Wer mit Linux auf professionellem Niveau Musik machen will, muss zuerst für die nötige Infrastruktur sorgen. Dieser Artikel gibt Tipps zur Hardware-Auswahl und stellt die besten freien Soundprogramme vor.
Vor der anspruchsvollen Audioproduktion steht erst einmal der Gang ins Musikgeschäft. Normale Computerläden oder gar Discounter führen die nötige feine Hardware nämlich nur selten. Natürlich sind auch moderne Consumer-Karten nicht zu verachten. Die meisten Motherboards haben heutzutage meist schon Mehrkanal-Soundchips on Board. Konsumentengerecht geht es dabei aber meist nur um Dolby-Surround-Sound beim DVD-Kucken.
Hochwertige Hardware
Wer mehrkanalige Eingabe, rauscharme Signalwege und gute Midi-Fähigkeiten sucht, muss sich beim Hardwarekauf schon anstrengen. Wenigstens ist die Auswahl überschaubar: Professionelle PCI-Audiokarten für Linux gibt es praktisch nur von RME [1] und M-Audio [2]. Die Hammerfall- und HDSP-Karten von RME überzeugen durch qualitativ hochwertige, mehrkanalige, analoge und digitale Ein- und Ausgänge sowie niedrige Latenzzeiten. Externe Breakout-Boxen für diese Karten besitzen zudem studiokompatible Anschlüsse wie ADAT, SPDIF oder EBU.
M-Audio hat mit der Serie Delta 1010, 410, 66, 44 ähnliche Features im Angebot. Bei Ebay finden sich zum Beispiel die älteren Delta-44- Karten schon ab 100 Euro. Die neueren Audiophile-PCI-Karten desselben Herstellers besitzen ähnlich hochwertige Signalwege, aber neben einem digitalen Anschluss nur je zwei Cinch-Ein- und Ausgänge. Wer sein System nur um Midi-Fähigkeiten erweitern möchte, dem bietet M-Audio auch einige günstige USB-Midi-Controller.
Alternativ zu PCI-Einbaukarten finden PC-Benutzer und vor allem Laptop-Musiker bei USB-Audiogeräten mittlerweile ähnliche Leistungen. So funktionieren viele Adapter der Firma Edirol [3], unter anderem UA-5 und UA-25, mit dem Alsa-USB-Soundmodul – obwohl Edirol offiziell Linux nicht unterstützt. Auch andere Hersteller bieten mittlerweile USB-Audiogeräte mit umfangreichen Funktionen, so das Terratec Phase 26 mit je zwei Audio-In- und Outputs und Midi.
Eine dritte Anschlussmöglichkeit ist Firewire, für das wiederum M-Audio und Edirol einige Geräte im Angebot haben. Der Linux-Support für Firewire-Audio ist nicht völlig ausgereift, die Website [4] sammelt Informationen darüber.
Als Treiber für die beschriebene Hardware dient Alsa (siehe den folgenden Artikel). Die großen Desktops bringen aber meist einen störenden Sound-Daemon mit. Ihn zu entfernen ist der erste Schritt zum digitalen Linux-Audiostudio. Alsa selbst bietet wiederum einige Ansatzpunkte zur Optimierung. Über die Einstellungen in Alsarc lassen sich virtuelle Audio- und Midi-Geräte anlegen, mehrere Kanäle mischen oder die Samplerate anpassen. Alsa ermöglicht auch die Verschaltung von Geräten und Anwendungen, ob über das textbasierte »aconnect« oder das grafische Frontend »kaconnect«. (Abbildung 1).
Trotz seines Namens beherrscht Qjackctl nicht nur Jack-, sondern auch Midi-Verbindungen. Wer kein Midi-Keyboard besitzt, kann damit trotzdem mächtige Midi-Sequencer wie Rosegarden ansteuern, indem er das virtuelle Midi-Keyboard »vkeyb« verwendet (Abbildung 2). Die URL dieser Software findet auf der Webseite Linux Sound [5].
Im Takt mit Jack
Der Audioserver Jack trägt selbst nichts dazu bei, die Fähigkeiten der Soundkarte auszureizen. Dazu verlässt er sich auf Alsa. Er lässt jedoch in Echtzeit Anwendungen verzögerungsfrei Audiodaten austauschen. Die Sample-genaue Synchronisierung der Programme macht Jack zum Kernstück des professionellen Studios. Allerdings muss die Anwendung davon Gebrauch machen, der Programmierer muss also die Jack-Funktionen auch einsetzen.
