Aus Linux-Magazin 06/2016

Remote-Desktop-Anwendungen

© Potapova-Valeriya, 123RF

Remote-Desktop-Anwendungen erlauben den Fernzugriff auf Rechner inklusive Desktop-Sharing. Abhängig vom Protokoll beherrschen sie noch etliche Zusatzfunktionen. Das macht sie sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich zu nützlichen Helfern. Die Bitparade wirft einen Blick auf einige Kandidaten.

Zickt Omas Arbeitsrechner aus den 1990er Jahren mal wieder rum und wäre der Besuch der alten Dame mit einer Fernreise verbunden, schlägt die Stunde von Remote-Desktop-Software. Mit ihr reparieren Freizeitadmins die Desktops entfernter Verwandter. Die Software macht sich auch in Unternehmen nützlich, wollen diese aus der Ferne Support für ihre Kunden leisten. Eine zentrale Funktion ist das Desktop-Sharing: Will der Entwickler den Kollegen die neue Website vorführen, teilt er seinen Desktop unkompliziert mit ihnen.

Letztlich lassen sich grob zwei Arten von Remote-Desktop-Anwendungen unterscheiden, wobei die Definitionen fließend sind. Bei Remote-Desktop-Anwendungen, die auf Virtual Network Computing (VNC) setzen, dient ein Rechner als Server. Er schickt das Bild seines Desktops als komprimierte Bitmap an den Client. Die Programme laufen auf dem Server, der Nutzer bedient sie am Client, indem dieser Mausbewegungen und Tastatureingaben an den Server schickt.

Anwendungen, die auf RDP-artige oder proprietäre Protokolle setzen, schicken beim Desktop-Sharing als Terminalserver Bildschirminhalte in Form von Primitiven, einer Mischung aus Bildern und Informationen, über das Netzwerk an einen, aber auch an mehrere Clients (Multichannel). Auch den Desktop-Sound übertragen sie bei Bedarf. Die Nutzer arbeiten dann, allein oder parallel zu anderen Usern, auf dem Desktop des Servers, als säßen sie direkt davor.

Beide Softwarekategorien überschneiden sich in ihrer Funktionalität. Neuere Software ermöglicht es etwa, zugleich zu chatten, Dateien zu senden, über das Internet zu telefonieren sowie Videos zu übertragen. Diese Bitparade analysiert die Harmonie der Fernbeziehungen von Real-VNC [1], Tight-VNC [2], Teamviewer [3], Anydesk [4], NX [5] und dessen freiem Ableger X2go [6], vergleicht Funktionen und Leistungsfähigkeit und betrachtet die Technik dahinter.

VNC: Framebuffer voraus

Real-VNC und Tight-VNC gehören zu einer Gruppe von Remote-Desktop-Anwendungen, die sich des Virtual Network Computing (VNC, [7]) bedienen. Die grundlegende Technik hinter VNC ist das plattformunabhängige Remote Framebuffer Protocol (RFB, [8]). Da es auf der Framebuffer-Ebene arbeitet, funktioniert es für Fenster-basierte Systeme wie Windows, OS X oder X11, ermöglicht aber auch plattformübergreifende Verbindungen. RFB überträgt die Bildschirminhalte als Bitmaps, wobei der Server auf einen Client-seitigen »FramebufferUpdateRequest« jeweils nur mit den Änderungen seit der letzten Anfrage antwortet (»FrameBufferUpdate« ).

Im Gegensatz zu den VNC-Vertretern setzen die Fernwartungstools Teamviewer und Anydesk auf proprietäre Protokolle. No Machines NX und die freie Implementierung X2go fallen technisch betrachtet eher in die Kategorie Terminalserver, erfüllen aber ebenfalls den Zweck eines Remote-Desktop-Programms. Ihr Vorteil gegenüber VNC besteht darin, dass sie den Datenverkehr komplett verschlüsseln. Im Gegensatz zu einigen VNC-Anwendungen müssen ihre Nutzer zudem keine Portweiterleitung manuell einrichten, falls der entfernte Rechner nicht im lokalen Netzwerks hängt.

