Aus Linux-Magazin 08/2003

Aktueller Überblick über freie Software und ihre Macher

Wie Köche arbeiten auch Software-Autoren an immer neuen Kreationen. Wir picken die Leckerbissen für Sie heraus. Diese Woche: VDR 1.2 und Foobillard. Außerdem berichten wir über das IRC-Netzwerk Freenode und Debian auf dem Linuxtag. Für die Feinschmecker gibt’s diesmal köstlichen Toast.

What\’s cooking? Wir servieren diesmal ein Spiel für gemütliche Abende und ein Programm für den Genuss digitalen Fernsehens, denn auch Linuxer sollten mal ausspannen. Und essen müssen sie auch, wir sorgen uns um und für alles. So ein Toast ist schnell gebacken und die Zutaten sind durchaus flexibel wählbar – wie es bei offenen Systemen üblich ist. Wer überbackenen Camembert nicht mag, der nimmt eben anderen Käse, wer Birnen aus der Dose nicht mag, der …

Foobillard

Abbildung 1: Eine gemütliche Partie Snooker am eigenen Computer - Foobillard macht's möglich.

Abbildung 1: Eine gemütliche Partie Snooker am eigenen Computer – Foobillard macht’s möglich.

Computersimulationen von realen Sportarten sind sehr beliebt. Bowling, Billard und Dart auf dem Computer spielen ist für viele Benutzer eine angenehme Abwechslung im Vergleich zur Action der Ego-Shooter. Das Problem: Die Spielehersteller entwickeln ihre Produkte fast ausschließlich für Windows – andere Betriebssysteme bleiben auf der Strecke. Jetzt bringt das freie Programm Foobillard wenigstens Billard auf den heimischen Linux-Rechner. Foobillard basiert auf der OpenGL-Bibliothek. Ältere Grafikkarten ohne Hardwarebeschleunigung bringen dabei wenig.

Direkt nach dem Start erscheint ein grüner Tisch mit einer aufgebauten Partie Poolbillard, die man sofort anstoßen kann. Ungeübte Spieler werden an einer solchen Partie kaum Gefallen finden: Die Fehlerquote des Computer-Gegners ist standardmäßig auf null gestellt, was zur Folge hat, dass er, wenn er erst mal am Stoß ist, den Tisch in der Regel komplett abräumt. Wer eine Chance haben will, sollte das Spiel lieber mit dem Argument »–ai2err=0.5« starten.

Foobillard bietet neben dem bekannten Poolbillard noch drei weitere Varianten: 9-Ball, Carambolage und Snooker. Der Autor des Programms, Florian Berger, hat die Billardatmosphäre dabei sehr detailgetreu gestaltet.

Das Programm ist detailliert konfigurierbar. Für jeden einzelnen Spieltyp lässt sich die Tischgröße bei Spielbeginn individuell einstellen. Gefällt das Grün des Tischtuchs nicht? Kein Problem, man kann zwischen mehreren Tisch-Themen wählen. Auch grafische Effekte wie Lichtreflexe an den Kugeln darf der Spieler fast nach Belieben anpassen.

Immer nur gegen den Computer spielen wird auf Dauer langweilig. Deshalb lassen sich zwei Foobillard-Programme über ein Netzwerk miteinander verbinden. Damit kann man nach vorheriger Absprache abends gemütlich eine Partie mit dem besten Freund spielen, aber auch ein kurzes Spiel im Büro ist möglich, natürlich nur in der Mittagspause. Wer eine äußerst gelungene Billardsimulation für Linux mit vielen Möglichkeiten für Anpassungen sucht, ist also bei Foobillard genau richtig.

Digitales TV mit VDR

Digital Video Broadcasting (DVB) macht es möglich, Fernsehprogramme digital und damit in exzellenter Qualität zu senden. DVB-PCI-Karten ermöglichen den Empfang dieser Programme auf dem Computer und die DVB-Treiber des Linux-TV-Projekts[1] sorgen dafür, dass die meisten Karten unter Linux funktionieren. Für den vollen DVB-Genuss ist aber mehr als nur der Treiber erforderlich: Ohne eine TV-Applikation wäre es nicht möglich, zwischen den einzelnen Programmen umzuschalten oder eine Sendung aufzuzeichnen.

Klaus Schmidinger hat ein solches Programm geschrieben. Es heißt VDR (Video Disk Recorder,[2]) und nutzt das volle Spektrum der Funktionen von DVB unter Linux: Umschalten, Aufnehmen und Schneiden. Nach mehr als einem Jahr Entwicklung hat Klaus jetzt die Version 1.2 freigegeben. Am Benutzerinterface hat sich sehr wenig geändert: Die Menüs erscheinen in den gewohnten Farben und Formen und weisen kaum neue Einträge auf. Die Neuerungen verstecken sich vor allem unter der Oberfläche des Programms.

Neues Plugin-Konzept

Abbildung 2: Bereits jetzt gibt es zahlreiche Plugins für VDR.

Abbildung 2: Bereits jetzt gibt es zahlreiche Plugins für VDR.

