Aus Linux-Magazin 04/2008

Vergleich: Windows Server 2008 und Enterprise-Linux-Distributionen

Die Gunst, das Standardbetriebssystem für Server zu sein, erweist sich für Microsoft als zäher Kampf mit extrem ungewissem Ausgang. Ob sich mit Windows 2008 die Position für Redmond verbessert, klärt der folgende Vergleich mit fünf Enterprise-Kontrahenten aus dem freien Lager.

Anders als auf dem Desktop sind bei einem Duell Windows gegen Linux(e) die Waffen auf dem Server ungefähr gleich verteilt. Das neue Produkt aus Redmond liefert für das Linux-Magazin den Anlass, die Standardausstattung von fünf professionellen Linux-Distributionen mit der von Microsofts Windows Server 2008 zu vergleichen.

Neben den beiden Klassikern Suse Linux Enterprise Server und Red Hat Enterprise Linux kommen die drei Business-Distributionen Univention Corporate Server, Xandros Server und Corebiz Server zum Zuge. Die Auswahl erfolgte willkürlich und steht beispielhaft für recht unterschiedliche Ansätze, das freie Betriebssystem mit Extra-Ausstattungen und Supportverträgen kostenpflichtig in die Unternehmen zu bringen. Die Tabellen 1 und 2, sie fußen auf Herstellerangaben und eigenen Recherchen, helfen dabei, die Ausstattungen und Leistungen der Hersteller im Einzelnen zu vergleichen.

Das Maß: Windows

Wenn Windows früher als Ressourcenfresser verschrien war, hält sich heute der Speicher- und CPU-Hunger überraschenderweise in Grenzen, auch wenn\’s von der Festplatte schon noch ein bisschen mehr sein darf. SMP ist möglich, aber die Standardlizenz erlaubt leider nur zwei Prozessorkerne. Das können andere Hersteller besser: Suse gibt mit 128 Cores einfach die Grenzen des technisch Möglichen als Limit an.

Unter Windows fehlen viele Details noch, die dem Linux-Admin lieb und teuer geworden sind, zum Beispiel Remote-Installation, Webfrontends oder ein SSH-Server. Besonders schade ist, dass der Minimal-Modus so halbherzig ausfällt. Mit der Powershell gibt es eine wirklich fortschrittliche, objektorientierte Befehlszeile und von anderen Herstellern jede Menge Highend-Software. Die Zertifizierungen für die gängigen Serversoftware-Produkte wie SAP, Oracle und VMware werden sicherlich auch nicht lange auf sich warten lassen.

Sehr gelungen sind dafür die Admin-GUIs MMC, Server-Manager (siehe Abbildung 1) und die ADS-Tools, auch wenn noch nicht alle Kinderkrankheiten ausgemerzt sind. Schmerzhaft vermisst der Linux-Admin dagegen die Vorteile des Linux-Softwaremanagements. Weder Online-Installation noch eigene Software-Repositories sind unter Windows ohne Weiteres möglich.

Abbildung 1: Gelungen und vollständig integriert: Der Server-Manager und die Management Console von Windows. Gleiches gilt für die Active-Directory-Tools.

Abbildung 1: Gelungen und vollständig integriert: Der Server-Manager und die Management Console von Windows. Gleiches gilt für die Active-Directory-Tools.

Das Standardserver-System an sich ist zunächst vergleichsweise günstig. Teuer wird es ganz von selbst, wenn zahlreiche User da sind, denn die Redmonder verlangen 27 Euro pro User. Da kommen dann für 50 Arbeitsplätze schnell 2000 Euro zusammen. Soll eine passende Groupware her, muss der Kunde für den Exchange Server erneut tief in die Tasche greifen. Das enthält aber noch keinen Support, sondern nur regelmäßige Updates. Support und SLAs muss sich der Kunde bei einem Partner vor Ort kaufen.

Rot-grüne Opposition?

Suse und Red Hat sind seit jeher die Platzhirsche unter den Linux-Servern. Am grünen Chamäleon oder dem roten Hut kommt kein Admin vorbei, der zertifizierte Plattformen für SAP, Oracle oder DB 2 sucht und einen Hersteller braucht, der ihm dafür Support, SLAs und Maintenance bietet. Allerdings sind die Konzepte hinter den beiden Produkten doch sehr unterschiedlich. Suses SLES kommt einem Allrounder gleich und lässt sich mit dem mittlerweile sehr ausgereiften Yast sowohl textbasiert als auch grafisch administrieren.

Das Admin-Tool lässt in Sachen Benutzerführung fast keine Wünsche offen, das GUI ist schon in der Installation identisch mit der späteren Administrationsumgebung (Abbildung 2). Sie bringt eine große Anzahl von Modulen mit, die sich über die Software-Auswahl auch noch erweitern lässt. Darin verbergen sich dann Perlen wie ein VPN-Modul für die IPsec-Konfiguration oder die automatische Installation.

