Aus Linux-Magazin 06/2005

Die monatliche GNU-Kolumne

Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse aus dem Umfeld freier Software und versucht Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe geht es um das Kolab-Projekt.

Die Deutsche Regierung erregte in der Vergangenheit schon oft im positiven Sinne Aufsehen mit ihren Aktivitäten im Bereich freier Software. So förderte das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) beispielsweise Gnupg[1]. Dazu kommen viele begleitende Aktionen wie der Bericht des Bayerischen Rechnungshofes, der KBST-Brief und der viel gepriesene Migrationsleitfaden des Bundesinnenministeriums (BMI).

Abbildung 1: Der Kolab-Server verwaltet für den Anwender umfangreiche Daten von E-Mail über Kontakte bis zu Terminen und Aufgaben.

Abbildung 1: Der Kolab-Server verwaltet für den Anwender umfangreiche Daten von E-Mail über Kontakte bis zu Terminen und Aufgaben.

Groupware für alle

Neben der gezielten Förderung initiierte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) des BMI im Jahre 2002 das Projekt Kroupware. Die Ausschreibung im Auftrag und für den Eigenbedarf des BSI zielte auf eine Groupware-Lösung, die starke Kryptographie unterstützt und in einer heterogenen Umgebung mit allen Betriebssystemen gut zusammenarbeitet.

Mit der Realisierung des Projekts beauftragte die Behörde ein Konsortium aus den Unternehmen Erfrakon[2], Klarälvdalens Datakonsult[3] und Intevation[4]. Intern firmierten Konzept und Software unter dem Namen Kolab 1.

Nach dem Ende des Projekts entwickelte das ursprüngliche Trio weiter und gab gegen Ende März 2005 den Kolab-2-Server als Betaversion 4 frei. Gegenwärtig betreut das Kolab-Konsortium[5] die Entwicklung der Software. So entstand in bester Tradition freier Software ein neues Produkt, das international konkurrenzfähig und in mancher Hinsicht sogar konkurrenzlos ist. Ein Fall für die Brave GNU World.

Wie schon in der ersten Version handelt es sich bei Kolab 2[6] im Wesentlichen um eine Groupware-Lösung. Kolab baut auf einem speziellen Server-Client-Modell von Martin Konold auf. Gegenüber anderen Groupware-Konzepten stellt es jedoch einige Prinzipien auf den Kopf. So verfahren viele andere Lösungen nach dem Prinzip: Der Server ist König, die Anwender ordnen sich ihm unter. Beim Kolab-Server läuft einiges anders: Das Programm erklärt den Nutzer zum König und gibt ihm die Fäden in die Hand. Die Software erleichtert als zentraler Mittler lediglich die Koordination.

Kolab 1 kombinierte die so genannten partiellen Frei-Belegt-Listen aus mehreren Kalendern zu einer Übersicht. Überschneidungen zeigte es an, blockierte Einträge aber nicht. Kolab 2 verbessert dieses Konzept durch erweiterte Frei-Belegt-Listen. Diese enthalten für Mitglieder derselben Kalendergruppe zusätzlich die Titelzeilen von Einträgen, um die Orientierung zu erleichtern. Das Design erlaubt es sogar, diese Listen aus mehreren Kolab-Servern zusammenzustellen, obwohl dies im aktuellen Server noch nicht implementiert ist.

Sanfte Manipulation

Dieser Ansatz setzt ganz auf den Anwender, schützt vor Überschneidungen und bewahrt zugleich die Privatsphäre – ein wichtiges Designkriterium von Kolab. Weitere wichtige Kriterien sind extreme Skalierbarkeit, die vollständige Einbindung von Standorten mit schwacher Bandbreite sowie die Möglichkeit, offline produktiv zu arbeiten und Termine festlegen zu können.

Beim Kolab-Server kommen insbesondere die folgenden zentralen Komponenten zum Einsatz: OpenLDAP für die Authentifizierung, Apache, PHP und Horde[7] für das Webinterface, Cyrus IMAP Server[8] und SASL[9] zur Speicherung und Übertragung von E-Mail-, Kontakt- und Kalenderdaten und schließlich Postfix für den E-Mail-Transport mit Spam- und Virenfilterung über Amavisd-new[10], der sowohl Clamav als auch Spamassassin einbindet.

Die Verknüpfung übernehmen, wo nötig, Perl und PHP. Wenn Änderungen erforderlich waren oder sich Verbesserungen ergaben, wurden diese im Rahmen der Entwicklung des jeweiligen Projekts beigesteuert, um sie anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen.

Herzstück des Kolab-Servers ist in vieler Hinsicht der Cyrus-IMAP-Daemon, dessen Disconnected-Modus die Grundlage der Offline-Funktion von Kolab ist und der zudem die Skalierbarkeit sicherstellt. Neben dieser gehört die Interoperabilität zu den Kernvorteilen des Kolab-Servers. So kann ein Unternehmen Mischkonfigurationen fahren. Microsoft Outlook arbeitet dank des Kolab-2-XML-Speicherformats über ein proprietäres Plugin direkt auf demselben Datensatz.

