Aus Linux-Magazin 02/2007

Navigations-Kit für das Nokia 770

Abbildung 2: Auf großer Fahrt zeigt die Software links eine zoombare Karte in 2D oder 3D. Am rechten Rand sind Richtung und genaue Distanz zur bevorstehenden Aktion, die Entfernung zum Ziel und die voraussichtliche Ankunftszeit ersichtlich.

Nachdem Nokia mit dem 770 Internet Tablet ein professionelles Linux-Mobile eingeführt hat, erscheint nun die erste kommerzielle Software dafür: Navicore Personal 2007, Routenplaner und Navigationssoftware.

Der Markt für mobile Linux-Geräte ist nur dünn besät. Da freut es, wenn die finnische Firma Navicor [1] mit der “Personal 2007”-Edition eine echte mobile Navigationslösung für das Nokia 770 auf den Markt wirft. Das 770 [2], Nokia nennt es Internet Tablet, läuft unter Linux (siehe Test im Linux-Magazin [3]). Die geografische Nähe beider Firmensitze könnte bei der Wahl der Hardwareplattform eine Rolle gespielt haben: Espoo (Navicor) und Helsinki (Nokia) liegen nur einen Handywurf weit voneinander entfernt.

Im Vergleich zur reinen Software für 150 Euro ist das Kit mit 200 Euro ein Schnäppchen, enthält es doch einen passenden GPS-Empfänger, Halterung und Ladekabel (siehe Kasten “Navigations-Kit für Nokia 770”). Die Installation der Software ist schnell erledigt: die MMC-Karte ins 770 einlegen und via Dateimanager auf das für Maemo [4] typische Debian-Paket der Software klicken. Es öffnet sich der Paketmanager und nach zweimal »OK« ist die Software installiert. Auch ein so genanntes Home-Screen-Plugin installiert sich gleich mit, eine Art Start-Icon für den Nokia-Desktop.

Navigations-Kit für Nokia
770


Hersteller: Navicore OY, Postfach 10 10 10, D-40710 Hilden, [http://www.navicore.de]

Lieferumfang:

  • DVD mit “Navicore Personal 2007” (für 150 Euro
    auch einzeln erhältlich)
  • 1-GByte-RS-MMC-Karte mit Navicore Personal 2007 und dem
    Kartenmaterial für Mitteleuropa
  • SIRF-III-Bluetooth-GPS-Empfänger Nokia LD-3W mit
    wechselbarem Akku
  • Kfz-Ladekabel, passend sowohl für Nokia LD-3W als auch
    für das 770
  • Kfz-Saugnapfhalter für Nokia 770

Preis: 200 Euro im Nokia-Webshop [3]

Beim ersten Start des Programms muss eine Internetverbindung bestehen, denn es fragt die auf der Verpackung aufgedruckte Lizenznummer ab und registriert sie mit einer Geräte-ID bei Navicore. Ab nun ist die Lizenz für ein zweites Nokia blockiert. Per Option lässt sie sich aber wieder abmelden, danach darf die Software auf ein anderes 770 umziehen.

Navicore setzt das plattformeigene GTK+ ein, andere Navigationssoftware meist plattformunabhängige Toolkits. Das führt aber dazu, dass sich diese Programme nur schwer in die restliche Software-Umgebung des Nokia integrieren. Navicore Personal 2007 dagegen passt wie ein Maßanzug – der Tester, selbst Software-Entwickler für Maemo/770 – war sehr angetan.

Straßen-Demo

Jetzt kann\’s auch schon losgehen. Obwohl sich das Navi auch für Fußgänger und Radfahrer eignet, ist das Auto wohl sein Hauptarbeitsplatz. Um den einzurichten reicht es, das Nokia 770 per Saugnapf im Sichtfeld des Fahrers und den GPS-Empfänger im Sichtfeld des Himmels zu platzieren. Eine Kabelverbindung ist nicht nötig, da sich beide per Bluetooth unterhalten.

Die Navicore-Software startet zuerst im Full-Screen-Modus und zeigt eine Karte der aktuellen Position (Abbildung 1). Der Benutzer kann die Karte mit dem Stift verschieben und skalieren. Die Zieladressen-Eingabe erfolgt effizient, beginnend mit dem Straßennamen. Meist reichen ein paar Buchstaben, also zum Beispiel “Süski”, um zur Süskindstraße zu gelangen. Der Benutzer tippt die Zeichen ohne Stift mit den Fingern auf das Thumb-Keyboard des 770, einer stark vergrößerten Bildschirmtastatur. Anhand des Straßennamens schlägt die Software im zweiten Schritt zügig alle Orte vor, in denen es diese Straße gibt. Die ungewöhnliche Reihenfolge spart Tipparbeit.

Abbildung 1: Die Navi-Software Navicore Personal 2007 läuft auf dem Mobile Nokia 770. Die Integration der Linux-Software in die Maemo-Oberfläche ist der finnischen Firma vorbildlich gelungen.

