Über meinem Fernseher zu Hause steht seit zwei Monaten schwarz und aufrecht eine so genannte Multimedia-Festplatte. Die gibt auf ihren 1 TByte gespeicherte Videos wieder und nimmt auch selbst über einen analogen Videoeingang welche auf. Das schwarze Metallkästchen läuft bei mir meist nur im Stand-by und ersetzt meinen Videorekorder, den ich vor fünf Jahren auf dem lauschigen Waldfriedhof meiner persönlichen Technikgeschichte beerdigen musste.
Mein Plan war, an dem neuen Player nicht groß rumzufummeln, der ja ein Alltagsgegenstand und letztlich eine Appliance ist. Deswegen ließ ich mich nicht von der ebenso dämlichen wie inkonsistenten Bedienoberfläche irritieren. Zweifel kamen auf, als ich ein paar Tage später daran scheiterte, dem Gerät einen (gut zu meinem Router passenden) WLAN-Stick schmackhaft zu machen. Das Lesen von rund hundert Forumeinträgen brachte mir die Erkenntnisse, dass auf dem Player Linux läuft, was keine große Überraschung war, und dieser – Linux-untypisch – nur einen einzigen WLAN-Chipsatz unterstützt.
Seit diesem Zeitpunkt sitze ich mit einem Holzklasse-Ticket ausgestattet im Bastel-Zug nach Irgendwo. Hier ein paar Zwischenstopps im Telegrammstil: Neuer WLAN-Stick läuft im Prinzip, aber nur, wenn ich ihn im laufenden Betrieb einstecke. Zwei wirkungsarme Firmwareupdates eingespielt. Samba-Performance über WLAN und Ethernet auf Analogmodem-Niveau und darum zum Überspielen von Videos auf den PC und umgekehrt unbrauchbar.
Da sich keine freie Entwicklercommunity für den Player gebildet hat, und damit keine Aussicht auf vernünftige Software besteht, lud ich vor ein paar Wochen den Quellcode des Players von der Herstellerseite, um selber Hand anzulegen. Aus dem Archiv konnte ich einen Satz uralter Linux-Quellen und eine Handvoll freier Bibliotheken im Orginalzustand kramen – das wars. Der Rest, und damit die Eigenleistung des Herstellers, ist offenbar proprietär. Ihn aus der originalen Firmware funktionsfähig herauszupulen, die ja als ein großes Binärfile daherkommt, kann ich wohl vergessen.
Die etwas ermüdende Geschichte zu erzählen lohnt, weil sie Erzähler und Zuhörer in die Grenzregion proprietär/Open Source geleitet. Was aus der Ferne wie ein friedliches Neben- und Miteinander der Systeme erscheint, erweist sich beim Besuch der Demarkationslinie als großteils vermintes Gelände.
Im konkreten Fall macht der Player-Anbieter lizenzrechtlich nichts falsch, wenn er freie Teile veröffentlicht und die proprietären zurückhält. Für den Anwender jedoch bleiben die Quellen im doppelten Sinne nutzlos. Wegen eines ähnlichen Grenzkonfliks platzte dieser Tage Linus Torvalds öffentlich der Kragen. Auslöser war eine Frage zur Aussicht auf funktionierende Linux-Unterstützung bestimmter Nvidia-Chips und die Kooperationsbereitschaft des Herstellers (siehe Seite 13).
Torvalds nutzte den öffentlichen Auftritt für eine Provokation, indem er der Grafikkartenfirma den Stinkefinger zeigte. Den Digitus impudicus, den schamlosen Finger, erhoben schon die Römer und Griechen der ausgehenden Antike als obszöne Phallus-Geste gegen ihre Widersacher. Zuvor jedoch, so die Überlieferung, diente der Mittelfinger als Digitus medicinalis, mit dem Ärzte den Kranken Salbe auftrugen. So gesehen entfaltet die aufflammende Diskussion um den Digitus torvaldicus vielleicht eine heilende Wirkung in der Sache Nvidia. Mir und meiner Multimedia-Platte wird’s wohl nichts nutzen. Fuck you!






