Aus Linux-Magazin 02/2019

Walverwandtschaft

Jan Kleinert, Chefredakteur

Das leider recht häufige Phänomen ist wenig erforscht. Der Klimawandel, wegen dem kühle Meeresströmungen ihren Weg ändern, kommt in Frage, aber auch Umweltgifte, Geräusche von Bohrinseln und Schiffsschrauben sowie Sonarexperimente des Militärs. Die Rede ist von Walen, die sich in seichte Küstengewässer verirren und dort auflaufen. Herbeieilenden Menschen gelingt es nur selten, sie wieder in tiefere Gewässer zu schleppen. Die meisten der klugen Tiere, deren in Strophen vorgetragener Gesang über-, wenn nicht außerirdisch klingt, verenden, da ohne Wasser ihre Wärmeregulierung versagt. Große Wale werden von ihrem eigenen Gewicht erdrückt. Die Bilder der hilflosen Könige der Ozeane treffen uns unvorbereitet an einer empfindsamen Stelle der Seele und machen sprachlos.

Auffallend viel Trauer durchweht auch die Kommentare auf den fehl navigierten und final gestrandeten IT-Messe-Koloss Cebit. Zwei, drei Generationen IT-ler hatten die Cebit im übertragenen wie im Wortsinne durchlaufen, heiße Prozessoren und dicke Rechner bestaunt, das erste Handy ihres Lebens berührt, Politiker vorbeirauschen sehen, mit Linux-Gurus geredet, unverschämte Preise an Imbissen bezahlt und sich von Wachleuten bei Standpartys abdrängen lassen.

Überhaupt die Partys: Auf ihrem Zenit (Mitte der 90er bis Ende 00er) bei der Messe AG unbeliebt (Flecken auf den Teppichen), gerieten die Russendiskos mit Wladimir Kaminer (Kaspersky), die Leningrad Cowboys (Nokia) oder die Galas japanischer Druckerhersteller zum eigentlichen Event, dem Dabeigewesene zu Recht nachtrauern.

“Das neue Konzept der Cebit, das auf den Dreiklang aus Messe, Konferenz und Festival setzte, konnte den Abwärtstrends der Besucherzahlen nicht stoppen”, ist nun aus Hannover schmallippig zu vernehmen. Den erwähnten Dreiklang hatte die Deutsche Messe AG Mitte 2018 noch in den höchsten Tönen gelobt, obgeich die Zahlen den Schlussakkord eines atonalen Requiems näher legten. Das Konzept mit abendlichen Konzerten und Equipment für Kindergeburtstage am Tag wirkte wie erdacht von 55-jährigen Vorständen, die sich hippe Jugendkultur vorstellen, um jetzt mal eine neue Besuchergeneration aufs Gelände zu lotsen.

Doch es griffe zu kurz, diesen letzten von vielen Richtungswechseln der Ausrichter allein für das Scheitern verantwortlich zu machen. Im Kern hat sich das IT-Weltklima zu Ungunsten dieser Art Präsentation gewandelt. Kaum ein Hersteller wartet noch Messen ab, um relevante Produkte vorzustellen – wer heute etwas fertig hat, drückt es umgehend in den Markt. Hinzu kommt, dass die Bedeutung herzeigbarer Hardware abnimmt zu Gunsten von Software und Services – was es vorzuführen gibt, zeigt man auf Bildschirmen. Da fragt sich der Besucher natürlich, ob er das besser zu Hause probieren sollte, und der Anbieter, warum er die Standfläche so teuer bezahlt.

Dagegen kommen auch Torwände, eine Minigolfbahn, zwei Bikeparks, das Riesenrad (SAP) und ein Besucher-Hebekran (IBM) auf dem “d!campus” (früher: Freigelände) oder der nasal hochbegabte Jan Delay am Abend nicht an. Den Tod am Strand vor Augen, hätte sich die Cebit 2018 zumindest musikalisch statt Mainstream auch Avantgarde trauen können. Eine Pointen-taugliche Möglichkeit: Björk und die Dirty Projectors, die 2011 mit “Mount Wittenberg Orca” einen Songzyklus herausgebracht haben, der Walgesänge digital imitiert.

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