Die Open-Source-Welt bietet Programme und Linux-Distributionen für Lehrer und Schüler. Doch wie kommt das Angebot in der Praxis an? Das Linux-Magazin hat in Erding, Potsdam und Kiel die Schulbank gedrückt.
Rund 50 Sekunden nach dem Einschalten des Rechners sieht der Schüler den KDE-Desktop – die Unterrichtsstunde kann beginnen. Die Herzog-Tassilo-Realschule in Erding nordöstlich von München betreibt seit September 2005 zwei Rechnerräume mit insgesamt 47 Arbeitsplätzen unter Linux.
Mittlerweile läuft das System stabil, doch die ersten zwei Monate waren schwer. “Am Anfang haben wir uns echt geärgert, dass das so ein Mist ist”, erzählt Gertraud Pastl, altgediente Lehrerin für Stenografie und Maschinenschreiben, die nach dem neuen Lehrplan auch Informationstechnologie (IT) unterrichtet, “aber dank Herrn Hehnen haben wir es hingekriegt.” Daniel Hehnen ist Lehrer für Mathematik, Physik und IT und betreut daneben die Computerräume. “Anfangs habe ich am Wochenende an der Anlage gefummelt und am Montag waren die zwei Räume ohne Betrieb”, sagt er rückblickend und lobt das Lehrerkollegium für seine Toleranz.
Mittlerweile kann der groß gewachsene junge Mann Erfolge vorweisen: Eine Kollegin aus den Fächern Deutsch und Geschichte kam ohne jegliche Einweisung mit dem Linux-Raum zurecht. Die Klasse war bereits mit den Arbeitsplätzen vertraut, fuhr die Rechner hoch und führte eine Internetrecherche durch. “Alles ging problemlos und sie war hochzufrieden.”
Die staatliche Realschule kam zu Linux, weil sie nach einer Möglichkeit suchte, die Hardware der alten Windows-98-Rechner weiterhin zu nutzen. Für ein Update auf Windows 2000 waren die Geräte nicht leistungsfähig genug. So entstand die Idee, die alten Rechner als Terminal-Clients einzusetzen.
Daneben richtete die Schule einen neuen Computerraum ein und plante dafür zunächst Thin-Clients. Die Empfehlung, für die Terminalserver-Lösung die Debian-basierte Linux-Distribution Skolelinux [1] einzusetzen, kam vom lokalen Dienstleister Öcom Computer [2]. Statt Thin-Clients setzte die Schule im neuen Raum aber doch Standard-PCs ein, um bei Bedarf lokale Installationen vornehmen zu können. Genau das wird nun mit den beiden Arbeitsplatzrechnern für die Lehrkräfte geschehen, damit sie Sound und Wechselmedien wie USB-Sticks und CD-ROMs nutzen können.
Daniel Hehnen betreut an der Schule über 100 Rechner und erhält dafür vier Wochenstunden Ermäßigung. “Das reicht nicht, aber es ist ja auch mein Hobby”, erzählt der engagierte Lehrer. Mit Linux hatte er vorher noch kaum zu tun. Auf der Akademie für Lehrerfortbildung im schwäbischen Dillingen besuchte er eine einwöchige Linux-Schulung, ansonsten findet er das Weiterbildungsangebot zum Thema freie Software “eher beschämend”. Beigeistert äußert er sich dagegen über die hilfsbereiten Mitglieder der Mailingliste [user@skolelinux.de]: “Erst gestern Vormittag habe ich eine Frage geschrieben – als ich zu Hause ankam, war schon die Antwort da.”
Die Clients der beiden Linux-Räume werden per Glasfaser von einem einzigen Rackserver versorgt, der in einer Kammer neben der Schülerbibliothek untergebracht ist. Lediglich bei hoher Anmeldelast kommt er ein wenig in Schwierigkeiten, daher melden sich die Schüler auf Zuruf der Lehrkraft Bankreihe für Bankreihe an.
