Aus Linux-Magazin 05/2008

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

© Gerard Boissinot, fotolia.com

Gehört zu freier Software auch freie Entwicklung oder stellt Apache-Pionier Roy Fielding zu hohe Ansprüche an die Firma Sun? Neben der Frage nach dem kommerziellen Aspekt bei freier Software geht es um die Synchronisierung von gesprochener Sprache und zugehörigem Text.

Ist Open Source eine Ideologie oder ein Geschäftsmodell? Diese immer wiederkehrende Frage hat Roy T. Fielding [1] im Februar erneut aufgeworfen, als er in einem Blog sein Ausscheiden aus dem Open-Solaris-Projekt ankündigte (Abbildung 2, [3]) Der Miterfinder des weltweit am meisten genutzten Webservers Apache [2] kehrt dem Sun-Projekt damit im Streit den Rücken.

Abbildung 1: Kriegsbeil: Apache-Mitbegründer Roy Fielding wirft Sun beim Open-Solaris-Projekt Etikettenschwindel vor und hat demonstrativ das Open Solaris Community Advisory Board verlassen.

Abbildung 1: Kriegsbeil: Apache-Mitbegründer Roy Fielding wirft Sun beim Open-Solaris-Projekt Etikettenschwindel vor und hat demonstrativ das Open Solaris Community Advisory Board verlassen.

Ideale, Religion und Kommerz

Roy Fielding wirft Sun vor, der Konzern habe ihn mit dem Versprechen gelockt, das seit Juni 2005 freie Open Solaris würde völlig offen entwickelt. In Wahrheit behalte die Firma aber die alleinige Kontrolle, da sie nur ihr genehmen Releases die Verwendung des geschützten Markennamens Open Solaris erlaube.

Abbildung 2: In seinem Blog kündigt Roy Fielding seinen Abschied von Sun an. Den Apache-Mitbegründer überrascht besonders das späte Medienecho.

Abbildung 2: In seinem Blog kündigt Roy Fielding seinen Abschied von Sun an. Den Apache-Mitbegründer überrascht besonders das späte Medienecho.

In Frage gestellt

Fielding legt Wert darauf, nicht zur ideologischen Fraktion zu gehören, die die gesamte Softwarewelt und danach weitere ökonomische Bereiche befreien will. “Open Source is a business decision, not a religion”, schreibt er in seinem Weblog (Open Source ist eine wirtschaftliche Entscheidung, keine Religion).

Folglich muss sich Fielding die Frage gefallen lassen, wo die Motivation für eine ehrenamtliche Mitarbeit bei einem freien Softwareprojekt liegt, wenn es sich dabei nur um ein effizientes Geschäftsmodell handelt. Das eigennützige Verhalten von Sun und anderen Firmen zeigt ja, dass hochgesteckte Erwartungen an die Uneigennützigkeit kommerzieller Software-Entwickler unrealistisch sind. Letztlich legitimiert Fieldings Gleichsetzung von Open-Source-Ideologie und Religion das Verhalten von Sun. Im Fall von Fielding kommt sicherlich das Moment einer persönlichen Kränkung hinzu, weil Sun nach seiner Sicht der Dinge geleistete Zusagen nicht eingehalten hat.

Software aus der Garage?

Vermutlich sind die Zeiten vorbei, in denen talentierte Programmierer in ihrer Freizeit aus Spaß und Neugierde gemeinsam Software entwickeln, die ihre proprietäre Konkurrenz in Verlegenheit bringt. Schade, denn an einem von Softwaregiganten wie Sun gesteuerten Projekt teilzunehmen gleicht aus Sicht des Hobbyprogrammierers am ehesten einem unbezahlten Praktikum – lehrreich und sicherlich mit Spaß verbunden, aber die unbezahlte Arbeit gehört am Ende einem Konzern.

Dafür, dass die Idee der Free-Software-Pioniere weiterlebt und es sich dabei nicht um ein Relikt aus den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts handelt, spricht aber, dass es Firmen gibt, die der Community gegenüber ehrlich auftreten und auch bereit sind die freien Entwickler für ihre Arbeit zu bezahlen. Das professionelle Niveau und das Entwicklungstempo vieler freier Softwareprojekte wäre ohne verbindlich engagierte und entsprechend bezahlte Programmierer kaum zu gewährleisten.

Mit den meisten großen freien Projekten sind mittlerweile Stiftungen verbunden, die sich darum kümmern, Spenden und andere Einnahmen zu sammeln und so die Entwicklung zu koordinieren. Sie stellen auch immer wieder Programmierer fest oder projektbezogen ein.

Gnome für alle

Eine solche Stiftung, die Gnome Foundation, hat ein Förderprogramm gestartet, um das Gnome-Accessibility-Projekt zu unterstützen. Es kümmert sich darum, dass Benutzer, denen aufgrund körperlicher Behinderungen die klassische Computerbedienung mit Tastatur, Maus oder das Lesen von Texten am Bildschirm schwerfällt, dennoch mit dem Gnome-Desktop arbeiten können. Das Gnome Outreach Program [6] verfügt dank seiner potenten Sponsoren Novell, Canonical, Google und der Mozilla Foundation über ein Budget von 50 000 Euro, mit dem die Gnome Foundation interessierte Entwickler zu Verbesserungen in diesem Bereich anspornen will.

