Aus Linux-Magazin 12/2019

Grenzenlos

“Da nun zugleich das Land abfällt, so kömmt man fort mit unglaublicher Schnelle … Genug, ich war den andern Morgen um zehn Uhr in Regensburg und hatte also die vierundzwanzig und eine halbe Meile in einunddreißig Stunden zurückgelegt”, schreibt Goethe in seiner “Italienischen Reise”. Eine deutsche Meile entspricht rund 7500 Metern – die “unglaubliche Schnelle” belief sich mithin auf gerade einmal 6 km/h.

Dennoch war damals, zur Zeit von Goethes Reise vor gut 230 Jahren, tatsächlich eine spektakuläre Beschleunigung des Verkehrs im Gang: Im Jahr 1765 brauchten die öffentlichen Kutschen von Paris nach Bordeaux vierzehn Tage, im Jahr 1780 nur noch sechs, und 1831 dauerte eine Fahrt auf derselben Strecke nur noch drei Tage. Erste befestigte Straßen wurden gebaut; es entstand ein System von Poststationen, zwischen denen Kutschen nach festen Fahrplänen verkehrten. “Es gehet wie auf der Post”, lautet eine Redensart der frühen Neuzeit, die ausdrückt, dass etwas besonders schnell abläuft.

Freilich war der Geschwindigkeit von Fuhrwerken eine biologische Grenze gesetzt. Die überwand erst die Dampfeisenbahn, die eine neue Epoche eröffnete, in der Muskelkraft keinen limitierenden Faktor mehr darstellte. Das war den Zeitgenossen durchaus bewusst. Heinrich Heine schreibt anlässlich der Eröffnung zweier französischer Bahnlinien: “Es beginnt ein neuer Abschnitt in der Weltgeschichte, und unsere Generation darf sich rühmen, dass sie dabei gewesen.” Nun verkürzten sich Tagesreisen auf Stunden. Die Passagiere waren euphorisch, wie etwa der dänische Dichter Hans Christian Andersen: “Du siehst zum Fenster hinaus und entdeckst, dass du einherjagst wie mit galoppierenden Pferden, es geht noch schneller, du scheinst zu fliegen…”

Manche hielten die Eisenbahn jedoch für Teufelszeug, für ein rauchendes Ungeheuer. Von einer süddeutschen Kanzel wetterte der Pastor: “Die Eisenbahn kommt aus der Hölle, und jeder der mit ihr fährt, kommt geradezu in die Hölle hinein.” Hingegen war sich Meyers Konversationslexikon von 1846 sicher, dass “in der neuen Fortbewegung ein Keim allgemeiner Glückseligkeit liegt”.

Gerade erleben wir Ähnliches wieder: Erneut fällt eine biologische Schranke – diesmal geht es nicht um die Grenzen der Muskelkraft, sondern um diejenigen geistiger Leistungen, die der Mensch lange exklusiv für sich reklamierte. Schach und Go spielen Rechner längst erfolgreicher als wir. Muster in Daten ausmachen, das kann künstliche Intelligenz heute bereits besser und schneller als Menschen, und sie ermüdet dabei nicht. Auch beginnt sie, natürliche Sprache zu verstehen und zu übersetzen, Bilder zu erkennen, Prognosen zu erstellen, Schlussfolgerungen zu ziehen, zu lernen und Ratschläge zu geben.

Wieder gelten einigen die maschinellen Fähigkeiten als Satanswerk. Der Milliardär und Raumfahrtpionier Elon Musk etwa hält KI für deutlich gefährlicher als Atomwaffen. Auch Googles Director of Engineering, der Erfinder und Zukunftsforscher Ray Kurzweil, befürchtet die baldige Machtübernahme durch selbstbewusste Computer, die sich der menschlichen Vorherrschaft entziehen. Ähnlich dachte der weltberühmte britische Physiker Stephen Hawking. Andere hoffen auf die Lösung jeglicher Probleme durch KI, wieder andere sehen in ihr nichts weiter als mäßig komplexe Mathematik.

Wer hat recht? Liegt etwa in der KI “ein Keim allgemeiner Glückseligkeit”? Kommentatoren in 200 Jahren werden es wissen. Sie mögen über unsere Sorgen und unseren Überschwang genauso schmunzeln, wie wir darüber lächeln, dass den ersten Zugreisenden vor 200 Jahren als rasend schnell erschien, was uns heute nicht einmal als Bummelzugtempo gilt. Was bleibt uns in der Zwischenzeit? Vielleicht der Versuch, ein Stück der künftigen Abgeklärtheit vorwegzunehmen.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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