Abbildung 2: Vorbildlich ist die grafische Installation unter Suse. Sowohl Anfänger als auch Profis finden hier schnell zum Ziel.

Abbildung 2: Vorbildlich ist die grafische Installation unter Suse. Sowohl Anfänger als auch Profis finden hier schnell zum Ziel.

Im Gegensatz dazu verzichten die Roten auf ein Universalwerkzeug und installieren zahlreiche Konfigurationstools, die sowohl an der Befehlszeile als auch im GUI zur Verfügung stehen (Abbildung 3). Red Hat setzt eher auf die sensiblen Bereiche der Hoch-Sicherheitstrakte und bringt Addon-Pakete, die vor allem im Cluster- und HA-Bereich die Konkurrenz noch hinter sich lassen.

Abbildung 3: Red Hat bringt viele einzelne Programme für die Administration, deren Namen mit »system-config-« anfangen.

Abbildung 3: Red Hat bringt viele einzelne Programme für die Administration, deren Namen mit »system-config-« anfangen.

Abgesehen davon halten sich die Unterschiede in Grenzen, Novells Server ist jedoch etwas billiger zu haben. Ein- und Umsteiger finden sich wohl in Yast schneller zurecht als auf dem spartanischen Red-Hat-System, Profis werden eher zum Hut greifen. Wer sich die umfangreichen Addons und Produkte wie die Red Hat Cluster Suite, das Red Hat Global File System oder einen Satellite Server leistet, trifft sicherlich keine falsche Entscheidung – solange er sich damit auch auskennt.

Für Umsteiger: Xandros

Für Aufsehen sorgte Xandros in den letzten Jahren immer wieder: Verträge mit Microsoft und der Kauf von Scalix. Dabei geht fast unter, dass die Distribution mit guten Features aufwartet. Ganz oben steht das vollständige und netzwerkfähige Administrations-GUI (Abbildung 4) namens Xandros Management Console (XMC). Damit kann der Admin bequem per Mausklick eine lange Liste von Diensten administrieren, auf Wunsch auch von Windows aus.

Abbildung 4: Die Xandros Management Console ist netzwerktransparent und ermöglicht die Administration auch von Windows-Arbeitsplätzen aus.

Abbildung 4: Die Xandros Management Console ist netzwerktransparent und ermöglicht die Administration auch von Windows-Arbeitsplätzen aus.

Xandros basiert auf Debian Linux und bringt mit dem Xandros Network eine eigene integrierte Update-Umgebung mit. Zum Standardumfang gehören neben Virtualisierung auch Scalix-Groupware, Sugar-CRM und mehr. Auf der Webseite des Herstellers finden sich darüber hinaus zahlreiche Plugins und Erweiterungen, die das ohnehin schon reich ausgestattete Paket vervollständigen.

Xandros tritt mit dem Anspruch an, die Windows-Administratoren in KMUs von Linux zu überzeugen, und das scheint bei dieser Zielgruppe ohne lange Einarbeitungszeit zu gelingen. Ob das dabei erworbene Wissen auch fundiert und universell ist und ob das erfahrene Linux-Admins begeistert, sei dahingestellt. Xandros ist übrigens mit 450 Euro vergleichsweise günstig in der Anschaffung, teuer wird erst der Support.

Tabelle 1: Hardware, Software,
Kosten

 

Tabelle 2: Dienste, Ausstattung
und Sicherheit

 

Bremer Stadtmusik

UCD, UCS, UGS – so heißen beim Bremer Distributor Univention die Produkte. Als Univention Corporate Server, Desktop oder Groupware Server kommt das Debian-basierte Linux daher und überzeugt durch durchgehende Logik und ein umfassendes Web-Administrationsfrontend (Abbildung 5). Wer erst mal das Domänenkonzept hinter UCS verstanden hat, fügt auf identische Weise User, Benutzer, Rechner oder Netzwerke zu seiner Umgebung hinzu. Richtlinien gestatten es dem Administrator, seinen Benutzern detailliert Rechte an Konfigurationsparametern einzuräumen. Dabei kann er jeden einzelnen Parameter mit der Univention Config Registry (Abbildung 6) setzen, bequem vom Browser aus.

Abbildung 5: Als einzige Linux-Server-Distribution bietet Univention mit dem Directory Manager ein Webinterface für alle Einstellungen in der Domäne.

Abbildung 5: Als einzige Linux-Server-Distribution bietet Univention mit dem Directory Manager ein Webinterface für alle Einstellungen in der Domäne.

Abbildung 6: Mit der Configuration Registry kann der Admin detaillierte Einstellungen im zentralen LDAP vornehmen und eigene Werte hinzufügen.

