Das Leben als Landwirtschafts-Nerd bis zum 10. Jahrhundert konnte ziemlich öde sein: Das Essen war eintönig und ungewürzt, das Haus feucht und zu klein, die Familie hungrig und zu groß, die Feldarbeit viel zu schwer und die Absatzmöglichkeiten der eigenen Bioprodukte lausig. Um sich zu zerstreuen, blieben dem Bauern nur das Saufen und sonntags der Gang zur Messe in lateinischer Sprache.
Bei der Ausgangslage verwundert es nicht, dass die neu erfundenen Jahrmärkte, abgehalten in den Städten im zeitlichen Umfeld hoher christlicher Feiertage, schnell zum Renner wurden. Neben der Möglichkeit, Produkte aller Art zu verkaufen und zu kaufen, reisten auch Gaukler, Wahrsager, Quacksalber, Spielleute und Beutelschneider an. Bauer-Power: Bei den größeren Jahrmärkten, die sich wegen ihre zeitlichen und örtlichen Nähe zu den Kirchenfesten “Messe” nannten, stieg der Fernhandelsanteil, das Rahmenprogramm ergänzte die örtliche Gerichtsbarkeit mit Hinrichtungen – Business meets Entertainment in seiner Reinform.
Wer an dieser Stelle des 12. Jahrhunderts abspringt, landet ohne viel Verrenkung auf dem Pflaster zwischen CCC und Freitreppe im Hannover des 21. Jahrhunderts. Wer das Mitte März tat, fand sich als Besucher der Cebit wieder. Die Wahrscheinlichkeit, bei der Landung einen Ticketinhaber umzurennen, ist seit den früheren 2000er Jahren geringer geworden, weil die Besucherzahl seither von rund 800 000 auf 200 000 degeneriert ist.
Während der Cebit 2017 zog die Deutsche Messe AG, Veranstalterin des schrumpfenden Digitalspektakels, Konsequenzen: Sie verlegt die Cebit 2018 in den Frühsommer und kürzt sie um einen Tag. Ein neues Konzept soll mehr “Eventcharakter” verleihen und normale Besucher anlocken. Aktionen außerhalb und Konzerte sollen aus jungen Leuten hippen Messe-Nachwuchs machen. Mit neuen Konzepten haben die Veranstalter viel Praxis. Um es robuster zu sagen: Die Ausrichtung der Cebit flattert seit zwei Jahrzehnten wie Wimpel auf einem Ritterturnier. Mitte der 90er zum Beispiel versuchte die Messe Endanwender, Gamer und Interessierte an Multimedia-Zeugs mit rigiden Regeln und hohen Eintrittspreisen zu vertreiben. Zu laut, zu jung, zu wenig ERP und mittlere Rechentechnik. Die sollten sich auf die neu gegründete Cebit Home verpissen, die sich zügig als Flop erwies.
Die geduldeten Businessbesucher hatten sich in den Hallen gesittet zu verhalten – für Partys wurde pro angerissener Stunde und Messestand-Quadratmeter eine saftige Vergnügungssteuer fällig. Dass das normale Messe-Essen eintönig und ungewürzt, die Unterkünfte feucht und klein, die Gastfamilien genervt und die auf der Messe generierten Leads lausig waren, – wen kümmerte das damals? Um sich zu zerstreuen, blieben ja das Saufen und der tägliche Gang zur Messe. Wenige Jahre später schlug das Pendel zurück.
Den letzte Neustart vollführte die Messe 2014: “Wir konzentrieren uns zu 100 Prozent auf Business und sehen darin neue Wachstumschancen”, sagte Messechef Oliver Frese damals, und nennt Fragen seiner künftigen Besucher: “Wie kann ich mit digitalen Anwendungen meine Firma schneller und besser machen? Werden meine Mitarbeiter produktiver?” Konsequenterweise bekamen Jugendliche unter 16 Jahren den Zutritt verwehrt. Wer anhand des Personalausweises sein älteres Semester beweisen konnte, zahlte an der Tageskasse 60 Euro, ein Jahr zuvor waren es noch 39 Euro.
Wie mag die Cebit 2018 werden? Gaukler, Wahrsager, Quacksalber, Spielleute, Beutelschneider? Nerd wird sehen.







