Aus Linux-Magazin 09/2018

Na, Mahlzeit!

Jan Kleinert, Chefredakteur

Der Aufenthalt im Freien ist gefährlich. Zum Glück hilft die Vernunft den meisten von uns, die Gafahren einzuschätzen: Aufgrund eines Zeckenstichs eine der beiden ebenso schwer verlaufenden wie aussprechbaren Krankenheiten zu bekommen, ist statistisch äußerst unwahrscheinlich – auch deshalb, weil die meisten Erwerbsbiografien es nicht zulassen, in den Sommermonaten täglich nackt durch hüfthohes Gras zu schreiten.

Es gibt aber auch Menschen, bei denen Bildung, Reife und Fantasie nicht reichen, um lauernde Gefahren einzuschätzen. Im südafrikanischen Sibuya-Reservat fanden Wanderer Anfang Juli frische Skelettreste von mindestens zwei Menschen. Anhand ebenfalls aufgefundener Gegenstände – ein Jagdgewehr mit Schalldämpfer, Axt und Drahtschere – ließ sich rekonstruieren, dass es ich um Nashorn-Wilderer gehandelt haben muss, die nachts auf ihrer Pirsch Opfer eines Löwenrudels geworden sind. Die Überreste der Nationalpark-Eindringlinge in der Ostkap-Provinz waren so spärlich, dass sich die Zahl der Opfer schwer schätzen ließ.

Man mag einwenden, dass es Leuten, die vom Aussterben bedrohte Unpaarhufer versuchen zur Strecke zu bringen, recht geschieht, wenn sie selbst zum Fleischgang beim großen Dinner der Natur werden. Die Neigung, Darwin bei Strunzdoofen oder Kriminellen die Regie zu überlassen, ändert sich mit der Kulisse des Geschehens. So ist es einerseits kein Zeugnis Hegelscher Vernunft, wenn sich alkohol- und testosterongeflutete Führerschein-Neulinge in ihren gebrauchten PS-Boliden auf dem Nachhausweg von der Dorfdisco um den nächsten Baum wickeln. Andererseits fühlt sich die Politik aufgerufen, die Zahl der Verkehrstoten zu reduzieren. Viele davon, in Niedersachsen sind es 70 Prozent, liegen auf oder unmittelbar neben Landstraßen.

Mit der “Richtlinie für passiven Schutz an Straßen” versucht das deutsche Bundesverkehrsministerium seit einigen Jahren gegenzusteuern. Obwohl in der Richtline das Wort Baum nicht vorkommt, führt sie dazu, dass bei Alleen, auf denen schon Goethe oder die Buddenbrocks kutschierten, nun die Motorsägen die Regie übernehmen, wenn die Bäume näher als 8,50 Meter am Fahrbahnrand stehen. Auf Südafrika übertragen bedeutet das: Schießt die Löwen ab, denn auch die Angehörigen von Wilderern sind Wähler.

Wer seinen Blick von den Gefahren im Busch und auf Landstraßen wegschweifen lässt hin zu den Wägbarkeiten des vernetzten Draußen stößt vielleicht auf die jüngste repräsentative Studie der Prüfungs- und Beratungsfirma Pricewaterhouse Coopers mit dem Titel “Vertrauen in Medien”. Die hat ergeben, dass es 41 Prozent der befragten 18- bis 29-jährigen Deutschen und sogar 44 Prozent der 30- bis 39-jährigen nicht stört, dass gefräßige Social-Media-Anbieter ihre Daten verkaufen, um ihr Netzwerke gratis anzubieten. Schockierend: Nur 8 Prozent der Befragten interessiert überhaupt, was genau mit ihren Profilen geschieht. Und auch hier versucht die Politik seit Kurzem, die Menschen per Verordnung vor den Auswirkungen ihrer Gleichgültigkeit und Idiotie zu schützen.

Andererseits: Sollte es ein Recht auf wenigstens partielle Doofheit geben? Ist nicht jeder von uns manchmal doof? Und ist es in allen Fällen richtig, die Löwen oder Facebook über das Strafmaß für unsere Stumpfheit entscheiden zu lassen? Ein erster Schritt kann sein, beim Aufenthalt im Freien aufmerksamer zu agieren – denn da ist’s gefährlich.

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