Aus Linux-Magazin 01/2018

Captain & Cook

Jan Kleinert, Chefredakteur

“Sie sind kein Regisseur! Sie müssen bei mir lernen! Sie sind ein Anfänger! Ein Zwergenregisseur sind Sie”, beleidigte Klaus Kinski den Filmemacher Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu “Aguirre, der Zorn Gottes” bereits in den frühen 70ern. Die Ausfälle des 1991 verstorbenen Schauspielers waren legendär, ungezählt die Talkshows und Interviews, die er als Gast pulverisierte.

Auch einige Politiker wie Herbert Wehner (“Mann, hampeln Sie doch nicht so herum. Sie sind doch Geschäftsführer und nicht Geschwätzführer!”) oder Franz Josef Strauß (“Wenn’s schon kein Hirn haben, dann halten Sie’s Maul wenigstens. Dieses dämliche Gequatsche eines politisierenden Beatles!”) waren bekannt für ihre Wutausbrüche.

Obwohl Choleriker (lateinisch, der “Gelbgallige”) zu sein kein medizinisch anerkanntes Krankheitsbild ist, leidet zumindest das soziale Umfeld unter den verbalen Entgleis-Arbeiten der Schimpfkanonen. Die exothermen No-Names sind für Kollegen und Familien in der Regel die reine Last. Bestenfalls die prominenten Choleriker wie die oben genannten entwickeln fürs nicht direkt betroffene Publikum einen eigenen Unterhaltungswert.

Linus Torvalds ist zum Glück prominent und erfüllt somit die Formalie, seine Verbalinjurien in Unterhaltung umzumünzen. Gerade hat er auf seiner bevorzugten Kleinkunstbühne, der Kernelentwickler-Mailingliste, Sicherheitsforscher als “verfickte Idioten” qualifiziert. So großes Kaliber ist heute selbst unter Knast-Insassen außer Mode. Unter Akademikern, welche der philanthropischen Aufgabe nachgehen, die Software-Welt zu einem besseren Ort zu machen, wirkt “verfickte Idioten” wie ein Haufen Hundescheiße auf einem Suppenteller der Queen.

Wer und was mag den in einer skandinavischen Konsensgesellschaft aufgewachsenen Linux-Papst so in Rage versetzt haben? Kees Cook heißt der Provokateur, Mitglied des Pixel-Sicherheitsteams bei Google und Gründer des Projekts “Linux Kernel Self-Protection” (siehe Artikel ab Seite 26), der den Linux-Kinski ins Rollen brachte, den Anstoß gab sein eingereichter Patch mit Sicherheitsverbesserungen.

Sicherheitslücken verdienen nach Torvalds’ Vorstellung keine Sonderbehandlung, es seien auch nur Bugs, die gefixt gehören. Sicherheitsforscher wie Cook & Co. wollten sich nur auf Kosten der Entwickler profilieren, statt die Fehler zu beheben. Ganz furchtbar findet er den Ansatz, Prozesse oder gar den Kernel selbst abzuwürgen, wenn Buffer Overflows auftreten. Richtig sei dagegen, den Kernel sicher am Laufen zu halten und bei Malware-Verdacht eine Warnung in ein Logfile zu schreiben.

Torvalds’ ehrabschneidende Unterstellungen gegen Cook sind natürlich unhaltbar, und auch sachlich spricht einiges für die “Kernel Self-Protection”-Strategie. Andererseits pflichten in der Sache auch dem Linux-Captain viele Sicherheitsforscher bei. Hohe Softwarequalität sei der beste Garant für Systemsicherheit. Für Torvalds selbst scheinen zudem automatische Fuzzy-Tests sehr wichtig zu sein (siehe Artikel ab Seite 22).

Abseits der Grabenkämpfe bleibt am Ende die Frage zurück, ob und wie die Community mit Linus’ cholerischer Seite umgehen kann. Der Philosoph Aristoteles zumindest sah es positiv: “Wem der Zorn fehlt, dem fehlt auch die Selbstachtung.” Oder um es mit dem späten Kinski zu sagen: “Früher habe ich Menschen gehasst. … Heute weiß ich: Ich wollte das Gegenteil nicht zugeben.” Oh Captain, mein Captain.

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