Alle wünschen sich den Erfolg. Den zum Beispiel, mehr Frauen in IT-Berufe zu bringen – momentan liegt die Quote bei mageren 15 Prozent. Und da sich Erfolge meist nicht von allein einstellen, muss der Engagierte nachhelfen: Die Non-Profit-Initiative Rails Girls beispielsweise versucht weltweit mit kostenlosen Workshops Frauen fürs Programmieren zu begeistern. Vorkenntnisse braucht es nicht, ein Laptop und zwei X-Chromosomen reichen.
Oder Xamarin-Gründer Miguel de Icaza, besser bekannt als Initiator von Gnome, Gnumeric, Mono und einigen anderen, zeigte sich dieser Tage verärgert über den geringen Erfolg von Linux auf dem Desktop. Die Schuld dafür trügen die Kernelentwickler (siehe Meldung auf S. 16). Pure Technikverliebtheit, schlechte Rückwärtskompatibilität der sich sowieso zu oft ändernden APIs und eine Fragmentierung der Distributionen seien die Ursachen. Linus und andere Kernel-Granden stiegen engagiert und seltsam dünnhäutig auf Miguels Gezicke ein, und sie keilen zurück, der FSF-Award-Träger selbst habe mit Gnome den Desktop fragmentiert.
Alle sehnen den Erfolg herbei – und sind geknickt, wenn er trotz Mühe ausbleibt. Der Begriff “Erfolg” bezeichnet das Erreichen selbst gesetzter Ziele. Stellt sich ein Erfolg nicht ein, deutet das gemeinhin auf einen Mangel an Umsetzungskompetenz hin. An dieser recht Führungskräfte-mäßigen Lehrmeinung jedoch müssen Zweifel erlaubt sein. Vielleicht liegts ja bloß am “Ziel”, zumal es “selbst gesetzt” ist?!
Beispiel IT-Berufe: Warum ist eine hohe Frauenquote ein erstrebenswertes Ziel und eine niedrige ein Misserfolg? Weniger Frauen als Männer streben in Computerberufe – ja und? Sind nicht eher Förderprogramme wie Rails Girls eine Form von Diskriminierung, die meinen, Frauen Informatikberufe erklären zu müssen?! Ganz so als gäbe es eine geschlechtsspezifische Wahrnehmungsstörung, die einer Bevölkerungshälfte den Blick auf die Schönheit des Programmierer- oder Admin-Berufs verwehrt. Frauen sind keine Schimpansen, die sich per se mit Ruby ein bisschen schwer tun und darum spezieller Betreuung bedürfen. Viele haben schlicht nur keinen Bock.
Beispiel Erfolg für Linux auf dem Desktop: Was macht eine gute Linux-Quote auf PCs zum Erfolg und eine schlechte zum Misserfolg, für den man sich schämen sollte und für den es Schuldige zu bestimmen gilt? Für Linux-Kopien gibt es erstens gewöhnlich keine Lizenzgebühren. Also existiert auch kein 1:1-Zusammenhang zwischen Menge der Installationen auf PCs und den Umsätzen der Distributionsanbieter.
Zweitens ist es für die Qualität und Quantität der Arbeit jedes Programmierers unerheblich, ob später 1000 oder zehn Million Menschen sein Programm benutzen – Mühe muss er sich immer geben. Und drittens ändert es für den einsamen Linux-Benutzer vor seinem PC nichts, ob nur 999 oder 9 999 999 andere PC-Benutzer gerade das gleiche Programm bedienen wie er. Mit seiner Freude darüber oder seinem Leiden bleibt er allein. Sachlich betrachtet hilft eine hohe Quote auf PCs substanziell keinem der tatsächlich Linux-Betroffenen.
Drum merket: Wenn es den selbst gesteckten Zielen an Relevanz mangelt, büßen auch Erfolg und Misserfolg an Bedeutung ein. Liebe Girls- und Desktop-Missionare, senkt die Waffen und geht in eure Klöster zurück! Ist ja nicht so, als gäbe es dort nichts zu tun.







