Aus Linux-Magazin 06/2007

Mark Shuttleworth zieht die Fäden gerne im Hintergrund

Mark Shuttleworth führt die Firma Canonical, finanziert Ubuntu und hat einen Sitz in der Linux Foundation inne. Mit dem Linux-Magazin spricht er über verteilte Teams, coole Tools, Feisty Fawn und Debian.

Als Impresario bei der Debian-basierten Linux-Distribution Ubuntu muss Mark Shuttleworth die zwei Entwicklergemeinden zusammenhalten. Seine Firma Canonical hat der südafrikanische Unternehmer dezentral aufgebaut, was eine ähnliche Koordination verlangt. Soeben ist die neue Ubuntu-Version 7.04 erschienen. Im Gespräch mit Mathias Huber vom Linux-Magazin erklärt Shuttleworth seine Pläne für die Open-Source-Welt und die Position von Canonical.

Linux-Magazin: Ubuntu 7.04 alias Feisty Fawn ist vor kurzem erschienen. Dapper Drake mit Long Term Support (LTS) stammt von Juni 2006, wann wird die nächste LTS-Distribution veröffentlicht?

Mark Shuttleworth: Wir sprechen noch mit dem Distributionsteam sowie mit der Community und versuchen festzustellen, was die Leute wollen. Meiner Meinung nach wäre es falsch, länger als weitere 18 Monate zu warten. Auf der einen Seite wollen wir keine drei Jahre seit der letzten LTS-Ausgabe verstreichen lassen, aber auch nicht weniger als anderthalb Jahre. Sehr wahrscheinlich wird es zwar nicht Feisty+1, aber möglicherweise Feisty+2 oder Feisty+3.

Linux-Magazin: Was ist mit den Usern von LTS? Werden die sich mit alter Software abgeben müssen, während sich Ubuntu weiterentwickelt, oder wird es Backports von neuen Features und Paketen für LTS geben?

Mark Shuttleworth: Es gibt bereits ein von der Community gestelltes Backport-Team. Und es leistet wirklich gute Arbeit. Natürlich kann man das nicht so leicht vorhersehen wie den Termin für die nächste Release, da dies vollkommen von der Einsatzbereitschaft des Backport-Teams abhängt. Zudem unterstützt Canonical keine Backports. Es kommt extrem selten vor, dass wir einen Backport erstellen und an alle User schicken. Die meisten User, die sich für eine LTS-Release entschieden haben, können besser mit den bekannten Bugs leben als mit jenen, die sie nicht kennen und die sie möglicherweise mit einer brandneuen Version oder einer neuen Software bekommen.

Linux-Magazin: Was zählt zu den Besonderheiten von Feisty Fawn?

Mark Shuttleworth: Da gibt es das Windows-Migrationstool (Abbildung 1), mit dem sich Ubuntu auf einer Windows-Maschine installieren lässt. Es bietet den Benutzern die Möglichkeit, Einstellungen wie die Firefox- und Internet-Explorer-Lesezeichen, Instant-Messaging-Kontakte und so weiter in ihr neues Ubuntu-Setup zu übernehmen.

Abbildung 1: Ubuntu unterstützt den Benutzer beim Einstieg und Umstieg mit einem Migrationstool.

Abbildung 1: Ubuntu unterstützt den Benutzer beim Einstieg und Umstieg mit einem Migrationstool.

Prinzip: Homeoffice

Linux-Magazin: In den Stellenausschreibungen auf der Ubuntu-Website heißt es häufig: “Standort: Dein Zuhause mit Breitband-Anschluss.” Kann man sagen, dass Canonical gewissermaßen ein virtuelles Unternehmen ist?

Mark Shuttleworth: Eine Sache, die mir am meisten Spaß machte beim Projekt, war die Antwort auf die Frage: Wie baut man ein wirklich verteiltes und virtuelles Unternehmen? Wenn ich an ein paar meiner Kollegen denke, die für sehr große Unternehmen arbeiten, stelle ich fest, dass sie einen anderen Weg gehen: Sie fangen mit dem Büro an und die Teams werden immer dezentraler – auch bei Firmen, die darauf bestehen, dass Mitarbeiter ins Büro kommen. Wir verfolgen die Strategie, die besten Bewerber einzustellen, ohne dass die dann ihren Wohnort wechseln müssen.