Unauffällig
“Wenn man ehrlich ist, bekommen die Schüler vom Betriebssystem aber gar nichts mit. Wichtig sind die Office-Anwendungen, da sehen die Schüler in der Regel keinen Unterschied und können ihr Wissen übertragen”, schildert Lehrer Hehnen die Realität des Schulalltags. Ein Vorteil sei aber, dass Lehrer und Schüler Open Office und – dank eines Abkommens des Bundeslands mit Sun – Star Office auch zu Hause kostenlos und legal einsetzen können. Nicht jeder Heimanwender mit Windows besitze schließlich auch eine Word-Lizenz.
Gertraud Pastl dagegen weist darauf hin, dass der Teufel im Detail steckt: Mit Aufzählungszeichen und Serienbriefen haben die Schüler Schwierigkeiten, zumindest mit der an der Schule eingesetzten Version 1.0.2 von Open Office.
Der Ehrenamtliche
Um Textformatierung in Office-Programmen geht es auch in der Klasse 4b bei Friedemann Labsch an der Max-Dortu-Grundschule in Potsdam. Hier ist zwar Open-Source-Software wie Mozilla Firefox und Open Office im Einsatz, das Betriebssystem der Schüler-Arbeitsplätze ist aber Windows. Lediglich ein Rechner in der Ecke des Raums, der als Domain- Controller sowie File-, Print- und Proxyserver dient, läuft unter Suse Linux. Hier sitzt Dirk Hebenstreit und ist mit der wöchentlichen Wartung des Systems beschäftigt. Er ist von Beruf IT-Trainer bei der Bundesfinanzverwaltung, in seiner Freizeit kümmert er sich ehrenamtlich um die Computer der Schule.
1999 gründete er mit Gleichgesinnten das Projekt “Pingos – Linux-User helfen Schulen” [3], das mittlerweile als gemeinnütziger Verein anerkannt ist. Er investiert mindestens drei Stunden wöchentlich für die Schule. Nach seiner Erfahrung sind die Lehrer häufig mit der Technik überfordert. Sie haben keine Zeit, um Basiswissen zu erwerben, fühlen sich unsicher und müssen doch die Vorgaben der Lehrpläne zur Arbeit mit dem Computer erfüllen. Hier springt Hebenstreit ein: “Wenn der Staat das nicht leisten kann, ist es mir lieber, ein Verein macht das, als dass Firmen in die Schule kommen”, sagt er.
Seine Arbeit in der Max-Dortu-Schule begann, als ihm eine Nachbarin erzählte, die Schule habe von einer Versicherung gebrauchte Computer geschenkt bekommen und wisse nichts damit anzufangen. Er wurde mit offenen Armen empfangen: “Die Chemie stimmte von Anfang an”, erinnert er sich. Die alte Hardware bekam er aber nur mit einer selbst gebastelten Linux-Lösung zum Laufen.
Hebenstreit spart auch nicht mit Kritik: Seiner Meinung nach entsorgen manchen Firmen gebrauchte Geräte an Schulen. Auch werde nicht nachhaltig gedacht: “Hardware wird publikumsträchtig gespendet, aber später gibt\’s keine neuen Mäuse und die Lehrer müssen ihr Druckerpapier selbst mitbringen.” Seine Arbeit an den Linux-Rechnern begann er mit einer Arbeitsgruppe älterer Schüler am Nachmittag, mit der er Internetrecherchen und die Vorbereitung von Referaten durchführte.

Abbildung 1: Unterricht mit Skolelinux. Diese achte Klasse aus Erding startet Open Office vom Terminalserver.
Idealismus und Realismus
Das ursprüngliche Ziel des Pingos-Projekts war es, Linux an die Schulen zu bringen. Dirk Hebenstreit ist zwar idealistisch, doch undogmatisch. Ihm geht es um praktische Hilfe für die Bedürfnisse der Lehrer. Er setzt sein professionelles Know-how ein, um den reibungslosen Betrieb von Rechnern an der Schule zu ermöglichen. Hinter praktischer Hilfe steckt für ihn “ebenfalls der Grundgedanke von Open Source”. Dass die Firma, die den neuen Rechnerraum installierte, bereits von Haus aus einen Linux-Rechner für Proxy und Firewall vorsah, hat ihn allerdings sehr gefreut.
