Aus Linux-Magazin 01/2011

Käffchen?

Der libertäre Gedanke dehnt sich über den Bereich von Open-Source-Software hinaus aus. Überall da, wo Anbieter proprietärer Inhalte auf der Konsumentenseite “Raubkopierer” ausmachen, sammelt sich der Widerstand gegen die Wagenburgen. Freie Texte und Bilder unter der Creative Commons License warten beispielsweise bei Wikipedia auf Nutzung.

Der Musikindustrie, die minderjährige Tauschbörsen-Benutzer gern zu sechsstelligen Schadenersatzsummen verklagen lässt, treten zunehmend Musiker gegenüber, die ihre Werke unter eine freie Lizenz stellen. Die Wiener Band Xbloome beispielsweise platzierte am 1. November ihr neues Album “X marks the spot” auf die Webseite [http://www.xbloome.com] – und das in hoher Qualität und unter einer Creative-Commons-Lizenz.

Die fünf Musiker haben das Album sogar ausschließlich mit freier Software unter Ubuntu und dem Jack Audio Connection Kit produziert: Mit Ardour zum Recording, Mixen und Mastern, mit der Drum-Machine Hydrogen, Audacity und anderen Tools und Plugins. Auf ihrer Website geben sie ihre Erfahrungen an andere Künstlerinnen und Künstler in Form von Howtos, Tutorials und Vorlagen weiter. Die 2005 gegründeten Band will nach eigenen Aussagen damit “einige in der Musikszene weit verbreitete Vorurteile über Machbarkeit, Professionalität und Qualität freier Produktionen widerlegen.”

Ob Zufall oder nicht, ebenfalls am 1. November stellten zwei Bohnenspezialisten auf einer Kaffeemesse ihren ersten Open-Source-Espresso vor. Die bei unterschiedlichen Firmen Beschäftigten erledigen alle Arbeitsschritte für “Blue Delight” gemeinsam, von der Planung des Charakters des zu röstenden Kaffees über die Auswahl der Rohkaffees und das Erstellen eines Röstprofils bis hin zum Rösten und den Zubereitungsempfehlungen.

Um den ganzen Prozess für das X-Roasting genannte Projekt wollen die Koffein-Dealer kein Geheimnis machen und die Quellen der einzelnen Rohkaffees sowie die Röstprofile veröffentlichen. Auf diese Weise könne jeder, dem ein X-Roasting-Kaffee gefällt, ihn sich selber rösten oder von der Rösterei seines Vertrauens kopieren lassen, so die Webseite [http://www.quijote-kaffee.de/x-roasting/]. Die Seite versichert zudem, dass dies kein eigenartiger Marketing-Schachzug sei, sondern Open Source bei Bier und Wein gang und gäbe – beispielsweise bei den “Gipsy Brewers” aus Dänemark und den südfranzösischen “Terroiristes du Midi”.

Mal abgesehen davon, dass die Prozessbeschreibung für “Blue Delight” im Webshop des Kaffeerösters so knapp ausfällt, dass sie auf die Unterseite einer Kaffeetasse passen würde, stellen sich ganz praktische Fragen: Verkaufen mir die in der Anleitung spezifizierten Hamburger Importeure den Rohkaffee in einer Menge kleiner als eine Schiffsladung? Woher kriege ich eine professionelle Trommelröstmaschine? Wohin fülle ich das Schüttgut? Wie kommt mein Herz-Kreislauf-System mit der gewaltigen Espressomenge klar?

Der äußerst charmante Open-Source-Gedanke stößt offenbar immer dann auf Popularisierungsprobleme, wenn Hardware ins Spiel kommt. Nicht jeder hat eine Bierbrauerei im Schrebergarten oder erbt in Südfrankreich ein Weingut. Free- und Open-Hardware-Initiativen in der IT kranken am Gleichen – selbst wenn man mit Freunden zusammenlegt, für die Chipfabrik reicht’s nimmer. Wenn doch, dann wär’s die Krönung.

Jan Kleinert, Chefredakteur

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