Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU-Projekts und versucht, Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: KDE en_GB, JMail, Speex, Software- patente, Poly Xmass, DotGNU Forum.
Willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Brave GNU World; diesmal mit einer recht bunten Mischung aus verschiedenen Gebieten.
KDE en_GB
John Knight ist Initiator des Projekts KDE en_GB, dessen Ziel es ist, KDE an britisches Englisch anzupassen. Das hat mitunter große Unterschiede zum amerikanischen Englisch, ist aber in weiten Teilen der Welt Amtssprache. Software, die professionell oder in der Schule benutzt wird, führt so manchmal zu Problemen, etwa bei der automatischen Rechtschreibprüfung oder der Schreibweise von Menübefehlen.
John möchte mit seinem Projekt KDE dabei helfen, sich gerade in den Commonwealth-Staaten zu verbreiten. Er – selbst Australier – hat vor etwa anderthalb Jahren damit begonnen, seine nach eigenen Worten “übermäßige Pedanterie” einem sinnvollen Nutzen zuzuführen. Gemeinsam mit Malcolm Hunter aus England, Dwayne Bailey aus Südafrika, Aston Clulow aus Australien und seinem Zwillingsbruder Ken hält er die Übersetzungen des ständig weiterentwickelten Programms möglichst aktuell. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Programmierer britisches und amerikanisches Englisch vermischen und die Übersetzer Amerikanismen übersehen. Zusätzliche Augenpaare sind daher immer willkommen.
Im Rahmen des Projekts entstand eine Liste, die angibt, ob in Ländern amerikanisches oder britisches Englisch gesprochen wird. Sie beansprucht keine Vollständigkeit, hilft aber zum Beispiel bei der Entwicklung automatischer Sprachinstallationen. Dwayne arbeitet im Auftrag der südafrikanischen Regierung an der Unterstützung aller elf in Südafrika gesprochenen Sprachen. Zuletzt war er mit Xhosa und Zulu beschäftigt.
Wie im KDE-Projekt üblich unterliegen auch die Übersetzungen der GPL. Informationen gibt es auf der KDE-Homepage für Übersetzer und Dokumentatoren[5]. Sollte jemand an Übersetzungen in deutsche Dialekte, etwa ins Plattdeutsche, arbeiten, bitte ich übrigens um eine kurze Nachricht.[1]
JMail

Abbildung 1: JMail ist ein komfortabler grafischer E-Mail-Client in Java. Das freie Programm bietet LDAP-Unterstützung.
JMail[6] ist ein E-Mail-Programm von Yvan Norsa unter der GPL. Ursprünglich eine Schularbeit, ist JMail mittlerweile ein kompletter E-Mail-Client mit LDAP-Unterstützung, der dank Java auf nahezu allen Plattformen eingesetzt werden kann (Abbildung 1). Natürlich ist das Projekt trotz GPL-Lizenzierung in seinem Status als freie Software durch Java deutlich eingeschränkt. Neben reinen Codeverbesserungen plant Yvan, auch lokale Verzeichnisse einzubinden und Threads zu unterstützen. Außerdem sollen die Profildateien von Text auf XML umgestellt werden.
JMail ist zum jetzigen Zeitpunkt bereits in Englisch und Französisch zu bedienen. Um Menüs in weiteren Sprachen anzubieten, sucht Yvan Helfer. Er braucht Übersetzer, aber auch Korrekturleser für die bereits vorhandenen Sprachen. Noch wichtiger sind ihm aber Nutzer, die das Programm in der Praxis testen und Fehlerreports melden, damit er – möglichst noch in diesem Sommer – die Version 1.0 freigeben kann.
Speex
Zu den derzeit durch Softwarepatente am stärksten betroffenen Gebiete gehört die digitale Audio-Kompression. Sie bildet die Grundlage für Internet-Telefonie, Internet-Radio und andere zukünftige Anwendungen. Freie Software bietet bislang leider nur geringe Qualität beziehungsweise niedrige Kompressionsraten und ist wie beispielsweise Ogg-Vorbis zumeist für Musik optimiert[7]. Mit Speex[8], einem Neuzugang zum GNU-Projekt, arbeitet Jean-Marc Valin an einer freien Softwarelösung, die keine Patente verletzt. David Rowe und Steve Underwood unterstützen ihn bei dieser schwierigen Aufgabe.
Das im Februar 2002 begonnene Projekt ist vollständig in ANSI C geschrieben. Es unterliegt der LGPL. Damit ist es gleichermaßen portabel und interoperabel. Bei dem jungen Projekt ändern sich die Formate von Dateien und Streams noch sehr häufig. Dies zu stabilisieren ist derzeit die Hauptaufgabe. Es gibt aber schon erste Applikationen, die Speex unterstützen. Eine ist Linphone[9] von Simon Morlat, ein Internet-Telefonie-Programm für GNU/Linux, das auch auf der in Ausgabe 39[10] beschriebenen GNU-oSIP-Bibliothek aufbaut.
