Aus Linux-Magazin 08/2005

Not macht erfinderisch

Jack Kilby ist tot. Wie, Sie kannten den Mann nicht? Dabei haben Sie doch täglich mit seiner Erfindung zu tun: Er war der Vater des integrierten Schaltkreises. Ohne den Nobelpreisträger (für Physik im Jahr 2000) wäre Ihr Linux-PC aus einzelnen Transistoren aufgebaut und darum so groß wie Schloss Neuschwanstein und etwa auch so teuer.

Anders als Jack Kilby, der 81-jährig starb, feiert die Gasmaske gerade ihren 90. Geburtstag – herzlichen Glückwunsch auch! Der “Süddeutschen Zeitung” war das skurrile Jubiläum vor ein paar Tagen fast eine ganze Seite wert. Im Artikel erfährt der historisch interessierte Leser, dass Fritz Haber, der “Vater des Gaskrieges”, 1915 auch derjenige war, der die Entwicklung des passenden Pneumo-Kopfschutzes initiierte.

Jede der beiden Erfindungen war auf ihre Weise bahnbrechend. Beiden ist aber auch eine gewisse Zwangsläufigkeit eigen, will sagen: Eigentlich musste sie jemand zu dieser Zeit machen. Denn wenn Deutsche, Franzosen und Briten einfach nur so Giftgas in Richtung ihres aktuellen Gegenübers geblasen hätten, wäre mangels Soldaten der Erste Weltkrieg bald aus gewesen. Und wie ein portables Ding beschaffen sein müsste, um Mund, Gesicht und Nase vor ätzenden Dämpfen zu schützen, ist bei diesem Pflichtenheft irgendwie klar.

Ähnlich verhält es sich mit Jacks Chip-Durchbruch: 1958 war der Transistor schon seit zehn Jahren erfunden und Kilby hatte Zeit zum Grübeln in seinem Labor bei Texas Instruments, weil alle anderen im Urlaub waren. Bei der Anwendung der Transistoren hatte sich herausgestellt, dass man häufig viele davon auf einmal verbauen musste (zusammen mit ein paar Widerständen). Da die Firmen die Transistoren sowieso als ganze Gruppen auf einem Substrat herstellen, liegt es doch nahe, die Dinger gleich bei der Produktion miteinander zu verbinden und in einem Schaltkreisgehäuse zu konfektionieren.

Und prompt passierte es ein zweites Mal: Fast gleichzeitig verfiel das Entwicklerteam um Robert Noyce beim Texas-Instruments-Konkurrenten Fairchild auf den gleichen Gedanken. Kilby wurde aber einen Tick schneller beim Patentamt vorstellig und bekam die Rechte zugeschlagen (so wie rund 60 weitere Male in seinem Leben). Was folgte, war ein zehn lähmende Jahre dauernder Rechtsstreit zwischen beiden Halbleiterherstellern, der mit einem Vergleich in einer Überkreuz-Lizenz endete.

Viele Fragestellungen in der Informatik besaßen und
besitzen eine ähnlich nach einer logischen Lösung
drängende Natur wie Kampfgas/Gasmaske und viele
Transistoren/integrierter Schaltkreis. So ist es für jeden
Programmierer unvorstellbar, dass bis heute der
Bubble-Sort-Algorithmus nicht erfunden sein könnte. Der
beobachtete Effekt der Zwangsläufigkeit schmälert
keinesfalls das Verdienst des jeweiligen Erfinders – Chips
bestimmen unser aller Alltag, Gasmasken ließen Väter und
Söhne aus dem Weltkrieg mehr oder weniger wohlbehalten
zurückkehren und jeder bessere Programmierkurs behandelt
Bubble-Sort. Gle

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