Einfache Dinge sind auch ohne Jack möglich. Wave-Dateien aufzunehmen, zu schneiden, mit anderen zu mixen, das alles beherrscht bereits Audacity. Da es das LADSPA-Plugin-Interface unterstützt, steht dem Anwender eine Vielzahl von Effekten zur Verfügung. Besonders praktisch ist zum Beispiel, dass sich sehr einfach über Hüllkurven der Lautstärkeverlauf eines Tracks einstellen lässt. Ein Programm mit ähnlichem Funktionsumfang ist Rezound, das manchen Windows-Benutzer vielleicht an Cooledit erinnern wird.

Abbildung 1: Alsa verschaltet Sequencer, Ein- und Ausgabegeräte für Midi- und Audiosignale. Hier verbindet »kaconnect« ein echtes Keyboad und Rosegarden.
Komplexere Arrangements erfordern aber ausgewachsene Sequencer, die Audiosamples und Midi integrieren. Den Standard setzen hier wiederum die bekannten Windows- und Mac-Programme Cubase und Logic. Das Linux-Pendant Rosegarden kann schon fast mit ihnen mithalten. Er bietet vielfältige Möglichkeiten, von der synchronisierten Midi- beziehungsweise Audio-Aufnahme bis hin zum Editieren mittels Drumrolls oder Noten.

Abbildung 2: Das virtuelle Midi-Keyboard »vkeyb« dient als Eingabegerät für den Sequencer Rosegarden.
Auch der Muse-Sequencer ist so mächtig, jedoch in der Bedienung etwas gewöhnungsbedürftig. Der Sequencer Seq24 eignet sich wegen seines besonders einfachen User-Interface sehr gut für Live-Auftritte mit Midi-Loops. Normalerweise dient ein Midi-Gerät wie ein Keyboard zur Eingabe, die der Sequencer aufnimmt und damit Midi-fähige Sampler oder Synthesizer ansteuert.
Sampler und Synths
Musiker ohne Midi-Hardware verbinden die Sequencer mit Software-Synthesizern oder -Samplern – die virtuellen Alsa-Verbindungen machen\’s möglich. Linux Sampler ist ein solches Programm, das verschiedene Sampleformate wie das des bekannten Samplerherstellers Akai unterstützt. Die gleiche Aufgabe erfüllen Anwendungen wie Fluidsynth und das zugehörige Frontend QSynth, die Soundfonts verwenden, die sich in großer Zahl im Internet finden [5]. Das Freesound-Projekt [6] will in Zukunft zur Zentrale für freie Samples werden.
Wer statt fertiger Samples eigene Klänge erzeugen möchte, braucht einen Synthesizer. Linux bietet auch in diesem Bereich eine Fülle von Programmen für jeden Bedarf: von der textbasierten Synthese wie durch eigene Programmiersprachen (CSound) bis zu den visuellen Synth-Baukästen Alsa Modular Synth oder Pd (Pure Data). Mit solchen Tools baut der findige Profi eigene Verarbeitungsketten mit Signalgeneratoren und Operatoren auf. Ein viel versprechender Newcomer ist der Om-Synth. Andere Synthesizer wie Zyn Add Sub Fx setzen auf Drehregler und bestechen durch gute Soundqualität.
Je nach der Ebene, auf der die Programme arbeiten, erfordern sie unterschiedlich tiefe Kenntnisse in digitaler Signalverarbeitung. Manche stellen bereits fertige Synthesizerelemente (spannungsgesteuerte Oszillatoren) zur Verfügung oder lassen den Anwender alles aus einzelnen Schwingungen zusammensetzen. Typischerweise bedient Linux auch im Audiobereich spezielle Interessen und Nischen. Es gibt Programme zur granularen Synthese, genetische Sound-Algorithmen und vieles mehr. Geben Soft-Synths oder Sampler ihren Sound über Jack aus, können Anwendungen darüber die Ausgabe wieder mitschneiden und schließlich abmischen.
Einige Programme eignen sich wegen ihre Echtzeitfähigkeiten besonders gut für Live-Auftritte. Obwohl es kaum schlimmere Glaubenskriege gibt als um die Verwendung von Platten, CDs oder MP3-Daten für Live-DJing, sind MP3s dafür zweifellos praktisch, denn es passen Tausende von Stücken in diesem Format auf die Festplatte.
Ein moderner PC mit dem entsprechenden Programm ist in der Lage, zwei oder mehr MP3-Dateien gleichzeitig abzuspielen und dabei sogar noch die Geschwindigkeiten der Stücke einander anzupassen. Terminator-X ist ein sehr ausgereiftes Tool dafür. Zusätzlich lässt es den DJ mit der Maus oder anderen Eingabegeräten scratchen. Eine Alternative ist GDAM, an dem die Entwickler allerdings schon länger nichts mehr getan haben. Es arbeitet, im Gegensatz zu Terminator-X, auch nicht mit Jack zusammen.