Projekt-Rally

Bis die eigentliche Programmierarbeit am 1. Januar 2009 beginnen soll, bleibt noch Zeit, um konkrete Vorschläge einzubringen. Aus der Wunschliste suchen sich Programmierer Aufgaben aus und reichen ihre Pläne zur Umsetzung ein. Wen die Gnome Foundation für ein Projekt nominiert und es dann innerhalb von sechs Monaten verwirklicht, der erhält dafür 6000 US-Dollar. Die zweite Phase des Outreach-Programms dient dem Ausbessern von Bugs: Entwickler streichen 1000 US-Dollar ein, wenn sie fünf Programmfehler beheben.

Bis zum 15. Oktober – oder bis zum 15. Dezember, wenn es sich um kleinere, so genannte Short-Term Tasks handelt – nimmt das Outreach-Programm Vorschläge an. Wie schon am Zeitrahmen zu sehen ist, geht es um eine langfristige Entwicklung des Desktops, nicht um die kurzfristige Ausbesserung einer bestimmten Gnome-Version.

Rede!

Obwohl es für viele Entwickler sicher interessant ist, mit der Arbeit an Open-Source-Software Geld zu verdienen, gibt es erfreulicherweise nach wie vor auch nicht kommerzielle freie Softwareprojekte. Ein Beispiel ist das Phonetik-Programm Praat ([7], Abbildung 3).

Abbildung 3: Ton und Text gehen oft miteinander einher. Praat synchronisiert diese beiden Aspekte der menschlichen Sprache.

Abbildung 3: Ton und Text gehen oft miteinander einher. Praat synchronisiert diese beiden Aspekte der menschlichen Sprache.

Phonetik heißt in der Sprachwissenschaft die Disziplin, die sich mit den Lauten der menschlichen Sprache befasst. Mit Praat gibt es ein Programm, das den Computer als Hilfsmittel in dieser Disziplin nutzt. Das mag Laien zunächst wenig interessieren, doch wissenschaftliche Beschäftigung mit gesprochener Sprache ist nur eines der Einsatzgebiete der Software. Das Programm lässt sich auch ohne Expertenwissen für eigene Experimente nutzen. Auch außerhalb der Sprachwissenschaft gibt es für die Synchronisation von aufgezeichneter Sprache und zugehörigem Text Anwendungen.

Nach dem Start braucht Praat zunächst Sounddateien, mit denen es arbeiten kann. Über den Menüpunkt »Read | Read from file…« liest die Software entsprechende Files in den Formaten WAV, MP3, AIFF, AIFC, Next, Nist und Flac ein. Über »Read from special Sound file« lassen sich auch mit dem A-law-Verfahren kodierte Sounddaten öffnen.

Wer besonders große Datenmengen laden will oder wenig Arbeitsspeicher zur Verfügung hat, öffnet die Sounddatei über »Read | Open long sound file…«. Dann verarbeitet Praat die ganze Klanginformation nicht am Stück, sondern lädt sie nur bei Bedarf ausschnittsweise in den Speicher.

Ton und Text

Um Tonaufnahmen den zugehörigen Text zuzuordnen, legt man über »New | Create TextGrid…« zunächst eine Datei an. Textgrid heißt auf Deutsch so viel wie Textraster. Ein solches Textgrid ist in Segmente unterteilbar, wodurch sich beispielsweise einzelnen Sätzen oder Wörtern bestimmte Zeitintervalle zuordnen lassen.

Abbildung 3 nimmt in der oberen der beiden Textspuren (»ortho«) eine schriftliche Wiedergabe des in der Tonspur gesprochenen Textes auf. Darunter gibt der Benutzer in »Phonemes« eine lautschriftliche Transkription ein. Um die Segmentierung, also das Aufteilen in Phoneme, kümmert sich Praat selber. Phonem ist die wissenschaftliche Bezeichnung für einen einzelnen Lautbestandteil der Sprache. Die »Phonemes«-Spur ist so fein unterteilt, dass sich jeder einzelne Laut einem Tonintervall zuordnen lässt.

Praat verfügt über eine Vielzahl von Analyseverfahren, um Sprachaufnahmen genauer zu untersuchen. Die grafische Aufbereitung ist auch für Laien interessant. Abbildung 4 enthält beispielsweise ein Spektrogramm für ein ausgewähltes Intervall (zweite Spur von oben). Hervorgehoben sind darin die so genannten Formanten, also durch Resonanz besonders energiereiche Frequenzbereiche, über die das menschliche Ohr Sprachlaute identifiziert und die auch bei der Spracherkennung per Computer eine wichtige Rolle spielen.

Abbildung 4: Praat eignet sich zur linguistischen Analyse von Tonaufnahmen. Es erzeugt Spektrogramme und andere phonetische Diagramme.

Abbildung 4: Praat eignet sich zur linguistischen Analyse von Tonaufnahmen. Es erzeugt Spektrogramme und andere phonetische Diagramme.

