Aus Linux-Magazin 04/2017

Weißwürstchen

Jan Kleinert, Chefredakteur

Im August werden es 25 Jahre, die ich in München wohne. Herzuziehen, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Die bayerische Metropole hält für Zugereiste nicht nur anspruchsvolle Arbeitsplätze bereit, sondern auch eine einzigartige Alltagskultur: Laue Sommerabende im Biergarten, Surfer auf der gefährlichen Eisbach-Welle, die Kammerspiele, die Wiesn, der Chinesische Turm, …

Neben den touristischen Besonderheiten sind es auch Umfang und Qualität der öffentlichen Dienstleistungen, die das Leben in München angenehmer machen als anderswo. Wenn im Sommer die Grashalme auf einem zwei Handtücher großen Bodenstück hinter einer Bushaltestelle höher als zehn Zentimeter stehen, kommt jemand von der Stadt und sichelt sie kurz – fast ein bisschen spießig, nicht?!

Ist mal ein neuer Flughafen nötig, findet seine Einweihung genau am geplanten Tag statt. Wenn an einem Freitagnachmittag, wo man Beamte bei der Familie wähnt, sich ein Amokläufer durch ein Münchner Einkaufszentrum schießt, dann sind kurze Zeit später gefühlte 1000 Polizisten vor Ort. Das ist gar nicht spießig, sondern die Gewissheit, dass in der Landeshauptstadt öffentliche Stellen im Hintergrund ungemein effizient und effektiv arbeiten. Kein Wunder, dass bei Kommunalwahlen viele Bürger – auch ich – ihre Kreuzchen so setzten, dass München bleibt wie’s ist.

Dass genau diese Verwaltung unter dem damaligen stets gut informierten und zudem mit Humor begabten Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) nach reiflicher Überlegung beschloss, Linux auf (fast) alle Desktoprechner der Behörden zu installieren, um dem Vendor-Lock-in von Microsoft zu entkommen, passt ins Bild dieser, meiner Stadt. Es gibt wohl kaum eine Megacity auf der Welt, deren IT-Chefin oder -Chef noch nichts vom Projekt “Limux” gehört hat. Viele Fachverfahren-Software-Geplagte reisten an, um das Wunder von München zu bestaunen.

Wer hoch steigt, kann tief fallen – so geschehen auf der Stadtratssitzung am 15. Februar, bei der sich die SPD-Regierenden hinter ihrem aktuellen OB Dieter Reiter zusammen mit den Stadträten des Koalitionspartners CSU von Limux und Linux abwandten. Das “Experiment” mit der “rigorosen Open-Source-Strategie” sei gescheitert, oder: “Vielleicht ist Linux für manche Nutzer die richtige Wahl, aber nicht für München.” Alle beriefen sich auf unzufriedene “Betroffene”, mit denen sie geredet hätten. Zudem behindere Linux die Suche nach IT-Personal. Bewerber seien “abgeschreckt”, da München ein Betriebssystem benutze, das sie “nicht von zu Hause kennen”.

Nun solle die Stadt bis 2020 ein “marktgängiges” Betriebssystem, alle wussten welches – Windows – anschaffen. Jedem mit etwas Sachkenntnis, der sich die IT-Situation der Stadt schildern lässt, wird sofort klar, dass das Ausmaß der Probleme für so große Organisationen normal ist und dass das Betriebssystem das kleinste davon ist. Das sehen die Oppositionsparteien auch so. Doch postfaktische Anti-Limuxer beeindruckt Sachkenntnis nicht.

Der Durchmarsch großen IT-Deppenkoalition zerstört gleich meine Wohlwoll-Sicht auf die Ansiedlung links und rechts der Isar mit. Mir fallen das Transrapid- und das Zweiter-S-Bahn-Tunnel-Debakel ein, der jämmerliche Zustand der Radwege und Schultoiletten, der Feinstaub in der Innenstadt, die absurden Mietpreise, bei denen selbst Besserverdiener die letzten 500-Euro-Scheine zweimal rumdrehen müssen, die vielen NS-Bauwerke, …

Kann ich hier weitere 25 Jahre verbringen? Zumindest werde ich bis zum Tage meiner Ausreiße-Ausreise meine Kommunalwahl-Kreuzchen nicht mehr an marktgängiger Stelle machen.

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