Abbildung 3: Professionell ist nicht immer kompliziert: Über Hüllkurven lässt sich im Wave-Editor Audacity der Lautstärkeverlauf eines Sample bequem einstellen. Dennoch unterstützt das Programm mehrere Spuren.
Was auch immer professionelle Audioverarbeitung am Computer bedeuten mag, einige Bedingungen sind wohl unstrittig: mindestens 24-Bit-Auflösung, 96-kHz-Qualität und mehrere Kanäle. Der Harddisk-Recorder Ardour beherrscht dies und setzt dazu auf den potenten Soundserver Jack.
Profi-Studio mit Ardour, Jack und Jamin
Ardour kann als so genannter Timing-Master auftreten und damit als Herzstück eines digitalen Studios alle Anwendungen synchronisieren. Beispielsweise startet der Drumcomputer Hydrogen automatisch, wenn der Anwender in Rosegarden den Aufnahmeknopf drückt – vorausgesetzt die Programme sind richtig verschaltet. Seine Qualitäten entfaltet das Mehrspurprogramm aber erst mit geeigneten Multikanalkarten: Kanäle lassen sich einzelnen Spuren zuweisen und für parallele Ein- und Ausgabe verwenden. Das Endprodukt mischt am besten die Mastering-Suite Jamin ab, mit allem was zu Mastern gehört: Equalizer, Compressor, Limiter und so fort.

Abbildung 4: Eins der leistungsfähigsten Linux-Audioprogramme ist der Harddisk-Recorder Ardour, der perfekt mit dem Soundserver Jack und der Mastering-Suite Jamin zusammenspielt.
Für das Verteilen der eigenen Stücke bieten sich mehrere Wege an. Der einfachste ist es, eine Audio-CD zu brennen, ob unter KDE mit K3B oder einem Gnome-Programm. Für die Verteilung im Internet bietet sich ein komprimierendes Dateiformat wie MP3 an, das allerdings bei Linux mit Lizenzschwierigkeiten zu kämpfen hat – viele Distributionen enthalten gar keinen Codec mehr dafür. Eine genauso leistungsfähige Alternative ist der freie Codec Ogg vom Theora-Projekt, das außerdem den verlustfreien Kompressor FLAC anbietet.
Musik-Distributionen
Um die vorgestellten Programme für die eigene Distribution zu kompilieren, ist in der Regel eine große Zahl an Bibliotheken erforderlich. Einige Projekte haben sich auf Audiosoftware spezialisiert, die sie praktischerweise auch wieder verteilen. So bietet das Center for Computer Research in Music and Acoustic (CCRMA) fertige Pakete der meisten erwähnten Programme für Red Hat beziehungsweise Fedora (zurzeit bis Core 3) an [8]. Wer diesen Server als Yum-Repository einträgt, installiert auch komplexe Soundprogramme mit nur einem Befehl. Alternativ sind die RPM-Dateien einfach von Hand herunterzuladen.
Eine Alternative dazu ist die gerade in Version 1.2.1 erschienene Debian-Variante Demudi des Agnula-Projekts [9]. Es ist ein Mix von Paketen aus Debian-Stable, Ubuntu und Debian-Experimental. Wer das CD-Image herunterlädt, brennt und installiert, erhält in kürzester Zeit eine leistungsfähige Audio-Workstation. Zum Testen ist die Live-CD nicht besonders geeignet, denn mit ihr läuft Demudi nur langsam.
Eine brauchbare Live-CD ist dagegen Dynebolic [10], das schon eine längere Geschichte hat und bezüglich freier Software sehr engagiert ist. Es ist vor allem für Live-Auftritte konzipiert, für ältere Computer optimiert und eignet sich als System zum Mitnehmen, Booten und Loslegen. Auf Wunsch lässt sich Dynebolic auch auf dem PC installieren.
Mit solchen Distributionen, den vorgestellten Programmen und Tipps sollte der Einstieg in die anspruchsvolle Musikproduktion unter Linux nicht schwer fallen. Nur kreativ werden muss jeder Musikant noch selbst.
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Infos |
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[1] RME: [http://www.rme-audio.de/linux] [2] M-Audio: [http://www.m-audio.de] [3] Edirol: [http://www.edirol.com] [4] Liste externer Firewire-Audiogeräte: [http://freebob.sourceforge.net] [5] Linux-Audio-Hauptseite: [http://www.linux-sound.org] [6] Freie Soundfonts: [http://www.hammersound.net] [7] Freesound-Projekt: [http://freesound.iua.upf.edu] [8] Planet CCRMA: [http://ccrma.stanford.edu/planetccrma/software] [9] Agnula/Demudi: [http://demudi.agnula.org] [10] Dynebolic: [http://www.dynebolic.org] |





