Aus Linux-Magazin 08/2019

Alles im Fluss

Jan Kleinert, Chefredakteur

Es gibt Menschen, die lassen sich freiwillig fesseln. Wer zuerst an Facebook- oder Google-Nutzer denkt, liegt ebenso falsch wie jene, die meinen, dass Editorials in Magazinen, die auch Minderjährige kaufen dürfen, jedes noch so abseitige Thema behandeln könnten. Hier soll es um Entfesselungskünstler gehen, also Leute, die öffentlich vorführen, wie sie sich aus einer fixierten Position heraus mit Geschick und Kraft selbst befreien. Harry Houdini, der 1874 als Erik Weisz in Budapest geborene Altmeister, war Vorbild ganzer Generationen von Kettensprengern.

Dass auch im fernen Indien Illusionisten Houdini nacheifern, ist bei einem so einwohnerreichen Land ebensowenig ein Wunder wie der Umstand, dass die Entfesslungs- als Teilgebiet der Zauberkunst nur im geringen Maße fehlertolerant ist. Der Inder Chanchal Lahiri, der im fesselnden Metier seit mehr als zwei Jahrzehnten tätig ist, bekam es 2013 bei einem Stunt mit handgreiflichen Publikum zu tun, nachdem dieses beobachtet hatte, wie der Künstler durch eine Tür aus einem angeblich hermetisch verschlossenen Käfig entwich.

Dieser Tage wollte Lahiri offenbar die früheren Tricksereien vergessen machen, indem er sich in Kalkutta mit Seilen und Ketten gefesselt öffentlich im Ganges versenken ließ. Bilder zeigen den auffällig Gewandeten, wie er mit beseelter Mine gefesselt am Haken in Richtung Wasser schwebt. Die örtliche Wasserschutzpolizei barg einen Tag später die Leiche des “Zauberers Mandrake”, so der Künstlername des Ertrunkenen.

Seine Körperlosigkeit macht es einfach, Mandrakes Seele erinnerungstechnisch vom Ganges an die Seine zu transferieren. In Paris erschien 1998 erstmals Mandrake Linux, eine nicht nur in Frankreich beachtete Distribution für Desktops. Der Name leitet sich von der Heil- und Ritualpflanze Mandragora ab, der Alraune. Allerdings erwies sich in der Post-Dotcom-Ära der Desktop-Linux-Markt als nur im geringen Maße fehlertolerant. 2005, nach der Fusion mit dem brasilianischen Unternehmen Conectiva, kamen die Namensänderung in Mandriva und neue Linux-Produkte. Doch seinen ökonomischen Fesseln entkam die Firma nicht, und seit Mitte 2015 versank sie in einer Liquidation Judiciaire und wurde im Oktober 2017 formal für tot erklärt. Grand Malheur!

Quelle Surprise! Anders als indische Alraune-Zauberer ist der Software jedoch kein so endgültiges Schicksal beschert: Bereits 2010 hatte sich der Mandriva-Entwickler Jérôme Quelin vom ausgelaugten Acker gemacht und einen Fork unter dem Namen Mageia, an dem heute Hunderte arbeiten, sowie eine Non-Profit-Organisation auf den Weg gebracht. Für dieses Jahr ist Version 7 geplant. Mageia, so viel etymologische Besserwisserei muss sein, ist das griechische Wort für Magie.

Ebenfalls 2010 entstand der russische Mandriva-Fork Rosa Linux. Aus dem wiederum formte sich 2013 die Distribution Open Mandriva LX und die Open Mandriva Association nach französischem Recht, welche die Software-Rechte der in der Seine versunkenen Alraunen-Firma übernommen hatte. Gerade eben ist Open Mandriva LX 4 erschienen.

Sei es Wagemut, sei es Leichtsinn, der zu manchem Untergang im Strom der Zeit geführt hat. Zu Lebzeiten praktizierte Quelloffenheit jedoch macht ein Leben nach dem Tod nachweislich möglich, während andere Religionen das Konzept der Reinkarnation nur als Glauben anbieten können. Ist doch fesselnd, oder?!

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