Der Entwickler hat viel Arbeit in die Implementation eines Plugin-Interface gesteckt. Das hat vor allem praktische Gründe: Wer das Verhalten von VDR 1.0 verändern oder neue Funktionen einbauen wollte, dem blieben nur Patches für den Sourcecode. Mehrere Patches hintereinander einspielen war aber oft problematisch, da sie nicht untereinander kompatibel waren. In Version 1.2 ist jetzt damit Schluss: VDR ist dank des neuen Plugin-Interface unkompliziert und leicht zu erweitern. Um eine neue Funktion zu implementieren, ist lediglich ein Plugin zu schreiben, das zur Laufzeit geladen wird.

Bereits kurz nachdem dieses Interface bei der Entwicklung von VDR 1.2 veröffentlicht war, kursierten einige Plugins und Pläne für weitere im Internet. Mittlerweile ist die Sammlung riesig. So gibt es zum Beispiel ein Plugin, das VDR zum DVD-Player macht. Ein anderes ermöglicht es, E-Mails auf dem Fernseher anzuschauen. Und eins – es heißt Analog TV – verbindet sogar die digitale und die analoge Welt miteinander: Es gibt den Stream von analogen Fernsehkarten (wie der Hauppauge WinTV) über VDR auf dem Fernseher wieder. Wer eine Übersicht über verfügbare Plugins sucht, findet sie unter[3].

Eine weitere Errungenschaft ist die Timeshift-Technologie. Sie ermöglicht es, das Programm eines Kanals aufzunehmen und gleichzeitig einen zweiten Kanal wiederzugeben. VDR 1.0 benötigte dafür noch eine zweite DVB-Karte. Allerdings braucht Timeshift eine passende Firmware auf der Karte. Auch in Sachen Stabilität und Geschwindigkeit hat sich bei der neuen Version einiges getan: Während sich VDR 1.0 gelegentlich im laufenden Betrieb verabschiedete, liefen bereits die letzten Release- Candidate-Versionen von VDR 1.2 sehr stabil. Außerdem ist es viel schneller geworden. Beim Umschalten und beim Öffnen von Menüs ist das sehr deutlich zu merken.

Weitere Änderungen in VDR 1.2: bessere Ausnutzung der Funktionen von Common-Access-Modulen für die Entschlüsselung von Pay-TV-Sendern, bessere Unterstützung für Infrarotfernbedienungen durch LIRC[4] sowie eine volle Implementation des Di-Seq-C-Standards. Ein Blick auf die neue VDR-Version lohnt sich also.

Freenode

Für die Echtzeit-Kommunikation über das Internet hat sich das IRC-Protokoll in den letzten Jahren stark verbreitet. IRC steht für Internet Relay Chat, es funk- tioniert mit Servern und Clients. Die Clients melden sich bei einem Server an, über den sie die Nachrichten austauschen. Schließen sich mehrere Server zusammen, spricht man von einem IRC-Netzwerk. Es gibt mittlerweile viele dieser Netzwerke. Die bekanntesten und größten sind Quakenet[6], IRCNet[7] und EFNet[8], außerdem gibt es noch viele kleinere.

Freenode[9] ist eines dieser kleineren IRC-Netzwerke. Die Geschichte von Freenode geht zurück bis ins Jahr 1993. Wer damals den EFNet-Kanal [#linux] betrat, um dort Hilfe zum Betriebssystem zu bekommen, musste oft enttäuscht feststellen, dass hier über alles Mögliche gesprochen wurde, aber kaum über Linux. Und Neulinge, die sich nicht mit der Materie auskannten, waren sowieso unerwünscht. Das merkte auch Robert Levin und gründete zusammen mit Pauline Middelink einen eigenen IRC-Kanal zum Thema Linux namens [#linpeople]. Dieser Kanal hat all jenen geholfen, die mit [#linux] nicht zufrieden waren.

Später zog [#linpeople] mehrere Male in andere IRC-Netzwerke um, zuerst ins Undernet[10], dann ins DALNet[11]. Ab 1995 diente ein Computer hinter einer ISDN-Verbindung als IRC-Server, der unter [irc.linpeople.org] zu erreichen war. Er war nur dazu da, Fragen zu Open-Source-Projekten zu beantworten. Die Nutzeranzahl wuchs schnell und viele Leute leisteten Hilfe bei Problemen, nicht nur zum Thema Linux.

Im Jahre 1998 registrierte Robert Levin die Domain [openprojects.net] und aus

[irc.linpeople.org] wurde [irc.openprojects.net]. Aber nicht nur der Name änderte sich. Open Projects war ein komplettes Netzwerk mit mehreren Servern geworden. Mittlerweile gab es bereits Hilfe zu fast jedem größeren Open-Source-Projekt.

2002 kam dann die bislang letzte große Änderung: Levin gründete in den USA eine Not-for-Profit-Organisation[14] als Betreiber des Netzwerks und benannte das Projekt in Freenode um. Seitdem hat sich dessen Philosophie aber kaum geändert. Ziel war und ist es, freien Projekten eine Kommunikationsplattform zu bieten. Dazu gehört die Verständigung zwischen Entwicklern genauso wie Hilfe für Anwender.