Fragen und
Anregungen

Für Ideen, Anregungen und Kommentare zur Brave GNU World steht die Adresse [column@brave-gnu-world.org] zur Verfügung. Die Homepage des GNU-Projekts findet sich unter [http://www.gnu.org]. Georgs Kolumne “Brave GNU World” steht online unter [http://brave-gnu-world.org] und die Initiative “We run GNU” betreibt eine Webseite unter: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html]

Integration in KDE

Die Kolab-Clients beruhen auf dem KDE. Auch hier setzen die Entwickler bewusst auf vorhandene Komponenten, die sie in enger Kooperation mit dem Projekt integrierten, alle Änderungen gehen wieder an KDE zurück. Als Ergebnis enthält KDE 3.4 in seiner Kontact-Applikation (Abbildung 1) den kompletten Kolab-Client. Lediglich die persönlichen Verteilerlisten unterstützt die Software nicht. Obwohl Evolution[11] in Sachen Mail mit Kolab zusammenarbeitet, gibt es eine vergleichbare Anbindung an oder eine Integration in Gnome leider nicht. Sie wäre laut Kolab-Konsortium aber ebenso erstrebenswert wie die Anbindung weiterer Clients.

Dank der KDE-Unterstützung eignet sich schon bald jede handelsübliche Linux-Distribution mit KDE “Out of the box” zur Kolab-Anbindung. So wird es möglich, unterwegs offline auf dem Linux-Laptop zu arbeiten, Termine zu machen und diese mit Nutzern anderer Groupware unter Microsoft Windows oder Apple zu koordinieren. Typische Nutzer wären also besonders jene, die E-Mail offline bearbeiten wollen und Termine oder Kontakte brauchen, sowie natürlich vor allem Arbeitsgruppen, bei denen mehrere Mitglieder zu koordinieren (Abbildung 2) sind. Letztlich lässt sich der Kolab-Server jedoch ebenfalls als reiner E-Mail- und LDAP-Adressenlisten-Server verwenden.

Das Kolab-Konsortium soll künftig die zentrale Anlaufstelle für die weitere Entwicklung sowie für den Abschluss größerer Verträge sein. Dabei betreten die involvierten Unternehmen durchaus wirtschaftliches Neuland. Während die bisherigen Verträge den Aufbau der Kompetenz und die Sicherung der Qualität ermöglichten, muss die Zukunft zeigen, ob die größeren Unternehmen die Weitsicht besitzen, mit dem Konsortium fair umzugehen.

Da alle eingesetzten Komponenten freie Software sind und obendrein die geleistete Arbeit vollständig als freie Software zur Verfügung steht – zu einem großen Teil unter der GNU General Public License (GPL) – besteht jedenfalls keine Gefahr, dass das Projekt Kolab von einem Tag zum nächsten einfach vom Erdboden verschwindet.

Abbildung 2: Termine lassen sich mit Kolab flexibel eintragen und verwalten.

Abbildung 2: Termine lassen sich mit Kolab flexibel eintragen und verwalten.

Empfehlungen

Ein anderes Beispiel für die staatliche Initiative und Förderung bei der Entwicklung freier Software ist das Ägypten-Projekt[13], das zum ersten Mal den Sphinx-Standard (ISIS/MTT) für sichere Kommunikation vollständig umsetzt. Wer sich genauer zum Thema freie Software auf Bundesebene informieren möchte, dem seien die sehr guten Webseiten des BSI empfohlen. Auch das Faltblatt[12] des BSI ist eine exzellente Referenz. ( agr)

Infos

[1] GnuPG Homepage: [http://www.gnupg.org]

[2] Erfrakon: [http://www.erfrakon.de]

[3] Klarälvdalens Datakonsult: [http://www.klaralvdalens-datakonsult.se]

[4] Intevation: [http://www.intevation.net]

[5] Kolab-Konsortium: [http://kolab-konsortium.de]

[6] Kolab-Projekt: [http://www.kolab.org]

[7] Horde-Projekt: [http://www.horde.org]

[8] Cyrus IMAP Server: [http://asg.web.cmu.edu/cyrus/imapd/]

[9] Simple Authentication and Security Layer (SASL): [http://asg.web.cmu.edu/sasl/]

[10] Amavisd-new: [http://www.ijs.si/software/amavisd/]

[11] Gnome Evolution: [http://www.gnome.org/projects/evolution/]

[12] BSI-Faltblatt “Freie Software”: [http://www.bsi.bund.de/literat/faltbl/F12OSS.htm]

[13] Ägypten-Projekt: [http://www.gnupg.org/aegypten/]

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