Das Linux-Magazin begeht dieses Jahr seinen 20. Geburtstag. Neben der Freude darüber, das dienstälteste gedruckte Nur-Linux-Medium auf der Welt zu sein, mischen sich zugleich Gedanken an übrig Gebliebenes und Vergänglichkeit. Ich meine nicht nur die rund 1000 unerledigten E-Mails in meinem Posteingang, die sich über reichlich ein Jahrzehnt angesammelt haben. Vorgestern legte mir eine Kollegin einen Stapel Zip-Disketten mit Linux-Magazin-Druckdaten aus den späten 90ern auf den Schreibtisch.
Der journalistischen Linux-Chronistenpflicht folgend, würde ich die Daten gerne ins Heute überführen. Gerade im Zuge der 20-Jahres Ausgabe könnten wir die auch gut brauchen. Nur wie rankommen? Gestern habe ich aus einem (im Wortsinne) Haufen zum Verschrotten freigegebener Hardware ein Zip-Laufwerk gezogen. Als Nächstes brauche ich ein seltsames Scsi-Kabel und einen PC, wo ich das reingesteckt bekomme …
Was dem Linux-Magazin in zehn Jahren in Sachen Leichen-im-Keller bevorsteht, kann es sich schon heute bei Apple anschauen. Der Macintosh des Computerpioniers ist dieser Tage 30 Jahre alt geworden. Damals galt der Mac als das Sinnbild für digitale Unabhängigkeit, wozu sicher Ridley Scotts Anti-Big-Brother-Werbevideo genauso viel beigetragen hat wie die Einstellung: Damals wären Apples Allgemeine Geschäftsbedingungen von heute undenkbar gewesen.
Ein TV-Team des National Geographic Channel ist dieser Tage bei den Dreharbeiten für die Dokureihe “Diggers – die Schatzsucher” überraschend auf eine bislang verschollen geglaubte Zeitkapsel gestoßen. Die hatten die Veranstalter der International Design Conference in Aspen vor 30 Jahren verbuddelt. Sie sollte eigentlich nach 20 Jahre wieder geborgen werden. Aufgrund von Arbeiten auf dem betreffenden Gelände ging das Ding aber sprichwörtlich wie wörtlich verschüttet.
In der ausgegrabenen Zeitkapsel, vielleicht sollte man sie Zeit-Urne nennen, fand sich unter anderem Steve Jobs’ erste Computermaus. Die hatte der Apple-Gründer den Veranstaltern 1983 als persönlichen Gegenstand überlassen, nachdem er auf der Konferenz den mittlerweile legendären Vortrag “The Future is not what it used to be” gehalten hatte. Dabei benutzte er einen Apple-Computer, in das er genau das heutige Artefakt gestöpselt hatte.
Vielleicht sollte auch ich irgendwo ein Loch ausheben und die Zip-Disks für die interessierte Nachwelt versenken? Ich hätte ein Problem weniger, und ein archäologisch vernarrtes TV-Team der Zukunft ein Thema mehr. Wahrscheinlicher ist, dass mir die Aktion den Ruf einer Umweltsau einbrächte, der Schwermetalle und mit Weichermachern durchsetzten Kunststoff sorglos im Boden versenkt. Allein den laxen Umweltgesetzen des Jahres 1983 hat Steve Jobs es zu verdanken, dass seine damalige Müllentsorgungspraxis die heutige Öffentlichkeit mit Milde aufnimmt. Mäuse von heute, so viel muss klar sein, gehören nicht in Erdlöcher!
Die Zip-Disks lasse ich vorerst auf meinem Schreibtisch liegen. Meine 1000 historischen E-Mails könnte ich ja einem computergeschichtliches Museum übergeben. Das würde meine digitale Seele sehr entlasten, und die 20-Jahres-Feierlichkeiten dürfen beginnen.