Viele große Projekte benutzen inzwischen Freenode, um Anwendersupport oder um Entwicklern eine Kommunikationsbasis zu bieten. Wer sich zum Beispiel mit seinem IRC-Client auf [irc.debian.org] einloggt, der landet bei Freenode. Und auch [irc.kde.org] zeigt auf Freenode. Sogar das bekannteste Projekt der Open-Source-Szene, GNU, hat seinen eigenen Kanal [#gnu] im Freenode-Netzwerk.

Debian und der Linuxtag

Abbildung 3: Der Linuxtag ist Jahr für Jahr ein großes Ereignis für Open-Source-Projekte aller Art.

Abbildung 3: Der Linuxtag ist Jahr für Jahr ein großes Ereignis für Open-Source-Projekte aller Art.

Vom 10. bis zum 13. Juli findet in Karlsruhe wieder der Linuxtag statt. Wie immer werden viele freie Softwareprojekte mit Ständen vertreten sein, selbstverständlich auch Debian. Dort wird daher schon fleißig für den Stand organisiert und geplant. In der von Martin Schulze gepflegten Projektdatenbank für den Linuxtag[15] sind bereits 30 Personen verzeichnet, die für Debian auftreten wollen. Martin Michlmayr, der Projektleiter, reist extra aus Melbourne an. Auch sonst geht es beim Linuxtag international zu: Neben Entwicklern aus Deutschland sind dieses Jahr auch österreichische, dänische und sogar ein ungarischer Developer anwesend.

Der Debian-Tag wird in diesem Jahr wieder stattfinden. Das ist eine Konferenz während des Linuxtags, bei der Vorträge zum Debian-Projekt gehalten werden. Sie richtet sich an erfahrene Endbenutzer sowie an Debian-Entwickler. Termin ist der 11. Juli. Unter anderem wird Martin Michlmayr einen Bericht zur aktuellen Lage des Projekts präsentieren. Daniel K. Gebhart will über seine Erfahrungen mit dem Debian-Mentors-Projekt[16] referieren, das Personen unterstützt, die offizielle Debian-Entwickler werden wollen.

Auf der Linuxtag-CD des Debian-Projekts wird die aktuelle Debian-Stable-Release Woody zu finden sein, gespickt mit allerlei Goodies wie XFree86 4.2.1. Die CD gibt es am Stand gratis.

Birnen-Camembert-Toast

Zum Schluss geht\’s wieder um ein anderes Projekt, aber natürlich ist das Rezept (für zwei Personen) Open Source.

Zutaten: vier Scheiben Toastbrot, etwas Butter, vier Scheiben gekochter Schinken, vier halbe Birnen (aus der Dose), zwei kleine runde Camembert, zwei Esslöffel Preiselbeeren (aus dem Glas).

Zubereitung: Toastbrot mit Butter bestreichen, mit gekochtem Schinken belegen, Birnenhälften in dünne Scheiben schneiden, auf dem Toast verteilen, Camembert ebenfalls in Scheiben schneiden und auf die Birnen legen. Toastscheiben auf ein mit Backpapier belegtes Backblech geben und im vorgeheizten Backofen bei 250¡C (Ober-/Unterhitze) so lange überbacken, bis der Camembert geschmolzen ist. Mit Preiselbeeren auf einem Teller anrichten. Guten Appetit!

Das war’s

Während ich den Camenbert aus meinem Backofen kratze, habe ich an alle Leser noch eine Bitte: Wer ein Programm schätzt und es an dieser Stelle vorgestellt sehen möchte, der sollte mir eine E-Mail[17] schicken. Ich bin für alle Hinweise dankbar. (mwe)

Der
Autor

Martin Loschwitz kommt aus Niederkrüchten und hilft in seiner Freizeit dabei, die Debian GNU/Linux-Distribution weiterzuentwickeln.

Infos

[1] Linux TV (DVB-Treiber und mehr): [http://www.linuxtv.org/]

[2] VDR: [http://www.cadsoft.de/vdr/]

[3] Plugin für VDR: [http://www.cadsoft.de/vdr/plugins.htm]

[4] LIRC: [http://www.lirc.org/]

[5] Foobillard: [http://foobillard.sunsite.dk/]

[6] Quakenet: [http://www.quakenet.org/]

[7] IRCNet: [http://www.ircnet.com/]

[8] EFNet: [http://www.efnet.net/]

[9] Freenode: [http://www.freenode.net/]

[10] Undernet: [http://www.undernet.org/]

[11] DALNet: [http://www.dal.net/]

[12] Ausführliche deutsche und englische Anleitung zum IRC: [http://irc.pages.de/]

[13] Englische IRC-Anleitung: [http://www.irchelp.org/]

[14] Martin Loschwitz, “Money, Money, Money”: Linux-Magazin 07/03, S. 69

[15] Linuxtag: [http://www.linuxtag.org/]

[16] Debian-Mentors: [http://mentors.debian.net/]

[17] Tipps und Themenvorschläge: [projektekueche@linux-magazin.de]

LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben