Aus Linux-Magazin 02/2006

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Die Tafel ist diesmal auch mit zwei Gnome-Programmen gedeckt: Mit Tomboy verwalten Anwender ihre Notizzettel auf Wiki-Art und Searchparty vereint Google-User gleicher Interessen. Weltenbummler kommen mit WW2D auf ihre Kosten. Für den ganz natürlichen Hunger gibt es mehrere hundert Rezepte.

Erst kürzlich entfachte Linus Torvalds mit einem derben Kommentar auf einer Gnome-Mailingliste einen heftigen Streit über die richtige Desktop-Umgebung [1]. Auch wenn dies nur die Meinung eines einzelnen – wenn auch prominenten – Anwenders widerspiegelt, wirft sie doch ein Licht auf die neuerlichen Annäherungsversuche der KDE- und Gnome-Fraktionen. Diese Ausgabe der Projekteküche bricht eine Lanze für Gnome und stellt zwei noch sehr junge, ambitionierte Projekte vor.

Tomboy

Das erste Programm stammt von dem Gnome-Entwickler Alex Graveley, der passenderweise seit Anfang Dezember einem Team der OSDL [2] angehört, das die Zusammenarbeit zwischen Gnome und KDE verbessern soll. Die Software Tomboy [3] widmet sich einem bekannten Problem – der Verwaltung von Notizen. Mittlerweile gibt es zwar bereits dutzende Programme, die es den Anwendern erleichtern, kurze Gedächtnisstützen auf dem Desktop abzulegen.

Tomboy geht dabei aber einen neuen Weg. Jeder Notizzettel stellt sich als eine Wiki-artige Seite dar. Legt ein Benutzer eine neue Notiz an, versieht er sie mit einem Titel und schreibt den Text in ein einfaches Textfeld. Dabei kann er das Geschriebene mit üblichen Schrift-Formatierungen wie fett, kursiv oder durchgestrichen versehen.

Der Clou an Tomboy ist, dass ein Text Verweise auf andere Notizen enthalten kann. Markiert der Benutzer ein Wort oder einen ganzen Satz und klickt auf den Button »Verknüpfung«, erstellt Tomboy automatisch eine neue Notiz, die als Titel den markierten Text enthält. Abbildung 1 zeigt vier Notizen, die sich gegenseitig referenzieren – wie in einem Wiki. So fällt es leicht, seine Notizen zu strukturieren.

Abbildung 1: Tomboy schafft Ordnung im Chaos der Notizzettel. In Wiki-Manier verlinken Anwender ihre Notizen miteinander. So geht nichts mehr verloren.

Abbildung 1: Tomboy schafft Ordnung im Chaos der Notizzettel. In Wiki-Manier verlinken Anwender ihre Notizen miteinander. So geht nichts mehr verloren.

Außerdem bietet Tomboy die Möglichkeit, URLs einzugeben. Klickt der Anwender darauf, öffnet sich automatisch ein Browserfenster mit der entsprechenden Seite. Die Suche erleichtert den Umgang mit sehr vielen Notizzetteln. Die integrierte Suche zeigt im Ergebnisfenster alle Zettel an, in denen der gesuchte Begriff vorkommt. Ein Doppelklick öffnet die entsprechende Notiz.

Graveley benutzt Mono als Programmierumgebung für Tomboy, das der Anwender also zuerst installieren muss. Für alle großen Distributionen gibt es allerdings bereits fertige Binärpakete. Die Installation der entsprechenden Bibliotheken für die Mono-Umgebung lohnt sich; mit Tomboy ordnen Anwender kurze Gedächtnisstützen auf einfachste Weise.

Searchparty

Das zweite Gnome-basierte Projekt trägt den Namen Searchparty [4]. Der ursprüngliche Urheber ist Seth Nickell. Sanford Armstrong und Raphael Slinckx haben im Rahmen von Googles “Summer of Code” Nickells Idee implementiert. Der Name Searchparty lässt bereits vermuten, welches Prinzip hinter dem Programm steckt. Benutzer, die etwa bei Google die gleichen oder ähnliche Suchbegriffe suchen, sollen sich irgendwo im Internet zusammentun können, um Informationen auszutauschen.

Armstrong und Slinckx haben dafür ein Browser-Plugin für Firefox und Gnomes Epiphany entwickelt. Sucht ein Anwender etwa bei Google nach einem Begriff, zeigt Searchparty einen Button »Join Search Party« im Browser an. Ein Klick darauf öffnet ein neues Chatfenster.

Dort treffen sich dann alle Searchparty-Benutzer, die nach einem ähnlichen Begriff gesucht haben. In diesem Chat tauschen sie dann etwa Links zu dem jeweiligen Thema aus oder diskutieren. Der Name Party macht klar, dass die Treffen eher spontan und von relativ kurzer Dauer sind. Damit unterscheidet sich Searchparty von den gängigen Chatsystemen, in denen sich nur Benutzer zusammenfinden, die ein langfristiges Interesse an einem Thema haben.

Die zweite, die so genannte Server-Komponente, kümmert sich um die Verwaltung aller Benutzer in den Searchparty-Chats. Sie greift auf den zurzeit einzigen Server [searchpartyproject.com] zu. Er verwaltet die gesuchten Begriffe, zeigt an, wie viele Benutzer sich in den Chaträumen befinden, und eröffnet auf Wunsch neue.