Daneben versucht er das Lehrerkollegium an freie Lernsoftware heranzuführen, beispielsweise an das Lernpaket GCompris [4], das er für Grundschulen auch deshalb empfiehlt, weil es seinen eigenen Kindern viel Spaß macht. “Kinder lernen erstaunlich viel durch Wiederholung und von der Hintergrundmusik, die Erwachsene nervt, sind sie begeistert.” Allerdings hat auch er die Erfahrung gemacht, dass selbst der Umstieg auf freie Office-Programme nicht reibungslos verläuft: “Lehrer haben sich im Verlauf ihres Berufslebens 700 bis 800 MByte an Dokumenten in Microsoft-Formaten erarbeitet”, sagt er.
Maren Mollenhauer unterrichtet an der Dortu-Schule, kanalisiert die Support-Anfragen der Kollegen an Hebenstreit und kennt das Problem: “Ich müsste meine Arbeit von Jahren umformatieren oder zumindest nachsehen, ob da was verrutscht ist.” Daneben gibt es beliebte Lernprogramme und Hilfsmittel, teils frei von Lehrern erstellt, teils kommerziell, die von Microsoft-Technologie abhängig sind (siehe Kasten “Offene Wünsche”).
Schüler als Admins
Bei Felix Möller am Hebbel-Gymnasium in Kiel ist dagegen in den Unterrichtsräumen eine reine Linux-Lösung im Einsatz. Felix besucht dort die Oberstufe, macht nächstes Jahr Abitur und kümmert sich im Rahmen der Arbeitsgruppe “Computer-Raum-Betreuung” um die Schulrechner. Auch seine Hausarbeit für den Schulabschluss beschäftigt sich mit dem Computereinsatz an Schulen.
Die Hebbel-Schule betreibt 20 Fat-Clients mit Suse Linux 10 sowie einen Terminalserver für Thin-Clients unter LTSP 4.1.1. [5]. Als Terminal-Clients kommen teils vorhandene ältere PCs zum Einsatz, teils gebrauchte Thin-Client-Hardware: “Die gibt es auf Ebay für 35 Euro”, berichtet Felix. Der Wartungsaufwand sei gering, für den Regelbetrieb an der Schule mit rund 650 Schülern reichen etwa vier Stunden in der Woche.
Mehr Aufwand verursachen dagegen Sonderwünsche, beispielsweise wenn der Spanischlehrer einen Zeichensatz mit den charakteristischen umgedrehten Fragezeichen benötigt. Auch die meiste Windows- und DOS-Software, die Schulbüchern beiliegt, bringt Felix mit Hilfe von Wine, Qemu oder FreeDOS und mit viel Geduld zum Laufen.

Abbildung 2: Der Ehrenamtliche: Dirk Hebenstreit (links) vom Pingos e.V. demonstriert dem Grundschullehrer Friedemann Labsch die Vorzüge der freien Lernsoftware GCompris.
Auch zu Hause kostenlos
Die Schüler haben zu Hause Windows – mit Windows in der Schule finden sie eine vertraute Arbeits- und Lernumgebung vor. So lautet ein beliebtes Argument für Microsoft-Software im Klassenzimmer. Felix Möller widerspricht. Seiner Ansicht nach können die Schüler nur mit freier Software auch zu Hause kostenneutral die gleiche Software nutzen wie in der Schule. Allerdings kennt er selbst an seiner Schule nur einen einzigen Schüler, der auch privat zum Linux-User wurde.
Den Internetzugang kontrollierte die Schule anfangs über eine Positivliste mit erlaubten Websites. Diese Lösung erwies sich aber bald als Fass ohne Boden, die Freigaben waren nicht mehr überschaubar. Mittlerweile beschränkt man sich darauf, die Schüler über die Regeln zur Netzbenutzung zu belehren und Stichproben aus den Logfiles des Proxyservers zu entnehmen. Bisher kam es zu keinen groben Verstößen.
