Viele Computer-Fanatiker fieberten der Veröffentlichung des Raspberry Pi entgegen, Ende April war es endlich soweit. Die Vorbestellung des Modells B begann am 29. Februar 2012, die erste Charge Raspberry Pi’s mit einer limitierten Auflage von 10 000 Stück lieferten die Distributoren RS Components und Premier Farnell am 17. April 2012 aus. Auch das Linux-Magazin wollte so schnell als möglich eine der Himbeeren bekommen, doch das war leichter gesagt als getan. Weil Hersteller, Distributoren und Mitarbeiter es nicht schafften, die Kunden zu bedienen und mit Informationen zu versorgen, mussten auch die Autoren auf einen Pi der ersten Charge verzichten.
Angefangen hat alles im Jahr 2006. Der erste Prototyp mit einem Atmel-ATmega644 8-Bit Microcrontroller erschien auf der Bildfläche, und es gab auch die Schaltpläne der Platine. Der Microcrontroller war zu diesem Zeitpunkt auf 22,1 MHz getaktet. Im Mai 2011 kam das erste Prototypenboard, das aus einem USB 2.0 Anschluss, einer kleinen Built-In-Kamera und einem HDMI-Ausgang bestand. Doch richtig in Fahrt kam das Raspberry Pi erst im August 2011, als der Hersteller die ersten 50 Alpha-Boards produzierte. Dabei waren die Platinen größer als die heute ausgelieferten Raspberry Pi’s, man wollte geeignete Messstellen für die Fehlersuche haben.
Stiftung und Wettbewerb
Fast zeitgleich wurde ab dem 5. August 2011 ein Wettbewerb initiiert, der ein geeignetes Logo für das Raspberry Pi finden sollte. Es musste klein genug sein, um auf die Platine zu passen, allerdings auch aussagekräftig genug, um beim Verkauf von Merchandise-Artikel zu helfen. Gewonnen hat die Himbeere, die sich auch auf der Schachtel findet. Ab da ging es Schlag auf Schlag. Immer mehr Spezifikationen gelangten über Blog, Twitter und Facebook ans Licht, bis endlich die Vorbestellung möglich wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hat die Raspberry Pi Foundation durchaus Lob verdient, denn selten gab es ein Produkt im IT Bereich, bei dem fast wöchentlich Entwicklungsupdates preisgegeben wurden.
Die Raspberry Pi Foundation hinter dem Törtchen ist als Wohltätigkeitsorganisation (gemeinnütziger Verein) eingetragen, seit dem Mai 2009, in Caldecote, South Cambridgeshire, Großbritannien. Ihre Aufgabe ist es, einen kleinen Computer im Kreditkarten-Format herzustellen, der preisgünstig und stromsparend ist, sich allerdings auch als “echter” Computer nutzen lässt. Interessant ist der Pi vor allem für Entwicklungsländer, er soll aber auch in Schulen eingesetzt werden, um die Grundlagen der Informatik an Schüler zu vermitteln und das Interesse an der Technik zu fördern. Idealerweise soll er so billig sein, dass ihn die Schülernals Geschenk erhalten.
Startschwierigkeiten und Übergabe des Vertriebs
Doch schon ab den ersten Bestellungen gingen die Probleme los. Releasetermine musste die Foundation insgesamt 3 Mal verschieben, Gründe für die ersten beiden Terminverschiebungen wurden nie offiziell bekannt gegeben, doch Gerüchten zur Folge gab es Probleme mit den CE- und RoHS-Vorgaben. Bei der dritten Verspätung jedoch hatte der chinesische Hardwaremonteur einen falschen Ethernet-Port auf die Platine gesetzt und musste somit von vorne anfangen.
Lange Zeit fanden Interessierte auf der Raspberry-Pi-Webseite einen “Shop”-Button, der wohl ursprünglich für direkte Bestellungen vorgesehen war. Doch kurz vor Veröffentlichung erkannte die Raspberry Pi Foundation anhand der rapide steigenden Anzahl an Twitter-Followern, Blogbesuchern und Facebook-Likes, dass der Ansturm so gewaltig sein würde, dass die Server in kürzester Zeit in die Knie gehen würden. Man entschied sich, den Vertrieb an zwei große Distributoren (RS-Components und Premier Farnell) zu übergeben.