Somit bietet das Projekt eine bahnbrechende und zugleich simple Möglichkeit, an gesuchte Informationen zu gelangen. Es erweitert gewissermaßen bestehende Suchmaschinen. Da Searchparty noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es noch wenige Benutzer und die Chaträume sind meist leer. Entwickelt sich die Software aber so schnell weiter wie bisher und findet eventuell Einzug in Gnome, können sich Anwender darauf freuen, bald schneller an gesuchte Informationen zu gelangen.

WW2D

Seit die Nasa im September 2004 ihr Programm Nasa World Wind [5] unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht hat, können auch Stubenhocker leicht die Welt vom Computer aus erforschen. Mitte dieses Jahres legte auch Google mit seiner Software Google Earth [6] nach und sorgte für einen Hype, der bis heute anhält. Doch die Linux-User hatten bei diesen Entwicklungen stets das Nachsehen, denn sowohl World Wind als auch Google Earth laufen nur unter Windows. Der Entwickler Vitaliy Pronkin hat sich vor kurzem daran gemacht, diesen Missstand auszuräumen, und das Programm WW2D entwickelt. Die Programmiersprache Java garantiert dabei hohe Plattformunabhängigkeit: WW2D läuft auf Windows, Mac OS X und Linux.

Vor dem Start des Programms müssen Anwender eine Java-Laufzeitumgebung und die Java-Bindungen zu OpenGL (JOGL) installieren. Nach dem Entpacken des WW2D-Tarballs startet »java -jar WW2D.jar« die Software. Daraufhin präsentiert sich ein Fenster mit dem Gesamtbild der Erde in 2D-Ansicht.

WW2D arbeitet mit verschiedenen Ebenen, die sich anzeigen und ausblenden lassen. Dazu genügt ein Klick auf »LM« (Layer Manager) und die Auswahl der entsprechenden Ebene im sich öffnenden Fenster. Die Auflösung der einzelnen Ebenen vergrößert sich mit dem zunehmenden Zoomfaktor. Um ihn zu vergrößern, betätigen Anwender das Scrollrad der Maus. WW2D zeigt dann etwa die Layer »Boundaries« oder »Flags of the World« an. Letzterer blendet die jeweilige Landesflagge für alle Länder der Erde ein.

Bei der Detailtreue der Karten kann WW2D mit den Windows-Konkurrenten leider nicht mithalten und Stadtkarten gibt es beispielsweise gar nicht. Davon abgesehen bietet die Software einige sehr interessante Features: Ein Klick auf den Button »RF« (für Rapid Fire) öffnet ein Fenster, in dem Benutzer Optionen wie »Dust & Smoke«, »Storm« oder »Fire« ein- oder ausschalten. Bei eingeschaltetem »Fire«-Knopf zeigt WW2D zum Beispiel Icons dort an, wo größere Feuer toben.

Die Daten bezieht das Programm live und stets aktuell aus vielen freien Datenbanken im Internet. Über Addons [8] lässt sich der Datenbestand erweitern, etwa um Informationen aus der World-Heritage-Datenbank der Unesco. Es bleibt zu hoffen, dass sich noch mehr Entwickler finden, die an WW2D mitarbeiten. Das Programm hat das Potenzial, ein ebenbürtiger Ersatz für Google Earth oder World Wind zu werden.

Abbildung 2: Mit WW2D tritt eine freie Java-Software den harten Kampf gegen Windows-Programme wie Google Earth an. Da es mittlerweile viele kostenlose Kartendatenbanken gibt, stehen die Chancen gut.

Abbildung 2: Mit WW2D tritt eine freie Java-Software den harten Kampf gegen Windows-Programme wie Google Earth an. Da es mittlerweile viele kostenlose Kartendatenbanken gibt, stehen die Chancen gut.

Rezepte-Wiki

Anstatt einer einzelnen Back- oder Kochanleitung gibt es heute eine ganze Sammlung an Rezepten sowie Tipps und Tricks rund um die Küche. Im Rezepte-Wiki [9] sammeln eifrige Köche und Köchinnen verschiedenste Rezepte aus aller Welt. Dort sind viele hundert Anleitungen versammelt, von A wie Ausstecherle über K wie Kräuterbutter bis Z wie Zander auf Rahmsauerkraut.

Um sich in der großen Menge von Anleitungen zurechtzufinden, haben die Mitwirkenden ihre Rezepte in Kategorien wie Libanesische Küche und fünf Schwierigkeitsgrade unterteilt. Für noch nicht allzu versierte Gourmets führt das Rezepte-Wiki übersichtliche Listen mit Garzeiten für sämtliche Gemüsesorten oder Tipps zum Pfannenrühren, einer chinesischen Zubereitungstechnik. Guten Appetit! (ofr)

Infos

[1] Linus Torvalds über Gnome: [http://www.linux-community.de/Neues/story?storyid=18628]

[2] Open Source Development Labs: [http://www.osdl.org]

[3] Tomboy: [http://www.beatniksoftware.com/tomboy/]

[4] Searchparty: [http://live.gnome.org/SearchParty]

[5] Nasa World Wind: [http://worldwind.arc.nasa.gov]

[6] Google Earth: [http://earth.google.com]

[7] WW2D: [http://ww2d.csoft.net]

[8] WW2D-Addons: [http://ww2d.csoft.net/index.php?title=Category:Add-ons]

[9] Rezepte-Wiki: [http://www.rezeptewiki.org]

[10] Vorschläge: [projekte@linux-magazin.de]

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