Vielseitige Verwendung

Die Anwendungsgebiete von VNC sind vielfältig. Außendienstmitarbeiter verbinden sich über das Protokoll mit ihren Unternehmensfilialen. Da nicht alle VNC-Varianten verschlüsseln, sichern die Admins solche Sitzungen oft mit Hilfe von SSH-Tunneln ab. Damit erschlagen sie auch gleich das Problem der Portweiterleitung. Unternehmen mit vielen Außendienstlern sparen dank kostenfreier VNC-Clients Geld, denn für Tools wie Teamviewer oder Anydesk fallen im kommerziellen Einsatz Gebühren an. Zugleich bleibt der Datenaustausch unter eigener Kontrolle.

Auch Server, die eine grafische Oberfläche benötigen, steuert der Admin per VNC. Der Hypervisor Virtualbox bietet VNC an, um eine virtuelle Maschine ohne Display (Headless) zu betreiben [9].

Real-VNC

Die Remote-Desktop-Anwendung Real-VNC (Abbildung 1, [1]) setzt auf das RFB-Protokoll. Sie arbeitet plattformübergreifend und lässt sich unter Unix-verwandten Systemen wie Linux, OS-X, Solaris, HP-UX und AIX, aber auch unter Windows und auf dem Raspberry Pi einsetzen. Die gängigen Linux-Distributionen bringen eigene Pakete für Real-VNC mit. Bei Debian heißen diese »vnc4server« und »xvnc4viewer« , für RPM-basierte Distributionen sind es »realvnc-vnc-server« und »realvnc-vnc-viewer« . Für den Viewer gibt es mittlerweile auch Apps für Android und I-OS.

Abbildung 1: Die Verbindung mit Real-VNC stellt der Admin über die Kommandozeile her.

Abbildung 1: Die Verbindung mit Real-VNC stellt der Admin über die Kommandozeile her.

Die Software ist in Java geschrieben, unterliegt der GPL sowie proprietären Lizenzen. Die Entwickler verteilen Real-VNC in vier Editionen. Die Open Edition kostet nichts, Interessierte müssen sich allerdings registrieren und die Software aktivieren. Seit Version 5 gibt es neben der Open Edition auch eine Free Edition, die nach einem freien Lizenzschlüssel verlangt.

Die Personal Edition und die Enterprise Edition sind beide kommerziell und unterscheiden sich im Wesentlichen in der Zielgruppe. Richtet sich die Personal Edition an Heimanwender und kleine Gewerbetreibende (und Windows-User mit Windows Vista aufwärts), soll die Enterprise Edition größere Firmen beglücken. Im Gegensatz zur kostenlosen Open Edition verschlüsseln die beiden letztgenannten und erlauben es, Dateien auszutauschen, zu chatten und auf entfernten Geräten zu drucken.

Auf dem zu steuernden Rechner installiert der Admin VNC in einer der Varianten. Auf dem Client, der auf das entfernte Gerät zugreifen will, spielt er einen VNC-Viewer. Viewer und Server bauen dann eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung auf, die, wenn sie verschlüsselt ist, sicher zu kommunizieren erlaubt.

Hauptsächlich eignet sich Real-VNC dafür, aus der Ferne auf den eigenen Rechner zuzugreifen, aber auch als Remote-Helpdesk-Applikation. Das Preismodell für die kommerziellen Varianten richtet sich nach der Anzahl der zu kontrollierenden Desktops, zu denen auch virtuelle zählen. 30 Euro verlangt der Anbieter pro Desktop für die Personal Edition, die Enterprise Edition schlägt mit 44 Euro zu Buche.

Tight-VNC

Eine weitere Remote-Desktop-Anwendung heißt Tight-VNC (Abbildung 2, [2]), sie setzt ebenfalls auf VNC und somit auf RFB als Protokoll. Die Software steht unter der GPL, sie lässt sich somit privat und kommerziell frei einsetzen. Sie ist in C, C++ und Java verfasst und liegt für die Plattformen Linux und Windows vor. Ein Mischbetrieb beider Systeme ist also möglich, zusätzlich bietet der Anbieter einen Java- sowie – mit Remote Ripple [10] – einen Android-Viewer an.

Abbildung 2: Tight-VNC über SSH-Tunnel mit Putty.

Abbildung 2: Tight-VNC über SSH-Tunnel mit Putty.