Die Foundation warnte die beiden Distributoren sogar noch, dass der Ansturm gewaltig sein würde, sehr gewaltig riet dazu, vermehrt IT-Personal für die Server einzusetzen. Während die Foundation ihre eigenen Server für die Homepage aufstockte, um dem Ansturm gewappnet zu sein, ignorierten die beiden Distributoren diese Warnung. Es kam wie es kommen musste.
Zusammenbrüche
Der Schritt, den Vertrieb an Premier Farnell und RS Components abzugeben, war in mehreren Hinsichten ärgerlich für die potentiellen Käufer. Angefangen hatte es damit, dass er erst am 29. Februar 2012 um 7 Uhr morgens (UTC+2) erst auf der Raspberry-Pi-Homepage angekündigt wurde. Dass der Vertrieb nicht, wie vorgesehen über die eigene, sondern über die bereits genannten Distributoren erfolgt, hätte deutlich früher verbreitet gehört.
Wenig überraschend hielten die Server von Premier Farnell und RS Components keine 2 Minuten stand, und so war es bereits um 7:02 Uhr nicht mehr möglich, die Webseiten aufzurufen. Eine peinliche Angelegenheit für zwei große und bekannte Distributoren, und noch ärgerlicher für potenzielle Kunden. Doch einige Glückliche konnten die Bestellung mit Müh und Not und nur halb übertragenen Website-Formularen bei Farnell durchführen. RS Components dagegen reagierte schnell und professionell: Sie erlaubten es einfach nicht mehr, ein Produkt in einen Warenkorb zu legen. Die zur Verfügung gestellte Interessentenliste hat der Distributor im Nachhinein ausgewertet, und zumindest die an ihrem Anfang stehenden Interessenten erhielten ein wenig später eine Mail mit den weiteren Einzelheiten zum Bestellvorgang. Nur die Webseite der Raspberry Pi Foundation hielt de Ansturm stand!
Kein weltweiter Versand
Als weiteres Ärgernis entpuppte sich die Tatsache, dass weder RS Components noch Premier Farnell weltweit liefern. Allerdings ergänzen sich ihre Verbreitungsgebiete ganz gut, um einen Großteil potenzieller Herkunftsländer abzudecken. Nichtsdestotrotz entspricht das nicht wirklich dem Versprechen “Worldwide Shipping”. Ebenso unverständlich ist, das die Distributoren nicht an Privat- sondern nur an gewerbliche Kunden verkaufen. Der Vorteil daran: Dies hielt einen Teil der Interessenten davon ab, einen Account anzulegen, da man – zumindest wer aus Deutschland bestellt – dazu seine Steuernummer angeben musste.
Die Autoren des Linux-Magazins versuchten es hingegen direkt. Ein Anruf bei der deutschen Niederlassung von Premier Farnell in München sollte weiterhelfen. Zunächst bestätigten die Mitarbeiter, dass Privatkunden nicht bestellen dürfen. Entweder gewerblicher Kunde oder als Student, mit Studentennachweis. Man solle sich an eine bestimmte E-Mail-Adresse wenden, und dort den Raspberry Pi auf elektronischem Wege bestellen, an das Schreiben bitteschön den Gewerbeschein oder die Immatrikulationsbescheinigung anhängen, dankeschön.
…ein paar Wochen vergehen…
Gesagt getan, doch eine Antwort kam nie. 3 Wochen später jedoch ruft eine Mitarbeiterin von Premier Farnell an. Sie habe gesehen, dass wir uns registriert hätten, und ob schon eine Versandbestätigung angekommen wäre. “Nein, ist nichts da”, antwortet der brave Autor etwas verwundert. “Dann haken Sie doch bitte noch mal bei der Neukundenabteilung nach, am Besten per E-Mail.” lautete der Rat der netten Dame.
Doch auch die Mail verschwand im digitalen Nirvana des Farnell-Universum. Zwei weitere erfolglose Wochen später entschied sich das Team, nochmals in der Neukundenabteilung anzurufen und sich nach dem Status zu erkundigen. Das Ergebnis war einigermaßen überraschend: “Ach – Ihr Weg war ja von Anfang an der völlig falsche. Wir haben extra eine Bestellseite für das Raspberry Pi eingerichtet, auf der sogar Privatkunden bestellen könne. Dahin hätten sie sich wenden müssen.” Seit wann es diese Seite gibt, konnte leider keiner der Mitarbeiter sagen, doch scheinbar kannten die ja auch nicht alle Kollegen beim Distributor. Ach ja: Auf dem Weg klappte es dann doch, eines der kleinen Törtchen zu bekommen, ein paar Wochen später.




