Ob Zufall oder die krude Lieferpraxis des Raspberry-Pi-Produzenten die Ursache ist, dass in diesem Linux-Magazin gleich zwei Artikel über den mit Vorschusslorbeeren vollständig bedeckten Einplatinen-Computer zu finden sind? Egal. Kolumnist Charly jedenfalls ist voll auf Himbeere.
Als Mutterpflanze des Raspberry Pi fungiert eine britische Stiftung. Im Sinn hatte sie einen sehr preisgünstigen Einplatinen-Computer, der an Schulen den Informatikunterricht praxisorientierter gestaltet sollte. Den Bedarf an “Raspis” schätzten die Erfinder auf eine niedrige vierstellige Anzahl. Weit gefehlt – der Ansturm ist gewaltig. Für umgerechnet knapp 40 Euro inklusive Versand erhält man einen ARM-Minicomputer mit 256 MByte RAM – wenn er kommt. Auf meinen Raspi habe ich mehr als drei Monate gewartet und damit noch Glück gehabt, denn die Zahl der Vorbestellungen soll gut sechsstellig sein.
Kein Wunder, denn aus dem Winzgerät wächst alles, was auch ein PC braucht: Zwei USB-Ports, einmal Ethernet, Sound, HDMI, ein Composite-Ausgang für den Notfall und eine Reihe frei programmierbarer I/O-Ports für Hardware-Basteleien, wie ich sie vom Arduino kenne. Als Massenspeicher dient eine SDHC-Karte.
Aus Kostengründen fehlt eine Echtzeituhr, auch ein Netzteil liegt dem Raspi nicht bei. Bevor man eines erwirbt, lohnt es, im Bestand ausgedienter Handy-Netzteile zu kramen: Ist eins mit 5-Volt-Micro-USB-Anschluss dabei, das rund 1 Ampere liefert, taugt es für den Raspberry Pi. Später soll eine weitere Raspberry-Version ohne USB und Ethernet für weniger als 30 Euro rauskommen.
Auf meinem Raspi läuft jede Distribution, die sich für die ARMv6-Architektur kompilieren lässt. Fertige Images für Debian 6 und Arch Linux gibt es unter [1], eines mit Fedora ist angekündigt. Das Image ist per »dd« schnell auf eine 2 GByte große SDHC-Karte geschrieben, die in der Fotoequipment-Grabbelkiste eigentlich dem Ruhestand entgegendämmerte.
Auf den ARM nehmen
Im Betrieb benimmt sich der Raspi exakt so, wie ich es von einem 700 MHz schnellen PC erwarten würde: Kompilieren macht keinen Spaß, aber die Arbeit auf der Kommandozeile geht gut von der Hand. Einfache Serverdienste laufen ausreichend flott, wenn sie in die 256 MByte RAM passen. Der Kernel 3.1.9 des Debian-Image unterstützt leider kein IPv6 – vermutlich schlicht ein Versehen, das die Entwickler hoffentlich bald korrigieren. Sogar eine grafische Oberfläche könnte ich starten, denn das Debian-Image beheimatet auch ein LXDE.
Meine Pläne gehen aber eher dahin, die Bastelprojekte auf den Raspi zu bringen, für die ich momentan andere Server missbrauche. So liest gerade die Firewall im Abstellraum den Stromzähler aus, und der VDR im Wohnzimmer poolt Daten aus meiner Wetterstation – alles Aufgaben wie geschaffen für den Raspberry Pi. Sie verlangen wenig Performance und der Stromverbrauch des Raspi fällt mit unter 5 Watt nicht weiter ins Gewicht. Die pure Vernunft muss aber noch warten. Es macht mir viel zu viel Spaß, mit dem Raspi herumzuspielen.
Infos
- Raspberry Pi: http://www.raspberrypi.org/downloads







