Aus Linux-Magazin 01/2014

Pro These

Da das Internet (dankenswerter Weise) tief in den Alltag vieler eingedrungen und zudem ein Teil der Weltökonomie ist, lohnt seine Betrachtung als solches allemal. Der Diskurs findet offensichtlich auf zwei Ebenen statt: Einer abstrakten (nützlich, schädlich, gesellschaftsverändernd, urheberrechtlich, nationalstaatlich, …) und einer konkret-technischen Ebene. Das Linux-Magazin ist zwingend der zweiten Gruppe zuzurechnen.

Als sichere Teilnehmer der ersten Diskussionsebene dürfen Ossi Urchs (rauschebärtiger “Internet-Guru der ersten Stunde” und Agenturinhaber) und Tim Cole (schütterer Kolumnist, Blogger, “Internet-Experte”) gelten. Beide sind Verfasser des auf der Buchmesse vorgestellten und bei Hanser erschienenen Werks “Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht”.

Urchs und Cole starten mit zehn Thesen, die unterfüttern, “Warum wir eine digitale Aufklärung brauchen”. Um sie an eine Kirchentür zu nageln, polarisieren die meisten davon aber zu wenig, Beispiel: “Das Leben in einer derart grundsätzlich anderen Welt wird komplexer, aber nicht komplizierter, sondern einfacher. (These 7)” Die anderen Thesen richten sich aus an Beschleunigung, Denken in Echtzeit, Medienwandel, obsolete Begriffe aus der analogen Vergangenheit oder dem medizinisch korrekten “Digitalisierung und Vernetzung sind kein Schnupfen: Sie gehen nicht wieder weg! (These 2)”.

Um das Buch als Ganzes zu würdigen: Die Autoren haben einen klaren Kopf und besitzen einen scharfen Blick auf die Folgen der Vernetzung, die 280 Seiten zwischen den Buchdeckeln sind lesenswert. Auch weist es eine für solche Sachbücher ungewöhnliche Aktualität auf. Dies erlaubt den Autoren in ihren Ausführungen zu Offenheit und Glaubwürdigkeit von Politik den Fall Edward Snowden ganz selbstverständlich einzubeziehen.

Dies sind die Passagen, bei denen der Buchkritiker auch ohne Vorbehalte zustimmen mag und für die eine oder andere klug herausgearbeitete Parallele dankt. Eine Menge anderer Stellen jedoch lassen den Rezensenten den Kopf schütteln, etwa beim impliziten Dank für das iPhone, welches das mobile Internet wenigen computerverliebten Geeks entrissen habe – ganz so, als hätten in der Vor-Smartphone-Ära keine Note- und Netbooks und kein UMTS existiert.

Richtig schwer zu ertragen ist jedoch der Autoren Optimismus in Sachen Systemsicherheit. So verspotten sie Personaler in Firmen, die Facebook am Arbeitsplatz untersagen, als “Betonköpfe” und prognostizieren, dass in Bälde junge Menschen Bewerbungsgespräche abbrechen würden, wenn sie von solchen Verboten hörten. Dass solche Firmen “früher” Facebook wegen der Social-Engineering-Gefahr untersagten, lassen sie heute nicht mehr gelten, da man sich “durch geeignete technische Maßnahmen” davor schützen könne. Außerdem sei der Nutzen viel zu hoch (in Europa 15 Milliarden Euro jährlich), um es zu verbieten. Seinen konkret-technischen Blick auf solche Argumente richtend, entfährt dem Rezensenten eine elfte These: Digitalisierter Bullshit ist dem analogen gleichgestellt.

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