Eltern kümmern sich gewöhnlich um ihre Brut. Das bekommen sie in keinen Lehrgängen beigebracht, erst recht gibt’s keinen Kinderführerschein. Das Päppeln der Kleinen ist genetisch angelegt und evolutionsbiologisch ein Muss – jeder möchte seine eigenen Gene weitergeben, die Mehrheit der anderen Wirbeltiere tut’s schließlich auch.
Selbst im Geschäftsleben hat sich diese Überlebensstrategie etabliert: Der Hersteller einer Kaugummisorte sorgt nicht nur für gutes Marketing und eine ansprechende Verpackung, damit die Verbraucher das Ding kaufen. Er achtet auch auf den Geschmack und die Konsistenz seines Produkts, damit sie es ein zweites und drittes Mal erwerben.
Ein herber Fall von Vernachlässigung eines Sprösslings war dieser Tage in meiner Wohnung zu beklagen. Ich meine nicht, dass meine Freundin mich längere Zeit auffällig eisig behandelt hätte. Vielmehr dreht sich der Fall um das Mandrake Linux 10.0 auf meinem Rechner. Für mich gänzlich unerwartet stellten die Franzosen ihren Update-Support für die Version zum Jahreswechsel ein. Der Link auf allen Update-Servern war einfach verschwunden. Toll. Jetzt kann ich zusehen, wie sich Sicherheitsloch um Sicherheitsloch auf meinem PC auftut und in ein paar Monaten ein Scriptkiddy in einem Forum schreibt: “Endgeil! Habe eben die Kiste vom Chefredakteur des Linux-Magazins gehackt.”
Man mag einwenden, dass ich auf eine neuere Mandriva-Version upgraden könne – ja. Andererseits ist mein Rechner so hübsch eingerichtet und Upgrades über mehrere Versionsgenerationen hinweg verlaufen meist unbefriedigend, da sich die Funktionalität der Pakete ändert und die alten Konfigurationsdateien dazu oft nicht recht passen wollen. Dann ist eine Neuinstallation besser – meine Benutzeranpassungen wären aber perdu.
Warum bitte muss ich eine Software, die im April 2004 erschienen ist, nach eineinhalb Jahren entsorgen?! Kann mir das jemand – auch auf Französisch – erklären? Dass Red Hat für seine zeitgleich erschienene Desktop-Version 9 auch keine Patches mehr liefert, tröstet mich nicht, denn die Amerikaner haben die ganze Produktlinie eingestellt und so signalisiert, dass solche Kinder für die eigene Rente nix bringen. Novell ist da nachhaltiger und patcht immerhin Suse Linux 9.0, das im Oktober 2003 rauskam, bis heute. Debian pflegt zwar seine alten Releases auch nicht auffällig lange; hier ist aber ein Upgrade organischer und darum weniger problematisch.
Auf eine genetische Präposition braucht man in der Softwarebranche jedenfalls nicht zu hoffen. Wie wär’s mit einem obligatorischen Pflegeführerschein?
Dass ich mir nun einen anderen Linux-Exoten als Heim-Distribution suche, ist ausgemacht. Aus Schaden klug geworden, achte ich dabei mehr als früher auf die Päppel-Qualitäten der Tux-Eltern, um das Heranwachsende nicht nach einem Jahr wieder zum vollwaisen Nestflüchter erklären zu müssen. Tschilp!






