Eindringlich beschwört “Speichern und Strafen” die möglichen negativen Folgen einer datengetriebenen Welt. “Blockchain für Entwickler” hält das Versprechen, so ziemlich alles Wissenswerte über die Hype-Technologie zusammenzutragen.
Adrian Lobe legt mit “Speichern und Strafen” eine Dystopie vor, also das Gegenteil einer Utopie: eine Fiktion des schlechten Endes. Damit sind in gewisser Weise auch seine Übertreibungen und Zuspitzungen, die häufige Verallgemeinerung von Einzelbeobachtungen oder die stete Entscheidung für die schlimmstmögliche Alternative nur eine Folge der Genrewahl. Er will eindringlich darauf hinweisen, dass uns datengetriebene Prozesse im Alltag in Unfreiheit und Unmündigkeit führen, sei es die Datensammelwut von Facebook, Google oder Amazon oder auch jene von Behörden und Institutionen, die wir oft freiwillig bedienen. Dazu mögen drastische Mittel gerechtfertigt sein.
Andererseits verfehlt die unermüdliche Schwarzweißmalerei dort die gewünschte Wirkung, wo der Autor zu stark übertreibt: “Man muss Menschen nicht mehr wie im Mittelalter in Kerker und dunkle Verliese stecken. Sie inhaftieren sich selbst. Sie legen sich freiwillig Fußfesseln wie Smartphones oder Fitnesstracker an und unterwerfen sich einem elektronischen Hausarrest namens Smart Home.” Der Schrittzähler als Eisenkugel, die automatisch herunterfahrende Jalousie als Kerkertor? Manchmal geraten die Aussagen im Übereifer gar in die Nähe von Verschwörungstheorien, zum Beispiel wenn der Autor munkelt: “Dahinter steht ein machtstrategisches Kalkül: Der Bürger soll wissen, dass es da ein Arkanum gibt, einen Macht-Wissen-Komplex hinter den Kulissen der Regierung, in dem möglicherweise belastendes Material gegen einen gespeichert ist…” Für die Existenz dieser dunklen Mächte, ihre Herkunft und Motive liefert das Buch allerdings keinen Beleg.
Das Abwägen der Vor- und Nachteile kommt ebenfalls oft zu kurz. So erzählt der Autor beispielsweise von nationalen Gesetzen, die in Frankreich oder Finnland für Schulbusfahrer ein Gerät vorschreiben, das die Zündung blockiert, wenn es Alkohol in der Atemluft feststellt. Das sei ein legitimer Zweck, doch die Frage sei, ob das “mit dem Grundrecht des Einzelnen auf freie Entfaltung der Persönlichkeit vereinbar ist”. Dem zweifelhaft verabsolutierten Recht, den Schulbus besoffen in den Graben zu setzen, steht aber das Grundrecht der Schüler auf Leben und körperliche Unversehrtheit gegenüber.
Schließlich irritiert auch, dass der Autor die Folgen der Herausbildung einer Wirtschaft, für die Daten einen entscheidenden Rohstoff liefern, durchweg als kaum beeinflussbar und alternativlos darstellt. Der Bürger erscheint aus der Perspektive des Buchs den IT-Konzernen hilflos ausgeliefert – als gäbe es kein Tor und PGP, als könnte man Cookies nicht ablehnen oder löschen, als müsse man in jedem Social Network einen Account haben, als könne man nicht offline einzukaufen. Dass hier oft die Bequemlichkeit der Abstinenz entgegensteht, ist eine andere Frage.
Der heutige Umgang mit persönlichen Daten birgt unstrittig massive Gefahren, das Buch malt sie drastisch aus. Wenn man es nicht distanzlos liest und hier und da hinterfragt, gerät es zur gewinnbringenden Lektüre.
Alles über Blockchains
Die Autoren von “Blockchain für Entwickler” wollen alles Wissenswerte zu dieser Technik vermitteln, ohne spezifische Vorkenntnisse vorauszusetzen. Dabei beginnen sie im Theorieteil mit einer Einführung in die zentralen Konzepte und diskutieren Fragen wie jene, wem eine Blockchain wann nutzt oder welche Branchen für welche potenziellen Anwendungen prädestiniert sind. Daran fügen sich Erläuterungen zu den kryptografischen Grundlagen an, bevor die Autoren sehr detailliert auf die Funktionsweise der Blockchain am Beispiel der Anwendung Bitcoin eingehen. Auch auf Weiterentwicklungen wie Ethereum und mögliche Angriffsszenarien gehen sie ein.
Ab dem vierten Kapitel bedient das Buch dann zunehmend Entwickler, indem es das Entwickeln einer eigenen Blockchain mit Codebeispielen in Java illustriert. Nacheinander besprechen die Autoren die Datenansicht, eine Web-API, das für eine dezentrale Implementation nötige Peer-to-Peer-Netzwerk, Benutzerkonten und die Verifikation der Blöcke. Ein weiteres Kapitel widmet sich den Smart Contracts; es folgt eine Einführung in die für das Programmieren solcher Verträge nötige Programmiersprache Solidity nebst Ausführungen zum Debuggen und Testen sowie zum Absichern und Verwalten von Smart Contracts. Eine Übersicht über Standards, Libraries und Design Patterns für solche Entwicklungen runden diesen Teil ab. Ein letzter Buchteil geht auf dezentrale Applikationen ein, wie sie Ethereum möglich machen soll. Auch hier wird eine eigene sogenannte DApp beispielhaft entwickelt und anhand von Codeschnipseln diskutiert.
Alles in allem handelt es sich um ein Buch, das einen konzentrierten und wissbegierigen Leser erfordert, den es dafür mit einer umfassenden Darstellung und vielen Details belohnt.
Infos

Tobias Fertig, Andreas Schütz:
Blockchain für Entwickler
Rheinwerk 2019
565 Seiten, 40 Euro
ISBN: 978-3-8362-6390-0