Seit es den Java-Viewer gibt, erscheint allerdings keine separate Linux-Version des Clients mehr. Die existiert nur bis Tight-VNC 1.3.10. Die Software ist zudem über die Paketmanager der meisten Distributionen installierbar.

Tight-VNC ist kompatibel mit den Client- oder Server-Komponenten anderer VNC-Implementierungen. Das Tool legt den Fokus auf Komprimierung und verwendet dafür namentlich Jpeg und Zlib. So kommt es auch mit geringen Bandbreiten zurecht. Seine Nutzer können Videos ansehen und Direct-X-Spiele spielen, wenn auch bei reduzierter Bildwiederholrate auf Breitbandverbindungen. Tight-VNC verschlüsselt lediglich Passwörter, eine Komplettverschlüsselung steht auf der Agenda. Um die Sicherheit zu erhöhen, raten die Entwickler, Verbindungen über SSH zu tunneln.

Mit Tight-VNC steuern User die Desktops entfernter Rechner. Seit Version 2.0 beherrscht es Autoscaling und passt die Größe des Displays im Viewer an die des entfernten Rechners an – unabhängig von der Client-Auflösung. Für die Windows-Plattform (Abbildung 3) verringert der Admin die nötigen Systemressourcen, indem er Server-seitig die DF-Mirage-Driver-Hooks [11] installiert.

Abbildung 3: Unter Windows erfordert der Zugriff auf die VNC-Server oft Änderungen an der Firewall. Zudem sollte der Admin beim Einsatz von Tight-VNC Zusatzsoftware installieren, um die Ressourcen zu entlasten.

Abbildung 3: Unter Windows erfordert der Zugriff auf die VNC-Server oft Änderungen an der Firewall. Zudem sollte der Admin beim Einsatz von Tight-VNC Zusatzsoftware installieren, um die Ressourcen zu entlasten.

Auch erwähnenswert: Von Tight-VNC stammen verschiedene Ableger ab, etwa Remote-VNC, Tight-VNC Portable, Turbo-VNC und Tiger-VNC [12]. Der zuletzt genannte Sprössling spaltete sich 2009 vom Mutterschiff ab, ist recht verbreitet und die Standard-VNC-Anwendung von Fedora.

Im Gegensatz zu Tight-VNC ist Tiger-VNC mit Erweiterungen ausgestattet, die es Usern erlauben, sich zu authentifizieren und mit TLS zu verschlüsseln. Ihren Schwerpunkt legt die Software auf 3-D-Darstellung und Video-Anwendungen.

Ähnlich gestrickt

Teamviewer und Anydesk haben vieles gemeinsam, weisen aber auch klare Unterschiede auf. Beide Anwendungen sind kommerziell ausgelegt, setzen auf proprietäre Protokolle und bieten kostenlose Versionen von sich für den Privatgebrauch an. Beide bieten dank benutzerfreundlicher GUIs (Abbildung 4) viel Komfort, durchdringen Firewalls ohne manuelle Eingriffe des Admin und benötigen kaum Konfiguration. Die Zugriffsrechte verwaltet der Admin über Black- und Whitelists.

Abbildung 4: Teamviewer bietet eine Reihe von Optionen in der Serviceleiste der grafischen Oberfläche.

Abbildung 4: Teamviewer bietet eine Reihe von Optionen in der Serviceleiste der grafischen Oberfläche.

Teamviewer

Teamviewer (Abbildung 5) kommt sowohl im Privatbereich als auch in Unternehmen zum Zuge. Die Fernwartungssoftware bietet Screen-Sharing, Videokonferenzen, Dateitransfers, Chats und VPN an. Sie steht für Windows, OS X, Chrome OS sowie für RPM- und Deb-basierte Linux-Distributionen bereit. Anders als Anydesk läuft sie nicht nativ auf Linux, sondern braucht eine Wine-Umgebung. Für Linux steht nur eine 32-Bit-Version bereit, ein Multiarch-System ist daher Pflicht. Teamviewer unterstützt Android, I-OS und Blackberry mit Apps in beide Richtungen, für Windows Phone gibt es einen Viewer.

Abbildung 5: Auch über Teamviewer lässt sich von einem Linux aus bequem auf ein Windows zugreifen.

Abbildung 5: Auch über Teamviewer lässt sich von einem Linux aus bequem auf ein Windows zugreifen.