Der Ehrenamtliche Dirk Hebenstreit ist derselben Meinung: “Contentfilter – furchtbar. Lieber jemanden abstellen und den Kindern beibringen, dass bestimmte Sachen nicht erlaubt sind – und Verstöße sanktionieren.”
Die Internetbenutzung ist in den Lehrplänen vorgesehen und Teil der Erziehung zur Medienkompetenz. Die gesetzliche Aufsichtspflicht bringt die Lehrer jedoch in eine regelrechte Zwickmühle. “Normalerweise müsste man hinter jedem Schüler stehen, der ins Internet geht”, beschreibt Daniel Hehen aus Erding die Situation. Daher setzt er an seiner Schule einen kommerziellen Contentfilter ein, dessen Regeln er ergänzen kann, meist um erwünschte Inhalte freizugeben. “Haftpflichtmäßig sind wir durch den Filter abgesichert.”
|
Offene Wünsche |
|---|
|
Das Betriebssystem und ein Office-Paket allein reichen für den Schulalltag selten aus. Lehrer benutzen zahlreiche Hilfsmittel, für die es nicht immer einen Open-Source-Ersatz gibt. Dazu gehören: Office-Makros: Für Arbeitsblätter mit Lückentexten, Kreuzworträtseln und Ähnlichem greifen Lehrer gern zu Makrosammlungen wie dem kommerziellen Zarb [6], die auf Microsoft Word zugeschnitten sind. Schreibschriften: Im Grundschulunterricht verwenden Lehrer auch am Computer Schreibschrift, um Unterrichtsmaterial zu gestalten. Für die flüssige Verbindung der Buchstaben kommen allerdings proprietäre Erweiterungen der Truetype-Schriften zum Einsatz, die für Linux nicht zur Verfügung stehen. VNC-Lösungen für Lehrer: Bei der Arbeit im PC-Labor möchten Lehrer einzelne Displays der Schüler sehen, die Maus des Schülers führen – oder auch alle Displays schwarz schalten, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ein beliebtes kommerzielles Produkt ist hier Mastereye [7]. Eine Alternative können Skripte auf Basis von X11vnc sein, beispielsweise FM-Eye von Felix Möller [8]. |
Überstunden
Linux im Windows-Netzwerk, Terminalserver oder Linux-Workstations – der Einsatz von freier Software in der Schulpraxis kennt alle Variationen. Eins ist aber allen Szenarien gemeinsam: In der Regel haben Lehrer weder die Zeit noch die technische Ausbildung, um einen reibungslosen Betrieb der IT-Lehrmittel zu gewährleisten.
Um die Ziele der Lehrpläne rund um den Computer zu erfüllen, engagieren sich Lehrer, Ehrenamtliche und ältere Schüler in der Freizeit – und sie erhalten Unterstützung aus der Community [9]. Das Software-Angebot weist nur noch wenige Lücken auf (siehe Kasten “Offene Wünsche”). Dirk Hebenstreit wünscht sich aber vor allem mehr aktive Lehrer in Projekten wie Pingos, denn “nur Lehrer können Lehrern helfen”.
|
Infos |
|---|
|
[1] Skolelinux: [http://www.skolelinux.org] [2] Öcom Computertechnologie GmbH: [http://www.oecom.com] [3] Pingos – Linux-User helfen Schulen: [http://www.pingos.org] [4] GCompris: [http://gcompris.net/-de-] [5] Linux Terminal Server Project (LTSP): [http://www.ltsp.org] [6] Zarb, Makrosammlung für Word: [http://www.zarb.de] [7] Mastereye: [http://www.mastereye.de] [8] FM-Eye-Skript von Felix Möller: [http://hebbelabi06.de/p5/fmeye.txt] [9] Portal zum Thema Linux für die Schule: [http://www.linux-schulserver.de] |