Linux-Magazin: Das hört sich sehr nach einem Open-Source-Projekt an.

Mark Shuttleworth: Und das war uns sehr wichtig für unsere Beziehung zur Ubuntu-Community, weil die sich richtigerweise hinter nichts stellen würde, was ihr nicht zugänglich ist. Es gibt nur wenige Gespräche, an denen man als Mitglied der Community nicht teilnehmen kann, bloß weil man nicht vor Ort ist. Sie finden über Mailinglisten und im IRC statt. Manchmal benutzen wir VoIP, aber IRC ist sehr beliebt, insbesondere bei Meetings, bei denen man sich möglicherweise nur für bestimmte Themen interessiert und darauf achtet, ob der eigene Name erwähnt wird.

Linux-Magazin: Eine weitere Sache, die ein verteiltes Team braucht, ist eine Software zur Versionsverwaltung. Wenn ich mich nicht irre, wurde Bazaar von Canonical entwickelt?

Mark Shuttleworth: Wir haben früh bemerkt, dass wir uns in einer ungewöhnliche Lage befinden, weil wir es mit zwei und manchmal sogar mehreren Upstreams zu tun haben. In manchen Fällen haben wir Debian als Upstream genutzt, in anderen Fällen die ursprünglichen Softwareprojekte, manchmal beide. Am Anfang verwendeten wir Bugzilla zum Bugtracking und stellten dann fest, dass wir herausfinden mussten, wie der Upstream und Debian mit einem Bug tatsächlich umgehen.

Schließlich erkannten wir, dass es sich um ein allgemeines Problem handelt: Es ging nicht nur darum, was der Upstream und Debian, sondern auch was Gentoo oder Red Hat mit einem Bug machen. Daher haben wir unsere eigene Infrastruktur erstellt, mit deren Hilfe wir einen effizienten Überblick erhalten und von der ich glaube, dass viele andere Projekte davon Gebrauch machen werden. Das Ganze nennt sich “Launchpad.net”. Was Launchpad unter anderem kann, ist, sehr gut mit einer verteilten Versionskontrolle zusammenzuarbeiten. Wir haben uns die verschiedenen Versionskontrollsysteme angeschaut. Was uns besonders gut gefiel, war die Arbeit eines bestimmten Teams, und wir haben davon einige Mitglieder eingestellt. Sie haben ein paar weitere Versionen entwickelt, bis das heutige Produkt Bazaar für die Veröffentlichung bereit war.

Globale Konferenz

Linux-Magazin: Was hat es mit dem Ubuntu-Live-Event auf sich?

Mark Shuttleworth: Das ist die erste globale Konferenz, die gezielt für Benutzer und Unternehmen konzipiert ist, die Ubuntu einsetzen. An drei Tagen im Juli bietet sie Keynotes und Tracks, Vorträge und BOFs. Sie wird vom Verlag O\’Reilly kurz vor der Oscon in denselben Räumlichkeiten in Portland, Oregon, organisiert. Das wird unsere erste Gelegenheit sein, ein offenes Forum zu gestalten, bei dem Partner und Kunden zusammenkommen. Bisher haben unsere Events auf Entwickler abgezielt.

Linux-Magazin: Warum nicht auch mal ein Ubuntu-Live-Event in Europa, Afrika oder Asien?

Mark Shuttleworth: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir ein europäisches Event organisieren, weil die Ubuntu-Software in Europa sehr beliebt ist. Ob wir letztlich ein Event pro Jahr abwechselnd in Europa und den USA veranstalten oder ob wir zwei Events veranstalten, davon eins in Europa und eins in den USA, kann ich nicht sagen. Warten wir es ab.

