Es war einmal eine freundliche Firma aus San Francisco, die Open-Source-Entwicklern kostenlos das beste Portal zum Hosting, Propagieren sowie fürs Mergen und Forken von Code bereitstellte. Ihr Geld verdiente sie mit nicht-öffentlichen Repositories und Enterprise-Versionen für dicke Firmenkunden.
Die 24 (andere Quellen sprechen von 27) Millionen Benutzer lebten zufrieden und glücklich. Aber eines schrecklichen Tages brach ein berüchtigter, seelenloser Konzern in dieses Idyll ein und kündigte an, für eine Riesenmenge dreckigen Geldes die freundliche Firma zu schlucken.
Es ist leicht zu verstehen, wie traurig nun alle Bewohner der glücklichen Open-Source-Welt wurden, einige sogar richtig wütend. Sie erinnerten sich sogleich an das Schicksal anderer sympathischer Unternehmungen, die der Konzern in der Vergangenheit geschluckt und nur halb verdaut hatte. Das gruselige Märchen beruht natürlich auf einer wahren Begebenheit und soll hier den Titel “Github und das gefräßige Microsoft” tragen. Können flammende Appelle, Boykotts, Kartellbehörden, eine gute Fee, die den Microsoft-Chef nächtens von seinem schändlichen Tun abbringt, oder D. Trump das Ruder noch rumreißen?
Nein, können sie vermutlich nicht. Denn der Vorgang ist systemisch und hat mit den Personen oder ihren Vorlieben wenig zu tun. 2012 und 2015 hat Github mindestens 350 Millionen bei mehreren Risikokapitalgebern eingesammelt und verbraucht. Man darf Venture-Capital-Firmen nicht übel nehmen, wenn sie ihre Anteile versuchen mit möglichst hohem Gewinn wieder abzustoßen – die machen nur ihren Job. Dass bei dem Deal die verbliebenen Anteile die Github-Gründer Chris Wanstrath, PJ Hyett und Tom Preston-Werner zu Milliardären macht, dürfte bei dessen Zustandekommen nicht abträglich gewesen sein.
Diese Art Übernahmen kommen nämlich sogar ohne absahnbereiten Risikokapitalisten zustande: Die Praxis zeigt, dass die meisten Allein-Inhaber ihre Firmen abgeben, wenn jemand ihnen nur genügend Geld und einen gut dotierten Beratervertrag in die fleißigen Gründer-Hände drückt. Für Aktiengesellschaften (oder abspaltbare Teile davon) und deren Aktionäre gilt das Gleiche.
Bleibt noch die Frage zu klären, warum Microsoft für eine verschuldete Firma, die geschätzt 110 Millionen US-Dollar Umsatz (nicht Gewinn) im Jahr macht, 7,5 Millarden Dollar hinblättert. Um der Freien-Software-Community einen empfindlichen Schlag versetzen? Bei so viel Geld hört die Feindschaft auf.
Wahrscheinlicher ist, dass Microsoft (vielleicht mit KI-Tools) zuschaut, was in den 67 Millionen Repositories vorgeht, um die eigenen Produkte und Services früher als bisher für neue Anforderungen zurechtzuschneidern. Außerdem können Microsofts Verkäufer den Entwicklern von 52 Prozent der Fortune-50-Unternehmen bei der hausinternen Enwicklungsarbeit zusehen, um sie im richtigen Moment ansprechen zu können. Es geht ums Geld – worum auch sonst?! Das Microsoft-Management verhält sich also Kapitalismus-logisch, so wie Google und die anderen Riesen, die technologische Perlen vom Markt wegkaufen. Muss man ihnen das übelnehmen?
Der Fehler – wenn man das Geschehen so bezeichnen will – liegt also im System. Kann/soll die Politik eingreifen, um die entfesselten Kräfte des Kapitals im Jahr des 200. Geburtstags von Karl Marx zu bändigen? Hält nationale Abschottung die Raubtiere draußen? Eine Internetsteuer? Shitstorms? Eine Übernahmekandidaten-Blockchain? Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.