Abbildung 1: Die Navi-Software Navicore Personal 2007 läuft auf dem Mobile Nokia 770. Die Integration der Linux-Software in die Maemo-Oberfläche ist der finnischen Firma vorbildlich gelungen.

Reiselust

Nach Eingabe des Zielorts beginnt die Routenberechnung, was nur wenige Sekunden dauert, meist weniger als zehn. Die Streckenführung richtet sich danach, ob Pkw, Rad oder Schusters Rappen als Fortbewegungsmittel eingestellt sind. Die Anzeige während der Zielführung ist übersichtlich: Links die Karte in 2D oder 3D, unten der Name der gerade befahrenen Straße und oben der Name der nächsten zu befahrenden Straße (Abbildung 2). Rechts sind zu sehen:

  • die nächste und übernächste Fahranweisung als
    Pfeile,
  • daneben ein Balken, der die Distanz bis zur nächsten
    Aktion symbolisiert,
  • darunter die Entfernung zur nächsten Aktion in
    Metern,
  • die Kilometer bis zum Ziel,
  • die vorausberechnete Ankunftszeit,
  • die aktuelle Geschwindigkeit und
  • eine grafische Anzeige der GPS-Empfangsqualität.

Navi-typisch redet die Software mit dem Fahrer wahlweise mit einer Frauen- oder Männerstimme. Die akustische Qualität der Ansagen ist der Lautsprecher-Natur des Nokia 770 geschuldet mäßig, für Cabrios kaum geeignet. Toll wäre eine Option, die Auio-Ansagen auf Bluetooth-fähige Autoradios zu verlagern.

Abbildung 2: Auf großer Fahrt zeigt die Software links eine zoombare Karte in 2D oder 3D. Am rechten Rand sind Richtung und genaue Distanz zur bevorstehenden Aktion, die Entfernung zum Ziel und die voraussichtliche Ankunftszeit ersichtlich.

Abbildung 2: Auf großer Fahrt zeigt die Software links eine zoombare Karte in 2D oder 3D. Am rechten Rand sind Richtung und genaue Distanz zur bevorstehenden Aktion, die Entfernung zum Ziel und die voraussichtliche Ankunftszeit ersichtlich.

Ausfahrt verpasst?

Eine positive Überraschung ist die Präzision der Wege-Angaben, die zum einen sehr präzise und zum anderen vor allem rechtzeitig kommen. Viele Navigationssysteme verwirren hier mit missverständlichen und wenig exakten Angaben. Die Navicore Software dagegen kennt außergewöhnliche Details, beispielsweise: “Am Ende der Straße rechts abbiegen!” Ebenso hilft “Jetzt rechts abfahren und anschließend auf der rechten Spur einordnen!”, um im mehrspurigen Großstadtgewühl nicht zu stranden.

Wer dennoch eine Abfahrt verpasst, dem gibt die Software noch ein wenig Zeit, selbst den rechten Weg zu finden, statt hektisch sofort eine neue Route zu berechnen. Als zusätzliche Hilfe kann die Fahrerin oder der Fahrer mit den Cursortasten die Strecke virtuell vor- und rückwärts abfahren, um die Stelle zu finden, wo sie oder er falsch abgebogen ist.

Navicore-Nutzer, die während der Fahrt eine Internetverbindung, etwa via Mobiltelefon und GPRS oder UMTS, aufbauen, kommen in den Genuss zweier kostenloser Online-Angebote des Herstellers: einer Liste mit stationären Radarfallen, die die Software auf der Strecke platziert, sowie Online-Verkehrsinformationen.

Schwer zu kriegen

Navicore 2007 Personal fürs Nokia Internet Tablet ist ein gelungenes Produkt. Bedienkonzept und Funktionalität der Software sind stimmig, die Implementierung der Software für das 770 per GTK+ verdient das Prädikat “perfekt”. Preislich ist das Kit mit GPS-Empfänger, MMC-Karte und Kfz-Zubehör der reinen Software-Variante vorzuziehen – allein das Zubehör hat einen Wert von 150 Euro.

Zum Redaktionsschluss stand es um die Verfügbarkeit des Produktes nicht zum Besten, am ehesten funktioniert der Erwerb wohl über [5]. Bugfixes soll es kostenlos bei [2] zum Download geben. Neues Kartenmaterial kommt etwa einmal jährlich heraus, für rund 70 Euro. (jk)

Infos

[1] Navicore OY: [http://www.navicore.de]

[2] Internet Tablet Nokia 770: [http://www.nokia.de/770]

[3] Nils Faerber, “Nokia 770 Internet Tablet im Kurztest”: Linux-Magazin 01/06, S. 58

[4] Nils Faerber, “Embedded-Linux-Entwicklungsumgebung Maemo einrichten”: Linux-Magazin 02/06, S. 120

[5] Navi-Kit im Nokia-Shop: [http://direct.nokia.com/Product.aspx?model=NavKit]

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