Linus Torvalds gibt kaum Interviews. Mit seinem Kernel-Kollegen Greg Kroah-Hartman aber hat er sich zum 20-jährigen Linux-Jubiläum gerne zum Plaudern hingesetzt. Ein Gespräch über Versionsnummern, Innovation und Visionen, Hardwarehersteller, die GPL, Flame Wars und seinen Nachfolger.
Auf der Linuxcon Japan 2011 zelebrierte die Linux-Foundation den 20. Geburtstag des freien Betriebssystems. Zu den Höhepunkten gehörte ein Kernel-Plausch zwischen Linus Torvalds und Greg Kroah-Hartman, Maintainer der stabilen Kernelversionen (Abbildung 1). Auch das Publikum war eingeladen Fragen zu stellen.
<I>Greg Kroah-Hartman:<I>Linus, du hast beschlossen die Versionsnummer des Linux-Kernels auf 3.0 zu erhöhen. Warum?
<I>Linus Torvalds:<I> Ja, nach acht Jahren werde ich endlich die Zahl 2.6 los! Greg, du musst dich ja auch jeden Tag mit diesen Versionsnummern herumschlagen, die 2.6.39.1 heißen, und daran hängen auch noch die Distributoren ihre Buildnummern an. Das ist mittlerweile viel zu kompliziert geworden.
Früher hingen die Versionsnummern wenigstens noch mit erreichten Meilensteinen zusammen: Im Linux-Kernel 1.0 gab es erstmals ein Netzwerk, 1.2 lief auch auf Alpha- und Motorola-68000-Prozessoren, Kernel 2.0 führte erstmals SMP ein und in 2.2 hat es auch richtig funktioniert. Wir nummerierten also nach Features. Dann haben wir mit 2.6 einfach einen regelmäßigen Release-Zyklus von acht bis zehn Wochen eingeführt, der in den vergangenen Jahren auch wunderbar funktioniert hat.
Das Linux-Jubiläum hat mir jetzt einen Vorwand verschafft, eine neue Versionsnummer einzuführen. Ich will die Zahlen kleiner halten, bei ungefähr 3.20 schalten wir auf Version 4 um. Die hohen Zahlen kann man sich einfach schlecht merken – und es passieren Fehler: Bei den Vorbereitungen zum Release Candidate für 3.0 habe ich aus Versehen ein Diff erst einmal gegen 2.6.29 statt gegen 2.6.39 gemacht.
World Domination
<I>Greg:<I> Linux findet sich mittlerweile überall, beispielsweise auf unseren Handys. Bei der Linux-Release 1.0 hast du “Total World Domination”, die Weltherrschaft, als Entwicklungsziel ausgerufen. Wie schätzt du die Lage heute ein?
<I>Linus:<I> Das mit der Weltherrschaft war vor 15 Jahren lustig, weil es so offensichtlich unbescheiden war. Mittlerweile mache ich diesen Witz nicht mehr. Jetzt schlägt sich Linux prima auf den kleinsten und auf den größten Maschinen, eigentlich in jedem Segment. Es ist aber immer noch schwer, auf dem Desktop-Markt Fuß zu fassen. Dabei habe ich Linux damals geschrieben, weil ich es für meine eigene Workstation zu Hause wollte.
Ich glaube, Linux auf dem Desktop hat mehr mit Menschen als mit Software zu tun: Es dauert lange, bis jemand seine Gewohnheiten ändert. Und die Leute sind einfach immer noch Windows und Mac OS X gewöhnt.
<I>Greg:<I>Wie geht es mit der Linux-Entwicklung in den nächsten 20 Jahren weiter?
<I>Linus:<I> Da gibt es bestimmt genug zu tun. Die meiste Arbeit wenden wir ja für die Hardware-Unterstützung auf, und das wird auch so bleiben. Wenn es einmal keine neue Hardware mehr geben würde, käme sowieso die ganze IT-Branche zum Stillstand. Wenn ich mir ansehe, was der Kernel eigentlich tut, macht er ungefähr das Gleiche wie Unix-Systeme vor 40 Jahren. Und deshalb glaube ich auch nicht, dass die nächsten 20 Jahre viel daran ändern werden. Es wird Updates für neue Hardware geben – und für die neuen Einsatzszenarien, die sich daraus ergeben. Aber natürlich wird Linux nicht in einen Wartungsmodus gehen, in dem es keinen Fortschritt mehr gibt.