Die Entwicklung von Praat schreitet zügig voran. Die beiden Hauptentwickler Paul Boersma und David Weenink vom Institut für Phonetik der Universität von Amsterdam haben allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres acht neue Versionen der freien Software veröffentlicht. Die holländische Herkunft von Praat erklärt auch den Namen des Programms: Das niederländische Verb “praten” bedeutet auf Deutsch “reden”, sprichwörtlich wird das Substantiv “Praat” aber auch im Sinne von “etwas in Gang bekommen” verwendet.

Nicht schön, aber funktional und für etlichePlattformen

Die altbackene Motif-Oberfläche ([8], [9]) bringt Praat zwar keine Bestnote in Designfragen ein, lässt sich aber trotzdem gut bedienen. Ein Emulator bringt die Oberfläche auch auf Windows- und Mac-Desktops. Zudem haben die Entwickler sie auf FreeBSD, SGI, Solaris und HPUX portiert.

Derzeit arbeiten die Praat-Programmierer an einer neuen Oberfläche mit GTK. Um dabei nicht erneut in Abhängigkeit von Emulatoren zu geraten, schreiben sie Wrapper, die das GUI in nativen Motif-, GTK-, Windows- oder Mac-Code aufteilen. So sehen sie sich auf der sicheren Seite, selbst wenn GTK einmal wie Motif in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Die in den Abbildungen 3 und 4 enthaltene lautschriftliche Transkription ist übrigens ebenfalls auf einem Computer entstanden. Dafür kam ein Projekt der Universität München zum Einsatz, das Münchener automatische Segementationssystem (Maus, [10]).

Segmentierung mit Maus

Maus ist ein Projekt des Instituts für Phonetik und Sprachverarbeitung und wird unter Federführung von Florian Schiel und Nicole Beringer betreut. Sie halten auch das Copyright der zwar kostenlosen, aber leider proprietären Software. Maus verwendet statistische und regelbasierte Verfahren, um speziell auf Deutsch und Japanisch gesprochene Sprache zu analysieren.

Für die Statistik kommen dabei so genannte Hidden-Markov-Modelle [11] zum Einsatz. Zusätzlich berücksichtigt die Software auch Eigenheiten einer bestimmten Sprache, zum Beispiel die Neigung der Sprecher, bestimmte Laute zu verschlucken.

Kaiserschmarrn

Die Sprache hat, wie nicht nur die Analyse mit Praat zeigt, viele Schattierungen. So heißt im Süden der Republik, der Gegend, aus der das Linux-Magazin stammt, “Schmarrn” einerseits schlicht Unsinn. “Schmarrn” heißt dort allerdings auch eine in der Pfanne gebratene Mehlspeise mit Eiern. Das ist dann beileibe kein Unsinn, sondern mindestens eine ernst zu nehmende Nachspeise, die alternativ auch schon mal als volle Mahlzeit herhalten kann.

Für einen leckeren Kaiserschmarrn (drei Nachtischportionen) sind folgende Zutaten erforderlich: 100 g Mehl, drei Eier, 50 g Sultaninen, 125 Milliliter Milch, ein Teelöffel Rum, etwas Salz, 15 g zerlassene Butter, Puderzucker und etwas Fett für die Pfanne. Zur Zubereitung die Sultaninen im Rum einweichen. Mehl und Milch verrühren und mit einer Prise Salz würzen. Eiweiß und Eigelb trennen, das Eigelb, die zerlassene Butter sowie die Sultaninen zum Mehl und zur Milch hinzufügen. Das Eiweiß mit etwas Puderzucker steif schlagen und unter den Teig heben, dann den Teig eine halbe Stunde quellen lassen.

Zum Braten den Teig etwa einen Zentimeter hoch in die Pfanne gießen, leicht anbacken lassen, wenden und noch einmal anbacken. Dann mit zwei Kochlöffeln in Stückchen zerreißen und braten, bis die Stücke goldbraun sind. Der Unterschied zwischen Zerreißen und Zerschneiden des Kaiserschmarrns ist übrigens mindestens so relevant wie der zwischen Schütteln und Rühren beim Wodka-Martini. Den fertigen Kaiserschmarrn auf dem Teller anrichten, mit Puderzucker bestreuen und mit Pflaumenkompott, Apfelmus, Preiselbeeren oder Vanilleeis servieren. (pkr)

Infos

[1] Weblog von Roy T. Fielding: [http://roy.gbiv.com]

[2] Apache-Webserver: [http://httpd.apache.org]

[3] Open Solaris: [http://www.opensolaris.org]

[4] Day: [http://www.day.com]

[5] Gnome: [http://www.gnome.org]

[6] Gnome Outreach Program: [http://www.gnome.org/projects/outreach/a11y]

[7] Praat: [http://www.praat.org]

[8] Open Motif: [http://www.openmotif.org]

[9] Motif: [http://www.opengroup.org/motif/]

[10] Münchener automatisches Segementationssystem: [http://www.phonetik.uni-muenchen.de/Forschung/Verbmobil/VM14.7.html]

[11] Hidden Markov Model: [http://de.wikipedia.org/wiki/Verborgenes_Markow-Modell]

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