Teamviewer verbindet Rechner über abgesicherte Datenkanäle und initiiert die Verschlüsselung per 2048-Bit-RSA-Public-Private-Key-Exchange. Danach setzt die Software auf eine symmetrische 256-Bit-AES-Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Das Verfahren gilt nach derzeitigen Standards als sicher. Zusätzlich signiert Verisign die Software per Code Signing. Das soll garantieren, das nur legitime Varianten in Umlauf kommen. Zahlenden Kunden bietet Teamviewer auch eine Zwei-Faktor-Authentifizierung.

Als Bezahlmodell setzt die Firma auf den Verkauf von Lizenzen. Der Kunde zahlt eine einmalige Gebühr und kann die Software dann unbegrenzt verwenden. Weitere Kosten fallen nicht an. Das Unternehmen bietet Lizenzen in den vier Geschmacksrichtungen Business, Premium, Corporate und Enterprise an. Eine Business-Lizenz kostet 550 Euro, der Kunde darf sie auf bis zu drei Geräten einsetzen. Hinzu kommen ein Sitzungskanal mit unbegrenzten Endpunkten und die Grundfunktionen einer Managementkonsole. Für 1150 Euro (Premium) beziehungsweise 2300 Euro (Corporate) dürfen es mehr Geräte sein und die Managementkonsole bietet entsprechend mehr Funktionen. Das Modell Enterprise erfüllt schließlich nach Absprache individuelle Anforderungen für Großkonzerne und Dienstleistungsunternehmen.

Anydesk

Die Stuttgarter Anydesk Software GmbH ist ein noch recht junges Unternehmen und wurde 2014 von drei ehemaligen Teamviewer-Angestellten gegründet, die glauben, ein besseres Produkt zustande bringen zu können. Im gleichen Jahr erschien Anydesk (Abbildung 6) als Betaversion für Windows XP, 7, 8.x und 10. Die Windows-Version lässt sich auch einfach per Mausklick auf die nur rund 1 MByte große Exe-Datei starten und ist somit portabel.

Abbildung 6: Windows-Sitzung mit Anydesk unter KDE. Das proprietäre Protokoll überträgt Daten recht fix.

Abbildung 6: Windows-Sitzung mit Anydesk unter KDE. Das proprietäre Protokoll überträgt Daten recht fix.

Mittlerweile gibt es Anydesk auch für Linux und BSD in stabilen Versionen. Auf Linux-Admins warten native Versionen (jeweils für 32- und 64-Bit-Systeme) für Debian, Ubuntu, Fedora, RHEL, Mageia, Open Suse und SLES sowie eine generische Linux-Version. Eine Mac-Version und Apps für Apple- und Android-Tablets sind geplant.

Während der Bedienkomfort sicherlich eine subjektive Frage ist, liegen die Anydesk-Macher in Sachen Geschwindigkeit und Qualität der übertragenen Desktops sehr gut im Rennen. Ihnen hilft ein proprietäres Protokoll, das die Daten mit Desk-RT überträgt.

Der von Anydesk eigens entwickelte Videocodec für grafische Bedienoberflächen komprimiert zugleich die Daten. Das Protokoll überträgt die Bildschirminhalte dank spezieller Kompressionsverfahren mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde. Zugleich puffert Anydesk in einem Zwischenspeicher bis zu 100 Bildschirminhalte, die es dann im Bedarfsfall nicht neu übertragen muss.

Die Entwickler haben Anydesk tief in das jeweilige Betriebssystem integriert und auf Multiprozess-Architekturen optimiert. So landen die Bilddaten nach nur wenigen Verarbeitungsschritten auf dem Bildschirm. Die weltweit verteilten Server des Unternehmens setzen auf Erlang-OTP [13], eine Middleware für den Bau verteilter, hochverfügbarer Systeme, die auf der von Ericsson entwickelten Programmiersprache Erlang basiert. Die Sicherheit garantiert TLS 1.2, die Verbindungsteilnehmer authentifiziert Anydesk kryptographisch.

Die Software setzt auf ein jährliches Bezahlmodell. Neben der kostenlosen Version, die einen Arbeitsplatz mit einer gleichzeitigen Sitzung, Sound- und Video-Übertragung sowie Datentransfer abdeckt, bieten die Macher eine Lite-Version für 60 Euro und eine Profi-Variante für 180 Euro an. Weitere Anforderungen handeln Interessenten im Enterprise-Tarif individuell aus.