Fleiß statt Vision
<I>Zuschauer:<I>Was war das bemerkenswerteste Ereignis in den vergangenen 20 Jahren?
<I>Linus:<I> Das ist eine schwierige Frage. Das Projekt Linux beruht ja nicht auf einer grandiosen Idee, die alles verändern sollte. Es funktioniert anders: Meistens bringen kleine Einfälle und die tägliche Zusammenarbeit vieler Entwickler den Fortschritt. Erst im Rückblick, einige Jahre später, erkennt man oft, welche großen Veränderungen dieser kleine Einfall nach sich gezogen hat. Doch während der Arbeit daran hatte es nie das große Aha-Erlebnis gegeben.
Ich muss mir mal Luft machen: Was ich an der Hightech-Branche nicht leiden kann, ist dieses ständige Gerede von Innovation und Visionen, das man in Keynotes hört. Alle suchen eine großartige Idee für die nächsten 20 Jahre. Ich bin aber überzeugt davon, dass die Welt so nicht funktioniert. Die Veränderungen haben sich aus guten, aber meist kleinen Einfällen ergeben – und vor allem mit einer großen Portion Fleiß und Schweiß.
Der größte Umbruch in der Linux-Geschichte fand für mich vor fast 19 Jahren statt – als sich Linux von einer privaten Spielerei in ein großes Projekt mit Hunderten von Mitarbeitern verwandelte, die ich nicht mehr alle persönlich kannte. Das empfinde ich als die größte Veränderung. Daneben gab es natürlich weitere Höhepunkte, etwa als Oracle ankündigte, seine Datenbank auf Linux zu portieren. Das beförderte Linux in die erste Liga der Unix-Betriebssysteme – und auch, dass IBM und andere große Unternehmen ins Linux-Business einstiegen.
Hardware-Spezifikationen
<I>Zuschauer:<I>Was war das schwierigste Problem in der Linux-Entwicklung?
<I>Linus:<I> Auf jeden Fall nicht die Technik. In diesem Bereich konnten wir Kernelentwickler bisher immer noch alles lösen. Gelegentlich schlagen wir vielleicht nicht gleich den richtigen Lösungsweg ein und merken erst im Rückblick, dass er falsch war. Aber die Technik macht nie ernsthafte Probleme.
Was uns viel eher Kummer bereitet, das ist Dokumentation und Unterstützung von Hardwareherstellern zu bekommen. Manche Firmen machen hier Schwierigkeiten, worüber ich mich furchtbar aufregen kann – besonders weil Linux dann schlecht vor den Anwendern dasteht, wenn es die betroffene Hardware nicht unterstützt. Das wird zum Glück aber immer seltener, weil die Hersteller einsehen, dass sie sich mit schlechtem Linux-Support selbst schaden.
Die andere große Schwierigkeit besteht darin, ein Projekt mit Tausenden Mitwirkenden zu organisieren – und mit Hunderten Firmen, die alle ganz unterschiedliche Zielsetzungen haben. Daher kam es in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zu großen Meinungsverschiedenheiten zwischen Entwicklern. Wenn mir etwas an Linux schlaflose Nächte bereitet, dann sind es Politik und persönliche Auseinandersetzungen.
Manchmal bin ich echt frustriert, dann schicke ich Flames an die Mailingliste und beschimpfe Leute. Zum Glück schaffen wir es meistens, unsere Probleme zu lösen, aber gelegentlich gibt es wirklich böses Blut oder ein Streit zieht sich über Monate hin.
<I>Greg:<I> Innerhalb von Firmen gibt es solche Streitereien aber auch – doch die internen Mails bekommt man ja nicht zu sehen.
<I>Linus:<I> Die Kernel-Mailingliste ist für ihren eher rauen Umgangston berüchtigt. Manche Leute schreckt das auch ab, weil sie sehr negative Antworten befürchten, wenn sie etwas einschicken. Beim Entwicklungsmodell des Kernels muss ich andererseits manche Dinge unmissverständlich klarstellen. Im Internet darf man kein Leisetreter sein, sonst kapiert keiner, was man möchte. Manchmal würde Höflichkeit einfach der Entwicklungsarbeit schaden.
