Aus Linux-Magazin 06/2006

Mauern auf ganzer Linie: Kernel entzieht Programmen unnötige Rechte

Davon kann die Nationalelf nur träumen: Gleich mehrere geschlossene Abwehrlinien konkurrieren darum, wer das eigene Tor am besten verteidigt. SE Linux und App Armor setzen auf sehr verschiedene Strategien, um das feindliche Leder fern zu halten.

Inhalt

36 | SE Linux Mit Security Enhanced Linux beherrscht der Linux-Kernel Mandatory Access Control: Der Admin legt per Regelsatz fest, wer wie worauf zugreifen darf.

44 | App Armor Dieses gerade erst unter die GPL gestellte Schutzsystem sperrt Applikationen in den virtuellen Sandkasten und begrenzt deren Rechte auf das Minimum – und damit auch die Möglichkeiten eines Eindringlings.

50 | Vis-à-vis: Red Hat und Novell Die Schwergewichte der Branche haben ihre Lieblingsschützlinge: Während Red Hat auf SE Linux setzt, kontert Novell mit App Armor. Zwei prominente Verfechter beider Positionen legen ihre Argumente offen.

56 | Rootkits für Kernel 2.6 Sie gelten als hohe Hacker-Schule und bringen Admins in Bedrängnis: Moderne Rootkits unterwandern das angegriffene System auf Kernel-Ebene und entziehen sich den meisten Suchaktionen.

Wenn zwei sich streiten, freut sich nicht immer ein Dritter. So beim Kampf um die Käufer-, Admin- und Anwendergunst zwischen SE Linux und App Armor, stellvertretend ausgefochten von Red Hat und Novell. Beim sensiblen Sicherheitsthema ist ein derartiges Scharmützel doppelt schade: Statt friedlich die unterschiedlichen Anwendungsfälle herauszustellen, in denen beide Systeme ihre Stärken ausspielen, hält der künstliche Konflikt Admins davon ab, wenigstens eines der beiden Systeme auch tatsächlich einzusetzen.

SE Linux trumpft mit seiner umfassenden Mandatory Access Control vor allem in Situationen, in denen Admins die Rechte zentral und sehr detailliert vergeben wollen. Nicht mehr der Eigentümer einer Ressource entscheidet, wer auf sie zugreift, sondern das Regelwerk als Zugriffsmatrix. Diese enorme Kontrolle birgt aber auch einen deutlichen Nachteil: Nur wer sich eindringlich mit dem System beschäftigt, blickt durch. Damit taugt SE Linux nur bedingt für Gelegenheits-Admins und überlastete Systemverwalter und gar nicht für Endanwender. Die müssen auf vorgefertigte Regelsätze vertrauen.

Die Regeln von der Stange reduzieren den Nutzwert von SE Linux aber darauf, Applikationen in ihre Schranken zu verweisen. Wenn ein Angreifer die Kontrolle über einen Prozess erlangt, erbt er schließlich dessen Rechte – und das sollten möglichst wenige sein.

Sandkasten für Prozesse

Dieses Application Sandboxing ist mit viel weniger Aufwand möglich. Novells App Armor zeigt, dass dafür keine neuen Abstraktionen wie Rolle, Domäne und Typ nötig sind. Die Software begnügt sich mit einer einfachen Konfiguration für einzelne Prozesse, die bestimmt, welche Dateien sie lesen und schreiben dürfen und welche Capabilities sie dazu erhalten.

App Armor bleibt in bester Posix-Tradition bei normalen Pfadnamen und dem vertrauten »r« fürs Lesen. Damit ist das System für Admins nachvollziehbar und klarer. Selbst Anwender profitieren davon und sperren im Zweifelsfall ihren PDF-Reader oder das Mailprogramm in den virtuellen Käfig, bevor sie damit gefährliche Dokumente öffnen.

Schade, dass sich Novell und Red Hat nicht darauf besinnen, beide Techniken anzubieten und klar herauszustellen, wo die jeweiligen Stärken und Einsatzbereiche liegen. Sie würden den geplagten Admins viel mehr helfen als mit dem Versuch, ihre Lieblinge als Standards durchzusetzen. Wie eine Kombination funktioniert, könnten sie von RSBAC [http://rsbac.org] lernen.

Die ersten beiden Artikel im Heftschwerpunkt füllen die Informationslücke und erklären App Armor und SE Linux sachlich und fundiert. Darauf folgt ein Beitrag, in dem Vertreter von Novell und Red Hat ihre Standpunkte zementieren. Wer hier zwischen den Zeilen liest, wird vielleicht auch feststellen, dass eine friedliche Koexistenz ideal wäre. Beide Systeme haben unverkennbar ihre Stärken und Schwächen.

Zum Abschluss zeigt ein Artikel die dunkle Seite der Zugriffskontrolle: Haben vorab alle Schutzmechanismen versagt, dann übernehmen feindliche Rootkits die Kontrolle und bestimmen, was der Admin von den Vorgängen auf seinem System noch erfährt.

Copyright © 2002 Linux New Media AG

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