No Machine NX

Die Terminal-Server-Software NX (Abbildung 7, [5]) der italienischen Softwareschmiede No Machine ist das Äquivalent von Microsofts RDP [14] für die Linux-Welt und eignet sich besonders für Verbindungen, die nur über eine geringe Bandbreite verfügen. Dazu steigert NX die Effizienz des X11-Protokolls, indem es die Daten im Netzwerkverkehr komprimiert und einen Cache für bereits übertragene Daten anlegt. Zudem reduziert das hauseigene NX-Protokoll die von X11 ausgiebig verwendeten Roundtrips zwischen X-Client und X-Server, welche die Latenzen der Verbindung erhöhen (Abbildung 8).

Abbildung 7: No Machines NX speichert die letzten Verbindungen und ermöglicht so schnelle Zugriffe.

Abbildung 7: No Machines NX speichert die letzten Verbindungen und ermöglicht so schnelle Zugriffe.

Abbildung 8: Wer an den einzelnen Optionen dreht, kann aus den NX-Verbindungen noch mehr Bandbreite herausquetschen.

Abbildung 8: Wer an den einzelnen Optionen dreht, kann aus den NX-Verbindungen noch mehr Bandbreite herausquetschen.

NX überträgt die Daten über einen SSH-Tunnel. Es arbeitet dabei nach dem Client-Server-Modell, wobei der NX-Server Sitzungen auch an VNC-Server oder per RDP an Windows Terminalserver weiterleiten und den Datenverkehr dabei nochmals komprimieren kann. Der NX-Client läuft unter Linux, Windows, OS X und auf weiteren, teils exotischen stationären und mobilen Plattformen.

Die Server- und Client-Komponenten von NX sind seit Version 4.0 proprietär. Die Entwickler bieten ein breites Spektrum an Enterprise-Produkten [15] an, die Admins 30 Tage lang kostenlos testen können. Sein Lizenzmodell bindet No Machine an die Anzahl der verwendeten CPU-Kerne und die jeweilige Plattform. Unter Linux spielt auch die gewählte Distribution eine Rolle. Preise beginnen bei rund 700 Euro und sind nach oben offen.

X2go

Eine beliebte freie Alternative zu NX ist der Terminalserver X2go (Abbildung 9, [6]), der ebenfalls nach dem Client-Server-Prinzip arbeitet. Er steht für Linux, Maemo und Windows bereit. Die Client-Software läuft auf Thin Clients, PCs, Webbrowsern und Mobilgeräten. Auf die Sitzungen greifen Nutzer per Firefox-Add-on über einen Webclient zu. X2go bedient sich, wie auch das nicht mehr aktiv entwickelte Free NX, bei den Bibliotheken von No Machine NX in Version 3, die noch der GPL unterlagen.

Abbildung 9: Konfiguration einer Sitzung unter X2go, das das freie NX-Protokoll in Version 3.0 verwendet.

Abbildung 9: Konfiguration einer Sitzung unter X2go, das das freie NX-Protokoll in Version 3.0 verwendet.

Auf Basis dieser Bibliotheken hat das X2go-Projekt eine Anzahl an Erweiterungen aufgebaut, die mit Pyhoca-gui unter anderem eine alternative grafische Oberfläche umfassen. Da X2go auch in Unternehmen beliebt ist, gibt es eine umfangreiche Dokumentation sowie ein deutsches Forum. Der Client und das alternative GUI gehören in den meisten Distributionen zum Standardrepertoire. Für den Server, das Web-Plugin und viele andere Erweiterungen muss der Admin meist das X2go-Repository einbinden. Das Projekt unterliegt der GPLv2 und der AGPLv3.

Handhabung

Die Anwendungsmöglichkeiten der im Artikel vorgestellten Remote-Desktop-Anwendungen sind vielfältig und unterscheiden sich in ihrer Methodik, in den verwendeten Protokollen sowie in den Lizenzen, denen die Anwendungen unterliegen. Alle Anbieter haben zwar kostenlose Varianten im Angebot, gänzlich freie Software unter der GPL bieten aber nur Tight-VNC und seine Derivate wie etwa Tiger-VNC und der Terminalserver X2go.