Speex größtes Problemen ist die drohende Verletzung fremder Patente. Daher muss dies ständig neu überprüft und im Zweifelsfall eine alternative Lösung gefunden werden. Das Team sucht dafür ständig Hilfe, aber auch Programmierer mit Grundwissen in digitaler Signalverarbeitung sowie Dokumentatoren. Jean-Marc macht gerade seinen Doktor an der University of Sherbrooke. Die hält zwar viele Patente auf dem Gebiet der Sprachkodierung, da er selbst aber am Institut für mobile Robotik arbeitet, genießt er Freiheit in Bezug auf seine eigene Arbeit an Sprachkodierung.
Poly Xmass

Abbildung 2: Mit Poly Xmass können Chemiker die Strukturen von Polymer-Verbindungen und -Sequenzen entwerfen und Massenspektrometrie simulieren.
Filippo Rusconi vom französischen Forschungsinstitut Centre National de la Recherche Scientifique hat Poly Xmass[15] veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um ein Programm für das Simulieren von Massenspektrometrie. Poly Xmass unterliegt der GPL. Mit dem Programm lassen sich Polymer-Verbindungen definieren und hieraus wiederum Sequenzen bilden. An den so entstandenen Konstrukten können chemische Reaktionen simuliert und Massenspektrographien errechnet werden.
Das C/Gtk+-Programm ist für Chemiker gedacht (Abbildung 2). Der Autor kennt keine vergleichbaren kommerziellen Programme und verweist auf die Stärken von Poly Xmass, unter anderem die schnelle Berechnung, die vielfältig definierbaren Polymere, flexibel darstellbare Sequenzen und damit die Möglichkeit, die “Buchstaben” des Monomere-Alphabets eines Polymers selbst zu zeichnen. Da XML zur Speicherung von Polymerdefinitionen und -sequenzen verwendet wird, sind die Ascii-Dateien auch von Hand editierbar.
Das Projekt entspringt dem Wunsch, auf GNU/Linux umzusteigen. Filippo hatte zuerst das Programm Mass Xpert für Windows geschrieben, mit dem nur Proteine berechenbar waren. Statt einer Portierung entschied er sich für eine Neuimplementation, die eine Bearbeitung aller Polymere erlaubt und deren Definition dem Nutzer überlässt.
Das Projekt wird ständig weiterentwickelt. Erst vor kurzem hatte einer von Filippos Kollegen komplizierte Formeln auf Papier skizziert, um aus diesen auf relativ komplizierte Weise Massen zu berechnen. Filippo sah dies und schrieb kurzerhand Poly Xcalc, einen ausgereiften molekularen Rechner für Poly Xmass. Für die Zukunft plant er, das Programm noch modularer zu gestalten, etwa mit CORBA/Orbit Code. Genaues steht aber noch nicht fest. Wer mitarbeiten möchte, ist willkommen.
Softwarepatente
Wie der Beitrag zu Speex zeigt, wirken sich bestehende Softwarepatente auf einige Projekte unmittelbar aus. Dieser Effekt wird noch zunehmen. Viele Menschen erkennen bereits jetzt die Problematik der Softwarepatente – nicht zuletzt dank der unermüdlichen Arbeit von Menschen wie Hartmut Pilch und Jean-Paul Smets. Noch immer herrscht aber Verwirrung bei diesem Thema – auch bei den Entscheidungsträgern und Politikern, denn anders ist die derzeitige Entwicklung kaum zu verstehen.
In Ausgabe 5[11] der Brave GNU World wurde das Problem bereits dargestellt. Jetzt wird es Zeit, es aus der makroökonomischen Perspektive zu betrachten: Wie die Situation in den USA zeigt[12], führen Softwarepatente einen Mechanismus ein, der es Großkonzernen erlaubt, über Leben und Tod von innovativen Unternehmen und deren Ideen zu entscheiden. Sie sind ein Freibrief für juristische Auseinandersetzungen, die im Zweifelsfall immer der wirtschaftlich Stärkere gewinnt.
Softwarepatente, aber auch nur der Streit darüber, erfordern Patentjuristen. Das europäische Patentamt als jene Instanz, die die Patente erteilt, unterliegt keiner demokratischen Kontrolle und muss keine Verantwortung für erteilte Patente übernehmen.
Softwarepatente werden auf diese Weise immer mehr zu einem Schlaraffenland für Patentanwälte und Patentämter. Sie können in nahezu beliebiger Zahl kreiert werden, bedürfen keines Bezugs zur Realität und ihr einziger Zweck besteht in der Einleitung von juristischen Auseinandersetzungen. Sie behindern nicht nur Innovationen, sie verursachen auch hohe Kosten für Patentjuristen und -gebühren von den Unternehmen und binden so zusätzliches Kapital für juristische Auseinandersetzungen.
