Aus Linux-Magazin 10/2007

Kein Wille nirgends

“Ich will” sang Rammstein 1999 auf dem Album “Mutter”. An dem Willen, den die bekanntesten Vertreter des Genres Neue deutsche Härte da äußern, mag wenig Zweifel bestehen – wer die Videos der Band kennt, weiß, wovon die Rede ist. Dass ihre Willensbildung aber frei erfolgt sein kann, bezweifelte jüngst der Evolutionsbiologe und Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits von der Uni Wien in einem Zeitungsinterview. Er spricht jedem Menschen die Fähigkeit eines freien Willens ab.

Er begründet seine These damit, dass erstens stammesgeschichtlich eine unbeeinflusste Entscheidungsfreiheit keine Vorteile brächte, somit überflüssig sei. Zweitens könne sich niemand von seinen Erfahrungen, Prägungen, Wünschen, Hoffnungen und Ängsten bei einer anstehenden Entscheidung trennen. Aus dem Bauch heraus mögen wir Nicht-Evolutionsbiologen die wenig schmeichelhafte These natürlich nicht bejahen. Doch auch dafür hat Wuketits eine Antwort: Im Alltag würden wir gar nicht bemerken, nur einer Illusion aufzusitzen, da wir uns nicht ständig fragen, ob ein freier Wille hinter jedem Tun steckt.

In diesem Lichte erklärt sich vieles besser. Zum Beispiel, dass sich gerade der technische Ausschuss des DIN, der NIA 34, mit einer eindeutigen Mehrheit für Microsofts Office-Format Open XML zur Aufnahme als Standard ausgesprochen hat. Welche Erfahrungen, Prägungen, Wünsche, Hoffnungen und Ängste die Ausschussmitglieder dazu bewogen haben, weiß zwar niemand. Es mögen aber auch objektive Gründe eine Rolle gespielt haben – immerhin ist das Format, anders als frühere MS-Office-Formate, gut dokumentiert.

Auch kein freier Wille, sondern wahrscheinlich Erfahrung mag den 1. Vorsitzenden des Linux-Verbands bewogen haben am selben Tag zu erklären: “Dennoch halte ich es für wichtig, neben der Fundamentalopposition auch andere Wege aufzuzeigen, die den Anwendern Interoperabilität ermöglichen.” Klingt schlüssig. Genauso wie Microsofts Antrag, ihre Permissive License (MS-PL) und die Microsoft Community License (MS-CL) von der Open Source Initiative OSI als gültige Lizenzen aufnehmen zu lassen. Auch hier wird sich kein freier Wille Bahn gebrochen haben, sondern eine Hoffnung – der Wunsch, auch in zehn Jahren noch in der Königsklasse der Software-Anbieter mitzumischen.

Einem Richter möchte man am wenigsten einen freien Willen zumuten. Der möge nach Gesetzeslage und Abwägung der Sachargumente urteilen. Gut, etwas Erfahrung ist nicht abträglich. Ein Phänotyp scheint der Untersuchungsrichter Dale Kimball zu sein, der in einer Entscheidung zum SCO-Novell-Streit urteilte, dass Novell das Copyright an Unix und Unixware besitzt und das Recht hat, Verträge zu kündigen, die es verletzen. Eine böse Niederlage für SCO, deren primärer Daseinszweck seit Jahren das Prozessieren für die Unix-Rechte und gegen den Linux-Kernel ist. Was soll man SCO zum Troste sagen? Dass es nicht der freie Wille Richter Kimballs gewesen ist, sondern die nackte Sachlage?!

Vielleicht kann Rammstein einer Firma, die derart am Abgrund
balanci

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