Ruder herum.

Gott sei Dank, sagt mein Urgroßvater.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 1 HeftseitePreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Nach oben