Aus Linux-Magazin 02/2014

Smarter Markt

Auf der Le-Web-Konferenz in Paris hat Mark Shuttleworth dem Branchenportal Cnet erzählt, Canonical habe nun einen Partner für die Konstruktion eines Smartphones mit Ubuntu Touch gefunden. Aus dem Herstellernamen machte der Canonical-Gründer aber ein Geheimnis. Die letzten Sommer gestartete Crowdfunding-Kampagne für Edge, ein in Eigenregie entwickeltes Ubuntu-Phone, erreichte das gesetzte Ziel nicht. Die Mozilla Corporation ist mit Firefox OS in gleicher Mission unterwegs, aber schon weiter, da sie Alcatel und ZTE ins Boot gezerrt haben.

Angesichts der Dominanz von Android- und I-OS-Geräten im Markt sowie Microsofts ebenso kostenintensiven wie verzweifelten Versuchen, zu dieser Gruppe aufzuschließen, wirken Canonicals und Mozillas Pläne verwegen. In der Hauptsache jedoch steht und fällt jede Plattform mit der Bereitschaft der Apps entwickelnden Firmen, ihre Software dafür anzubieten. Canonical will es technisch angeblich einfach machen, Android-Apps auf Ubuntu Touch zu migrieren. Der Blick zurück ist zudem geeignet, Canonical und Mozilla zu entmutigen: Ähnlich ambitionierte Mobilalternativen, also Maemo, Moblin, Meego, Tizen, …, brachten lediglich ein paar Entwickler- und Demogeräte zustande, die Entwickler auf Linux-Messen wie Monstranzen vor sich her trugen.

Für Canonicals und Mozillas Chancen hingegen spricht, dass Anwender Smartphones in viel kürzeren Abständen gegen Neugeräte austauschen als dies bei PCs und Notebooks üblich ist, was Neulingen im Markt ein bisschen Luft verschafft. Dass beim Datenschutz Google, Apple und Microsoft nicht unbedingt die ersten Adressen sind, könnte zudem mit der Zeit ins Bewusstsein der Konsumenten vordringen. Ob Canonical in dieser Disziplin den Musterknabe geben wird, muss sich erst erweisen.

Generell täte beim Thema Sicherheit mehr Marktdruck gut: Im Moment muss der Konsument wählen zwischen einer ganz und gar proprietären Plattform (Apple) nebst App-Store, dessen Regeln denen einer Justizvollzugsanstalt nicht unähnlich sind, und einem Linux-System, dem Google alle über 20 Jahre bewährten Zugriffmechanismen ausgetrieben hat. Laut Kaspersky Lab attackierte 98 Prozent aller mobiler Malware 2013 das Betriebssystem Android. Für das Ansehen von Linux allgemein ist dies natürlich nicht förderlich.

Dabei stellt technisch nicht der Android-Kernel das Problem dar, sondern die Apps. Von denen ist offenbar ein erheblicher Teil gleich als Spy- oder Malware programmiert. Von den gut gemeinten Apps fallen welche auf die Tricks werbefinanzierter SDKs à la Widdit herein, wie Bitdefender gerade herausgefunden hat. Dass die Kette der Schreckensmeldungen von allein abreißt, lässt sich ausschließen.

Letzlich kann man wohl die liberalen Nutzungsbedingungen von Google Play für die Situation verantwortlich machen. Auf die inhaltliche Überprüfung jeder einzelnen App verzichtet der Konzern bei seinem Android-Repository, seit Februar 2012 findet nur ein Check auf Malware statt. Das Prinzip der Freizügigkeit hebt sich sympathisch von Apples Gebaren ab und erinnert an die Praxis der Open-Source-Community.

Wenn dem so wäre, müssten normale Linux-PCs und -Server voll von Schad- und Nonsens-Code sein. Sind sie aber nicht. Das liegt nicht an der geringen Marktbedeutung, wie Windows-Freunde in solchen Fällen gern sagen, sondern an der Arbeit der Maintainer bei den Linux-Distributionen. Jeder von denen steht nämlich bei der Auswahl der Software und beim Begutachten des Codes als Person dafür ein, dass Debian, Fedora, Open Suse und Co. an ihre Anwender keine Wanzen ausliefern. Googles gefühlte Liberalität dagegen ist in Wirklichkeit Gleichgültigkeit. Geschäftlich betrachtet ist ein Android-Anwender primär der Beschauer von Werbeanzeigen.

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