Aus Linux-Magazin 07/2018

Heilige Messe

Jan Kleinert, Chefredakteur

Wichtiger als damit Status oder Prestige zu erreichen, ist ihnen, dass ihre Arbeit Sinn ergibt. Sie arbeiten lieber in Teams als in tiefen Hierarchien, Selbstverwirklichung hat Vorrang vor hohem Einkommen. Das Internet ist allgegenwärtig, und das ist gut so. Klingt nach dem Sozialprofil von Open-Source-Entwicklern, die nach Abschluss ihres Studiums gerade bei einem Linux-Firma angefangen haben? Nein! Die Rede ist von der Generation Y, also der Bevölkerungskohorte, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurde.

Wer meint, dieses Schubladen-Beschriften sei eine gegenstandslose Nabelschau der Sozialwissenschaftler und Demografen in ihrem Elfenbeinturm, irrt. Die ganze Marketingindustrie lechzt nach soziologischen Erkenntnissen wie Vampire nach frischem Blut. In Y wächst nämlich die nächste Konsumenten-Generation heran. Es ist bezeichnend, dass “Generation Y” das erste Mal in einer Marketing-Zeitschrift aufgetaucht ist, während die “Generation X”, also die zwischen 1965 und 1980 Geborenen, ihren Schubladen-Namen wenigstens einer Reportage des bekannten Fotografen Robert Capa zu verdanken hat.

Auch die Veranstalterin der Cebit in Hannover ist vom Y-Virus befallen. So tragen die vier Cebit-Säulen ein Ausrufezeichen in Namen. Der “d!campus” beispielsweise wird Showcases und Open-Air-Inszenierungen bringen, dem Austausch und Partys dienen. Messe-Vorstand Oliver Frese verkündete, die Cebit “setzt stark auf Emotionen und macht sich somit fit für die Generation Y, die bereits mit Selbstbewusstsein und neuen Ideen in die Wirtschaft drängt.”

Linux-Fans und -Firmen, die sich in Hannover zwischen den hip angesetzten Konzerten und Showeinlagen so etwas Dröges wie IT reinziehen wollen, wird vielleicht wundern, dass die Messe ihre Förderung des Open Source Forums fallen gelassen hat und damit der ganze Open Source Park im Jubel der Y-Generation untergegangen ist.

Auch wenn man der Meinung sein könnte, dass die Messe AG so den Paragrafen 64 der Gewerbeordnung verletzt, der eine Messe als Veranstaltung festlegt, “auf der eine Vielzahl von Ausstellern das wesentliche Angebot eines oder mehrerer Wirtschaftszweige ausstellt”. Letztlich bleibt eine Messe eine wirtschaftliche Unternehmumg, der so etwas wie Wesentlichkeit, Ausgewogenheit oder gar Bildungauftrag fremd sind. Man kann der Messe mit ihrem Generation-Y-Chromosom nur wünschen, dass er ungefähr weiß, was er tut (und lässt).

Der wohl größte Publikumsmagnet über die vielen Y-freien Jahre auf dem Forum war stets Klaus Knopper – rammelvoll war’s jeden Mittag, wenn er sein neues Knoppix vorgeführt hat, coole Hotkeys erklärt, die Systemsicherheit durchdrungen oder Fragen aus dem Publikum beantwortet hat. Der Knoppix-Erfinder aus der Generation X, Linuxtag-Mitgründer und Professor an der Hochschule Kaiserslautern kann Linux und zugleich den Funken überspringen lassen – was zugegebenermaßen selten ist. Schade.

Die Linux-Magazin-Redaktion fand das auch und veranstaltet darum für Klaus Knopper eine eigene Messe – wie die Cebit vom 11. bis 15. Juni. Nicht in Hannover, aber im Internet unter https://www.linux-magazin.de/knoppix. Nicht mit Skateboards und Rappern, aber mit Klaus und in Linux-bewegenden Bewegtbildern. Nicht mit saftigem Eintritt, sondern kostenlos und mit trockenem Humor. Nicht nur für die Generation Y, sondern auch für X, Z, Boomer und sogar jene, die in keine Schublade passen.

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