Aus Linux-Magazin 07/2019

Gebannte Blicke

Jan Kleinert, Chefredakteur

Das richtige Händchen bei der Gründung eines Firma zu haben, ist nicht selbstverständlich. Neben das Auswahl einer lukrativen Branche gilt es auch, das Risiko der Unternehmung zu bewerten. Wer sich zum Beispiel auf die Produktion von Anreicherungsturbinen für Uran eingeschossen oder bolivianische Drogenkartelle als Hauptabnehmer hat, muss mehr Störungen seiner verdienstvollen Tätigkeit befürchten als jemand, der die Weltherrschaft in der Schnürsenkel-Branche anstrebt.

Doch selbst risikoscheue Firmen kann ein Bann wie der Blitz aus heiterem Himmel treffen, der die Umsätze einbrechen lässt. Denn mittlerweile ist es nicht mehr nötig, etwas Schlimmes zu verkaufen; es genügt die Fähigkeit, dies zu können. Das jüngste Beispiel dafür ist schnell zu finden, aber schwierig auszusprechen: Huawei.

Der chinesische Technolgiekonzern ist auf eine US-Sanktionsliste geraten, die sich aus Donald Trumps ausgerufenen Telekommunikationsnotstand ergibt. “Telekommunikationsnotstand” klingt nach einem verstopften präsidialen Twitter-Kanal. Doch so ulkig ist das für Huawei nicht, wenn sich von dem Konzern seine Technolgie-Zulieferer abwenden: ARM, Qualcomm, Intel (Chips) sowie Google (Android) und Microsoft (anderes Zeugs).

Der Vorwurf der US-Regierung: Huawei könnte in ihre Mobilfunk-Netztechnik Hintertüren einbauen. Dafür, dass die Firma, die der chinesischen Regierung nahestehen soll, tatsächlich Spähsoftware ausliefert, gibt es keinen Beweis. In einem Rechtsstaat würde man wohl die Unschuldsvermutung ansetzen, ein Privileg, das die US-Firma Cisco ungleich schwerer geltend machen kann. Die musste im Jahr 2014 einräumen, dass hinter dem Port 32 764 vieler ihrer Router eine Backdoor eifrig klappert.

Huaweis Behandlung als Aussätzige bietet zudem Gelegenheit, Androids angeblich umfassenden Freiheitsrechte für Benutzer zu betrachten. Offenbar ist es so, dass trotz GPL und Apache-Lizenz bei Smartphone-Herstellern in der Praxis das Licht ausgeht, wenn Google sein fütterndes Händchen ängstlich zurückzieht.

Was können künftige Firmengründer aus dem Vorfall lernen? Schneidet eure Produkte und Dienstleistungen so zu, dass ihr Alternativen habt, wenn es dumm oder wenn Trump kommt. Freier Zugang zur Technik und deren Offenheit schützen vor Unbill und sichern eine dauerhafte Geschäftstätigkeit. Dass dies nach freier Software klingt, ist kein Zufall. Und dass Huawei fieberhaft an eigenen Betriebssystemen arbeitet, auch nicht.

Wat dem Unternehmen sin Uhl’, ist dem Staat sin Nachtigall: Gerade hat Südkoreas Regierung angekündigt, ihre Ministerien Zug und Zug auf Linux-Clients umzustellen. Mit Blick auf Münchens rückabgewickelte Linux-Migration mag mancher einwenden, die Leute in Seoul lebten wohl etwas hinterm Mond.

Sollte das so sein, dann sind sie dort selber hingeflogen: Südkorea hat unter den OECD-Staaten die höchste Rate von Absolventen in Naturwissenschaften und Ingenieurswesen, gibt mit 4,3 Prozent seines Brutto-Inlandsproduktes mehr für Forschung und Entwicklung aus als jeder andere und führt den Bloomberg Innovation Index an. Dass das Land das schnellste Internet der Welt besitzt und seit 2001 einen zweiten, funktionierenden Hauptstadt-Flughafen, kann nun kaum mehr überraschen.

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