Aus Linux-Magazin 10/2012

Ganz natürlich

Die deutsche Firma Noiseblocker bringt im September PC-Axiallüfter auf den Markt, deren Rotorform von der Natur abgeschaut ist. Sie bauen auf dem Prinzip des Schlaufenrotors auf, das der Bioniker Rudolf Bannasch anhand der Beobachtungen von schwimmenden Pinguinen und fliegenden Seevögeln entwickelt hat. Mit Förderung des Bundesministerium für Forschung und Technologie sind so Computerlüfter entstanden, die laut Aussage des Herstellers weniger Energie verbrauchen und extrem geräuscharm arbeiten.

Neu ist auch ein wabbeliger Roboter aus Silikon, der seine vier Beine pneumatisch bewegt und ständig seine Außenfarbe passend zum Untergrund ändert. Das tut er auch mit Hilfe verschiedenfarbiger Flüssigkeiten, die er in andere kleine Känäle pumpt. Die geistigen Eltern des Wechselbalgs, ein Harvard-Biochemiker und sein Team, hatten sich Tintenfische und Chamäleons als Vorbild für ihren selbsttarnenden Weichling genommen. (Hoffentlich verlieren sie ihn nie aus den Augen.)

Das alles kann nur ein Anfang sein – Bionik, also das interdisziplinäre Abkupfern von der Natur, gehört weitergedacht. Beispielsweise gehört ein Apparat her, der den Vogel Strauß imitiert: Ein ebenso einfacher wie genialer Mechanismus müsste verschleißarm und ohne Benutzerinteraktion einen anmontierten Kopf zyklisch in den Sand stecken. Der Apparat könnte “Terra Plug Pro/Sand Edition” (TPP/SE) heißen und als Open Hardware entwickelt werden. Abnehmer zu finden sollte das kleinste Problem sein – Ignoranten gibt es genug. Die müssen bislang ihre Köpfe selbst in den Sand stecken, was, emsig praktiziert, sowohl die örtliche Bodenerosion fördert als auch für Brillen- und Zahnprothesenträger ein Verletzungsrisiko darstellt. In Gegenden mit Gassi gehenden Hunden sieht der manuelle Kopf-Reinstecker zudem hygienischen Grenzerfahrungen entgegen.

Gäbe es den TPP/SE schon zu kaufen, die deutsche Linux-Gemeinde sollte ihn zum Gadget des Jahres küren. Denn der Automatsierungsbedarf beim Kopf-in-den-Sand-stecken muss beträchtlich sein. Anders lässt sich die umfassende Gleichgültigkeit gegenüber dem aktuellen Beteiligungsangebot der Politik an Open-Sourceler kaum erklären. Zur Erinnerung: Der Bundestag hatte 2010 die Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” installiert, die neben 17 Abgeordneten und 17 Sachverständigen als 18. Sachverständigen die Netzgemeinde zur Beratung geladen hat. Die Ergebnisse der Beratungen, so die Absicht, bilden eine fraktionsübergreifende politische Position zum Internet und werden die Gesetzgebung in den nächsten Jahren beeinflussen.

Wie immer man zum Politikbetrieb steht – etwas mehr digitale Sachkenntnis in Berlin kann sicher nicht schaden. Linux betreffend steht die Enquete-Arbeitsgruppe “Interoperabilität, Standards, freie Software” im Fokus. Deren 18. Sachverständiger allerdings hinterlässt einen anämischen Eindruck: Unter https://standards.enquetebeteiligung.de, wo jedermann Themen vorschlagen und darüber abstimmen darf, herrscht Ödnis. Gerade mal zehn Themen haben sich binnen eines Jahres angesammelt, über den Vorschlag mit der größten Zustimmung haben 20 Basisdemokraten abgestimmt. Plebiszit sieht anders aus. Zugleich versichern reguläre Mitglieder der Arbeitsgruppe im persönlichen Gespräch, wie wichtig ihnen Input und Sachverstand der Freie-Software-Gemeinde ist.

Wenn sich auf der Beteiligungsplattform zehn gleich Gesinnte verabredeten, ihre Themen würden vermutlich alle im Abschlussbericht der Enquete-Kommission auftauchen und Software betreffende Gesetze beeinflussen – nie war Lobbyarbeit in Sachen Open Source leichter. Ein bisschen heiße Luft zu ventilieren reicht, abschauen lässt sich’s bei den Lüfter-Pinguinen.

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