Wenn ich vorsichtig schreibe “Das Patch braucht aber noch etwas Arbeit”, richtet sich keiner danach. Deshalb schreibe ich: “Nein, zum Teufel! Diesen Code fasse ich nicht einmal mit der Kneifzange an!” Der manchmal aggressive Ton auf der Mailingliste bekommt der Entwicklungsarbeit einfach besser. Deshalb sind wir schonungslos offen und schreiben in unseren Mails Sachen wie: “Dein Code ist echt Mist – geh sterben!”
Aber selbst wenn ich mir einen Flame War mit jemandem geliefert habe, kann es sein, dass ich später meine Meinung ändere. Manchmal stellt sich einfach heraus, dass der andere doch recht hatte. Das ist zwar selten, kommt aber vor.
<I>Zuschauer:<I>Was halten Sie von Cloud Computing? Wie wird es sich weiterentwickeln und welche Rolle wird Linux dabei spielen?
<I>Linus:<I> Das ist eine derartige Marketing-Frage, dass ich sie eigentlich gar nicht beantworten möchte. Können wir bitte mit der nächsten Frage weitermachen?
Lizenzfragen
<I>Zuschauer:<I>Bist du noch mit der GPL als Kernel-Lizenz zufrieden?
<I>Linus:<I> Mit der GPL bin ich immer noch sehr zufrieden. Ganz am Anfang stand Linux ja unter einer Lizenz, die ich selbst geschrieben habe. Darin stand eigentlich nur, dass man kein Geld für die Software verlangen darf und bei Änderungen den Quelltext zurückgeben muss. Wahrscheinlich war sie juristisch alles andere als wasserdicht. Die Sache mit dem Geld erwies sich aber sehr schnell als Hindernis. Schon 1992 kopierten kleine Distributionen Linux-Floppies und wollten 5 Dollar für einen Diskettensatz haben. Die wollten natürlich kein Verlustgeschäft machen, und daher habe ich mich nach einer anderen Lizenz umgesehen. In der GPLv2 fand ich genau, was ich wollte: Die Verbesserungen sollen unter der gleichen Lizenz wieder in Linux einfließen.
Ich finde die GPLv2 eine sehr faire Lizenz – man gibt etwas und bekommt dafür wieder etwas zurück. Das kommt gut an. Die GPLv3 mag ich persönlich nicht, weil sie noch weitere Bedingungen stellt. Daran hab ich kein Interesse. Die bisherige Lizenz funktioniert so gut – warum sollte ich sie ändern?
<I>Greg:<I> 20 Jahre Linux – wie kann man so lange an einem einzigen Projekt arbeiten?
<I>Linus:<I> Manche Leute flattern ja von einem Projekt zum anderen. Aber ich habe mich schon immer gerne auf eine einzige Sache konzentriert. Ich bin kein Multitasker. Es gab zwar zwischendrin ein paar andere kleine Projekte, aber ich mache am liebsten eine Sache richtig gut. Ich hätte natürlich nie gedacht, dass ich das 20 Jahre lang machen würde.
<I>Greg:<I> Hängst du jetzt noch einmal 20 Jahre an?
<I>Linus:<I> Dann bin ich ja richtig alt [lacht]! Ich war ja sehr jung, als ich mit Linux angefangen habe. Irgendwann taucht hoffentlich jemand Neues auf, ein junger, neugieriger und energischer Mensch, der zeigt, dass er die Sache richtig gut machen kann. Na ja, vielleicht ist es erst in 20 Jahren so weit, aber irgendwann wird das passieren. Dann höre ich auf und sage: “He, du machst den Job ja besser als ich – er gehört dir!” (mhu)
Online PLUS
Dieser Text beruht auf einem Video, das die Linux Foundation bei der Linuxcon Japan 2011 produziert hat. Die Aufzeichnung finden Sie in voller Länge auf: https://www.linux-magazin.de/plus/2011/09/