Damit schwächen Softwarepatente die Innovation und folglich die Konjunktur und führen zu einer künstlichen Subventionierung des juristischen Systems. Bis heute gibt es keine Belege für einen spürbaren Nutzen von Softwarepatenten, dafür aber deutliche Fakten zu ihrer schädlichen Wirkung. Man sollte hinterfragen, ob die Gruppe der Patentämter und der mit Softwarepatenten befassten Juristen einer derartigen Subvention auf Kosten der Konjunktur bedarf.
Wer sich ausführlicher mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei das vom FFII[13] zusammengetragene Material empfohlen, außerdem bitte ich darum, die Petition für ein Softwarepatent-freies Europa[14] zu unterstützen und die Presse mit Leserbriefen dazu zu bewegen, dieses Thema zu behandeln.
DotGNU Forum
Das DotGNU-Forum-Projekt[16] von Peter Minten ist ein Teil des DotGNU-Projekts[17], dessen Ziel ein Betriebssystem fürs Internet und eine freie Alternative zu Microsofts .NET-Plattform ist. Mehreren Nutzern gleichzeitig soll es ermöglicht werden, gemeinsam Daten über verschiedene Kommunikationswege wie Internet Relay Chat (IRC), File Transfer Protocol (FTP), Instant Messaging (IM), Bulletin Board System (BBS), USENET oder HTTP zu editieren.
Der DotGNU-Forum-Server stellt zudem so genannte Plazas zur Verfügung, also virtuelle Treffpunkte mit Daten und Applikationen aus bestimmten Themengebieten. Nutzer können dort gemeinschaftlich an einem Projekt arbeiten. DotGNU Forum stellt dabei mehrere Kommunikationsmittel zur Verfügung. Hierzu gehören Dokumentations-Browser, Download-Server, ein schwarzes Brett und ein Chat-System.
DotGNU Forum ist ein C#-Programm. Es unterstützt Erweiterungen in anderen Sprachen. Peter sieht die Stärke seines Projekts neben der Erweiterungsmöglichkeit darin, dass es Client-Server-basiert arbeitet und dass er den Server klein und stabil halten konnte. Natürlich unterliegt auch DotGNU Forum als Teil des GNU-Projekts der GNU General Public License.
Die Idee für das Projekt hat ihren Ursprung in ersten Überlegungen zu virtuellen Universitäten und Klassenzimmern, wurde dann zu virtuellen Plätzen verallgemeinert und erhielt einen Namen mit der Anspielung an das Forum im alten Rom. Schließlich waren damals Foren die Zentren des öffentlichen Lebens. Bevor jedoch die ersten Applikationen geschrieben werden können, ist noch einige Arbeit zu tun. Sowohl bei der Programmierung als auch bei der Dokumentation ist Hilfe außerordentlich willkommen.
Für die weitere Zukunft träumt Peter schon von 3D-Foren, in denen sich die Menschen virtuell gegenüberstehen und mittels VoIP auch miteinander sprechen können. Doch das dürfte wohl noch eine Weile dauern. Bis es soweit ist, sollen noch Emacs und andere Editoren als Eingabeschnittstellen für das Forum unterstützt werden.
Bis dann
Das war’s für diesen Monat. Wie immer schließe ich nicht, ohne dazu aufzufordern, sich mit Fragen, Ideen, Anregungen, Kommentaren und Meldungen über interessante Projekte an die übliche Adresse zu wenden.[1] (fan)
Infos |
| [1] Ideen, Anregungen, Kommentare an die Brave GNU World: [mailto:column@brave-gnu-world.org]
[2] Homepage des GNU-Projekts: [http://www.gnu.org/] [3] Homepage von Georg’s Brave GNU World: [http://brave-gnu-world.org] [4] “We run GNU”-Initiative: [http://www. gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html] [5] KDE-Internationalisierungs-Homepage: [http://www.i18n.kde.org] [6] JMail-Homepage: [http://www.ultim8team.com/~nono/html_en/index.htm] [7] Ogg-Vorbis-Homepage: [http://www.xiph.org/ogg/vorbis/] [8] Speex-Homepage: [http://speex.sourceforge.net] [9] Linphone-Homepage: [http://www.linphone.org] [10] Brave GNU World, Ausgabe 39: [https://www.linux-magazin.de/Artikel/ausgabe/2002/06/bgw/bgw.html] [11] Brave GNU World, Ausgabe 5: [https://www.linux-magazin.de/Artikel/ausgabe/1999/08/GNUWorld/gnuworld5.html] [12] Gary L. Reback, “Patently Absurd”, Forbes Magazine (in Englisch): [http://www.forbes.com/asap/2002/ 0624/044.html] [13] FFII-Homepage: [http://www.ffii.org] [14] Petition für ein Softwarepatent- freies Europa: [http://www.noepatents.org] [15] Homepage Poly Xmass: [http://www.polyxmass.org] [16] Projektseite DotGNU Forum: [http://savannah.gnu.org/projects/dotgnu-forum/] [17] DotGNU-Homepage: [http://www.dotgnu.org] |
Der Autor |
Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er ist. Mehr Informationen finden sich unter [http://www.gnuhh.org]. |