Als gemeinsamer Nenner in Sachen Funktionalität greifen alle Kandidaten im Test auf entfernte Rechner zu. Die VNC-Varianten haben ihr Betätigungsfeld hauptsächlich im LAN sowie beim SSH-gesicherten Zugriff auf die eigene Infrastruktur aus der Ferne. Eine Funktionsvielfalt, wie sie Teamviewer oder Anydesk bieten, brauchen ihre Anwender meist nicht. Ihnen genügen der Zugriff auf den Desktop des entfernten Rechners sowie der Datenaustausch.

Tabelle 1

Remote-Desktop-Anwendungen im Vergleich

 

Real-VNC

Tight-VNC

Teamviewer

Anydesk

No Machine NX

X2go

Plattformen

Linux, Windows, OS X, Solaris, HP-UX, AIX

Linux, Windows, Android (Viewer)

Linux, Windows, Chrome OS, OS X, Android, I-OS, Windows Phone (Viewer)

Windows, Linux, BSD

Windows, OS X, Linux, Solaris, Sharp Zaurus, Sony Playstation 2, HP-Compaq I-Paq, Android, I-OS

Linux, Maemo, Windows

Lizenz

GPL/proprietär

GPL

Closed Source

Closed Source

Closed Source (seit Version 4.0)

GPL, AGPL

Protokoll

VNC

VNC

proprietär

proprietär

NX-Protokoll

NX-Protokoll v3.0

Desktop-Sharing

ja

ja

ja

ja

ja

ja

Datenaustausch

nur kommerziell

nein

ja

ja

ja

ja

Chat

nein

nein

ja

ja

nein

nein

Videokonferenz

nein

nein

ja

ja

nein

nein

Kostenlose Version

ja

ja

ja

ja

nein

ja

Verschlüsselung

nur kommerziell

nein

ja

ja

ja (SSH-Tunnel)

ja

Autom. Portweiterleitung

nein

nein

ja

ja

ja

ja

Am Markt seit

2002

2001

2006

2014

2004

2007

Teamviewer und Anydesk sind proprietär, bieten aber kostenfreie Versionen für den privaten Gebrauch an. Sie lassen sich von technisch weniger versierten Anwender leichter in Betrieb nehmen als die VNC-Varianten. No Machine NX ist dank seiner grafischen Benutzerführung ebenfalls einfach zu handhaben, aber auch die freie Variante X2Go stellt halbwegs versierte Linux-Nutzer vor keine größeren Hindernisse.

Eine Alternative, die sehr wenig Aufwand erfordert und in einer Minute einsatzbereit ist, stellt Googles Chrome Remote Desktop [16] dar, das Nutzer als Erweiterung des Browsers installieren.

Der Komfort der getesteten Anwendungen fällt unterschiedlich aus, In Fragen der Geschwindigkeit und der Qualität der Darstellung stehen alle Kandidaten bei gängigen Anwendungsprofilen gut da. Dabei eignet sich Tight-VNC aufgrund seine Kompressionsmethode besonders für langsame Verbindungen. Gut bedienbar, vielseitig und gleichzeitig freie Software ist X2go.

Wenn die Lizenz keine Rolle spielt, bietet sich der proprietäre Newcomer Anydesk an, der mit dem eigens entwickelten Videocodec Desk-RT neue Maßstäbe in Sachen Komprimierung, Geschwindigkeit und Darstellungsqualität setzt. Hier gibt es unter Linux noch eine Einschränkung: Nutzt der steuernde Part eine grafische Oberfläche auf Qt-Basis, kommt es vereinzelt zu Abstürzen. Laut Aussage der Entwickler sei Abhilfe in Arbeit.

Das breit gefächerte Portfolio der Remote-Desktop-Anwendungen deckt also viele Anwendungsfälle ab. Als Entscheidungskriterien bieten sich neben der Funktionalität die Wahl der Lizenz sowie, im kommerziellen Bereich, die Kosten an. Im privaten Bereich zählt erfahrungsgemäß der Bedienkomfort mehr als die Lizenz. Wie bei Linux üblich obliegt dem Anwender – je nach eigener Absicht – die Qual der Wahl.

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 7 HeftseitenPreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Nach oben