Abbildung 6: Mit der Configuration Registry kann der Admin detaillierte Einstellungen im zentralen LDAP vornehmen und eigene Werte hinzufügen.

Im Idealfall booten dann Linux-KDE-Clients vom Server, mit OPSI lässt sich die Software-Ausstattung von Windows-Systemen managen, optionale Komponenten wie der NX Terminal Server versorgen Thin Clients mit dem Linux- oder Windows-Desktop. Als Groupware verwendet UGS Kolab oder Scalix mit Kontact und einem Webclient.

Das Konzept aus Notifier- und Listener-Skripten auf den beteiligten Domänencontrollern hält das zentrale Univention-LDAP aktuell. Einzelne DCs in einer Niederlassung sind dabei nicht nur selektiv replizierbar, sondern auch in der Lage, den passenden Teilbaum der Unternehmensdaten selbst zu verwalten, wenn die Zentrale mal nicht erreichbar ist. Steht die Verbindung wieder, gleichen sich die Verzeichnisdienste automatisch ab. Derartige Funktionen helfen in vielen Fällen dabei, auf die weniger ausgeprägten Cluster- und HA-Fähigkeiten zu verzichten. Als Addon gibt es unter anderem auch ein Active-Directory-Plugin für den Directory Manager. Damit soll ADS in weiten Teilen vom Browser aus administrierbar sein.

Corebiz

Als einzige Linux-Distribution kommt Corebiz von der Linux AG mit einem umfassenden Konfigurations-GUI für den Linux-Desktop, das alle Einstellungen in einem zentralen LDAP speichert (Abbildung 7). Die auf dem KDE-LDAP-Werkzeug Luma [1] basierende Corebiz Management Console (CMC) orientiert sich am Vorbild von Microsofts MMC und ist dank LDAP ebenfalls netzwerktransparent. Sogar die Metadaten der Festplattenpartitionen eines Clients sind im Verzeichnisdienst gespeichert.

Abbildung 7: Der Desktop eines Corebiz-Systems. Ein Administrator hat sich mit der Management Console (CMC) auf den LDAP-Server verbunden und kann alle dort gespeicherten Einstellungen verwalten.

Abbildung 7: Der Desktop eines Corebiz-Systems. Ein Administrator hat sich mit der Management Console (CMC) auf den LDAP-Server verbunden und kann alle dort gespeicherten Einstellungen verwalten.

Die drei Corebiz-Versionen beinhalten jeweils ein Jahr Support, Updates und Maintenance und sind recht genügsam was die Installationsvoraussetzungen anlangt. Weil die Server auf Wunsch eben auch alle anderen Rechner im Netzwerk managen, brauchen die Produkte der Linux AG auch am meisten Plattenplatz unter den Systemen im Vergleich.

Über das modulare Konzept kann der Corebiz-Kunde zahlreiche Optionen hinzukaufen, unter anderem Client-Management für Windows, Hot-Standby- und Active-Active-Cluster, Fax, VoIP, Proxy, Virtualisierung, Firewall und Monitoring. Zahlreiche Module wie etwa der Kolab Groupware Server und die NX-Terminal-Services sind im CB Small Business Server Premium für 1100 Euro bereits enthalten.

Schwächen offenbart Corebiz beim Anbinden von Profi-Hardware wie I-SCSI oder Fibre Channel. Unangenehmer ist wohl die Tatsache, dass viele der abgefragten Eigenschaften nur als optionale Addons erhältlich sind. Da hilft nur das genaue Nachrechnen im Einzelfall.

Wer macht das Rennen?

Umsteiger von Windows Server sind sicherlich bei Produkten wie Xandros gut aufgehoben, aber sobald sie etwas mehr Know-how entwickeln, werden sie mehrheitlich zu Suse greifen. Steigen die Ansprüche weiter, dann kommen für sie mehr und mehr auch Red Hats Enterprise-Produkte in Frage. Für die Linux-Admins, die zertifizierte Server-Betriebssysteme wollen, bleibt ohnehin nur die Wahl zwischen SLES oder RHEL.

UCS und Corebiz eignen sich nicht für Rechenzentren oder DAX-Konzerne, finden aber in KMUs ihre Kunden. Microsoft nimmt offenbar die Linux-Konkurrenz ernst und trimmt den Windows Server 2008 vorsichtig in diese Richtung. Dass er die etablierten Linux-Server in relevanten Stückzahlen ablösen wird, darf aber als unwahrscheinlich gelten.

Infos

[1] Luma LDAP-Browser:[http://luma.sourceforge.net]

Der Autor

Norbert Graf ist als Systemtechniker und IT-Berater in München tätig. Zu seinen Arbeitsbereichen zählt die Administration von heterogenen Serverfarmen und Netzwerklösungen.

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