Aus Linux-Magazin 06/2018

Meinungsmache

 

Gott hat den Seelen der Menschen Metalle beigemischt, die ihren Rang kennzeichnen: Eisen für Bauern und Handwerker, Silber für die Wächter und Gold für die Regenten. Natürlich ist das ein Märchen. Das wusste auch schon Platon, aber er hielt es als “edle Täuschung” für gerechtfertigt, um die Ständeordnung zu stärken. Von da an zieht sich eine direkte Linie durch die Jahrtausende bis zu Ulbrichts “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten”, bis zu Barschels Ehrenwort oder Clintons “I did not have sexual relations with that woman”. Lügen sind älter als die Politik. Fake News gab es immer.

Aber eines ist neu: Nie zuvor in der Geschichte erreichte die Lüge Abermillionen Menschen und war gleichzeitig zugeschnitten auf den Geschmack jedes einzelnen Empfängers. Nie zuvor schlich sie sich in dessen Hosentasche und landete, getarnt als private Message, auf dessen Smartphone, einem Gerät, dem viele unentwegt Beachtung schenken. Nie zuvor konnte sie einen Verteilmechanismus kapern, der eigentlich für Katzenvideos berechnet war, für harmlosen privaten Tratsch, der emotionalisiert, der verstärkt, was vermutlich gefällt. Das gibt es erst seit Social Media. Seit Cambridge Analytica & Co. zig Millionen Profile erstellen konnten, für maßgeschneiderten Agitprop via Facebook.

Der Digitalisierung haben wir zu verdanken, dass heute Begriffe wie “Öffentlichkeit” oder “Meinungsbildung” anders zu definieren sind als noch vor zehn Jahren. Das hat praktische Konsequenzen, deren Reichweite nicht zu überschätzen ist. So gibt es “Indizien dafür, dass der Sieg von Trump ohne die digitale Revolution nicht möglich gewesen wäre”. Das ist ein Fazit der Studie, die Professor Simon Hegelich vom Lehrstuhl Political Data Science der Hochschule für Politik an der TU München im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung verfasst hat.

Zwar ist Amerika weit weg, schon aber lernen auch hierzulande namentlich die Rechten von ihren amerikanischen Brüdern im Geist, von Breitbart und Alt Right, erfolgreich auf der Social-Media-Klaviatur zu spielen. Auch das belegt die Studie, die dafür unter anderem 350 Millionen Tweets ausgewertet hat. Herausgekommen ist zum Beispiel, dass die AfD auf Twitter zwar die wenigstens Follower im Parteienvergleich hat, aber die meisten Retweets erzeugt und mit Abstand am häufigsten genannt wird. Auch bei den Facebook-Likes führt die AfD mit großem Vorsprung, ihre Beiträge werden im Netz häufiger geteilt, als die Beiträge aller anderen Parteien zusammengenommen. Ein Teil des Erfolgs beruht darauf, dass rechte Politiker das Internet direkt als Gegenspieler der “Systempresse” zu etablieren versuchen. Das Emoticon, das AfD-Anhänger öfter als jeder andere Parteigänger wählen, ist der Wütende. Ein anderer Teil geht nachweislich auf Manipulation zurück, auf hyperaktive Nutzer, die Hunderte Beiträge liken, oder auf Social Bots.

Kann es noch faire Wahlen geben, wenn Millionen Wählern unbemerkt demagogische Postings untergeschoben werden? Ist das noch Demokratie? Keiner, auch nicht die Wissenschaft, hat im Moment ein Patentrezept. Doch eines ist sicher: Dass man das Internet einfach unreguliert einer Handvoll Plattformbetreiber überlässt, die es als Monopolisten schon irgendwie richten werden – das jedenfalls hat schon mal nicht funktioniert. “Aus der Demokratie entwickelt sich, wenn die Freiheit im Übermaß bewilligt wird, die Tyrannei.” Meint Platon.

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