Aus Linux-Magazin 03/2017

Gut geföhnter Nachteil

Jan Kleinert, Chefredakteur

Schon vor 14 Monaten habe ich an dieser Stelle über Donald Trump geschrieben – eher beiläufig und unter der guten Annahme, dass seinen Namen ein zweites Mal in einen Computer zu tippen, kaum nötig werden würde. Es sollte anders kommen: Wenn es diese Linux-Magazin-Ausgabe zu kaufen geben wird, wird der poltergeistige Immoblien-Mogul und Twitter-Hero schon zwei Wochen lang Präsident sein.

Dass erhebliche Teile der Erdbevölkerung den Wahlausgang wunderlich bis ärgerlich finden und Trump im letzten Jahr das New Yorker Establishment, ganz Hollywood und die Tech-Eliten aus dem Silicon Valley gegen sich hatte – drauf gesch… Es ist Zeit anzuerkennen, dass eine viel größere Zahl US-Wähler mit wirtschaftlich prekären Realitäten klarzukommen hat. Viele haben erlebt, wie heimische Firmen mit glanzvollen Namen vor die Hunde gingen, und mit ihnen die Jobs, die bis in die 90er vielen neben Geld auch gesellschaftliche Anerkennung brachten. Dies kann das Wahlergebnis nicht entschuldigen, aber erklären.

Es lohnt trotzdem bei den Ursachen dieses Niedergangs genauer hinzusehen, als es Trump und die Betroffenen getan haben. Sicher gibt es Industrieprodukte, die in China in gleicher Qualität viel billiger als in Nordamerika zu produzieren sind. Dieser simplen ökonomisch Logik wird simpler Protektionismus Trumpscher Auspägung nichts entgegenzusetzen haben.

Die vielen wirklich guten Jobs gab es aber sowieso bei den hochwertigen Produkten und Dienstleistungen – und viele der Firmen und Markennamen hätten weiter funktionieren können. Ab den 90ern aber kamen Massenhersteller, kauften die kleineren Konkurrenten mit den großen Namen auf, klebten fortan die teuren Labels auf ihre billigen Produkte und schlossen die Werke einige Zeit später. Game over.

Den kaltschnäuzigen Multis die alleinige Schuld zu geben, greift aber zu kurz, denn jedem Käufer steht ein Verkäufer gegenüber. Und die Verkäufer damals waren genau die genialen Vordenker und Erfinder, die genialen Markenschmiede und gütigen Patriarchen, deren Namen man in den verwaisten Industrieregionen heute ehrfürchtig nennt. Diese Inhaber nämlich haben ihre Firmen für viele Dollars vertickt und noch einen dicken Beratervertrag obendrauf bekommen. Die Arbeitslosen und Wähler von heute daran zu erinnern, hat Donald Trump tunlich unterlassen.

Klar, in der IT-Industrie ist die wirtschaftliche Lage viel mehr Südhang als in Fertigungsindustrie des mittleren Westens. Jetzt aber geht die Furcht um, erste ersten Demutsbekundungen aus dem Silicon Valley gehen im Trump Tower ein. Dass Firmenübernahmen in der Computer- und Internetwirtschaft mehr noch als anderswo an der Tagesordnung sind, könnte und sollte zu denken geben: Käufern, Verkäufern, Angestellten – und Wählern. Vulgo: Wenn dem einen beim Verkaufen seiner Firma alles außer dem Geld scheißegal ist, und wenn sich der andere beim Investieren wie ein Arsch aufführt, dann sollten sich beide nicht wundern, wenn Angestellte zu Wahl-Idioten werden und ihr nächster Präsident ein zotiger Zausel.

Zeit, die Hände zu waschen!

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