Debian führt Paketliste an

Linux-Magazin: Du hast erwähnt, dass es zwei Upstreams gibt, Debian und die Projekte selbst. Wer liefert die meisten Ubuntu-Pakete?

Mark Shuttleworth: Die meisten stammen von Debian, das ist gar keine Frage. Bei vielen Sachen, die einen großen Einfluss auf Systeme wie den Kernel, X.org oder Open Office haben, übernehmen wir die Führungsrolle, wir erstellen die Pakete und viele gelangen so zu Debian. Also sind wir in vielen Fällen der Upstream von Debian. Das variiert stark. Aber was die reinen Zahlen betrifft, ist Debian mit Abstand unser größter Partner.

Für uns ist die effektive Kooperation besonders wichtig. Unsere Beziehungen zu Debian variieren je nach dem einzelnen Debian-Entwickler. Debian ist keine Organisation, mit der man einen Vertrag abschließen kann, um eine bindende Vereinbarung zu erhalten; es geht sehr oft um persönliche Beziehungen zwischen Einzelpersonen.

Linux-Magazin: Nehmt Ihr zu Beginn einer neuen Ubuntu-Version immer noch einen Snapshot aus der Debian-Entwicklung als Basis?

Mark Shuttleworth: Es ist mehr eine Verschmelzung als ein Snapshot. Es gibt viele Änderungen, die wir an Paketen vorgenommen haben, also verschmelzen wir das Ganze: Wir beziehen die neuesten Änderungen von Debian und vom Upstream – ein sehr arbeitsintensiver Prozess. Daher ist es so wichtig, gute Beziehungen zu Debian aufzubauen, weil wir möchten, dass Debian unsere Änderungen übernimmt. Je mehr sie übernehmen, desto weniger Arbeit haben wir sechs Monate später. Ich glaube, es ist eine gute Sache für beide Projekte, wenn wir uns für die gegenseitige Begutachtung und Verschmelzung einsetzen. Manche Debian-Entwickler können sich damit anfreunden, andere nicht.

Sitz in der Linux Foundation

Linux-Magazin: Du sitzt neuerdings im Vorstand der Linux Foundation. Wofür möchtest Du Dich dort engagieren?

Mark Shuttleworth: Ich denke, Standardisierung und Harmonisierung. Das Schöne an freier Software ist, dass dem Innovationspotenzial keine Grenzen gesetzt sind. Ein mögliches Problem gibt es aber: die Gefahr der Fragmentierung. Sie kann dazu führen, dass unabhängige Softwarehersteller kalte Füße bekommen. Da gilt es zu überlegen, wie wir das Beste beider Welten erreichen: Wir müssen den ISVs eine Plattform bieten, die sie in dem Wissen ansteuern können, dass sie damit Linux insgesamt erreichen, ohne die Innovationsfähigkeit der Distributionen zu gefährden. Daher halte ich LSB für ein sehr gutes Projekt, weil es sich um Kompatibilität kümmert, aber den Distributionen dennoch ausreichend Freiraum für Innovationen lässt.

Linux-Magazin: Apropos ISVs: Was ist mit dem Click\’n\’Run-Warehouse passiert, beim dem ihr mit Linspire kooperieren wolltet?

Mark Shuttleworth: Wir haben eine offene Beziehung mit Linspire. Linspire vereinfacht Dinge, die für bestimmte Benutzergruppen wichtig sind. Ich bin wirklich erfreut, dass dieses Feature der Ubuntu-Community zugänglich gemacht wird, und wenn es den Ubuntu-Usern gefällt, ist es gut, dass sie darauf zurückgreifen können. Dadurch ändert sich aber nichts an unserem Commitment, was wir für die beste freie Software halten, alle sechs Monate den Menschen zur Verfügung zu stellen. Mir ist es lieber, eine Partnerschaft mit einem Unternehmen einzugehen, das die Bedürfnisse einer Zielgruppe erfüllt, als diese User an eine andere Distribution zu verlieren.

Linux-Magazin: Mark, wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch.

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