Aus Linux-Magazin 02/2002

Arcad - Architektur unter Linux

Ein reinrassiges Linux-CAD-Programm für Architekten ist Arcad. Mit einer langen Geschichte, einer aktiven Nutzergemeinde und günstigen Lizenzen lädt es zum Ein- oder Umstieg ein.

Es gibt hochmoderne CAD-Programme für Architekten (CAAD-Software), die vollständig parametrisiert sind. Das heißt: Gebäudeteile wie Wände oder Fenster sind Objekte mit Eigenschaften, die nicht nur die Geometrie beschreiben, sondern auch das Material, den Preis, den Hersteller und vieles mehr. Bei anderen wiederum ist ein Türrahmen nur ein geometrisches Gebilde und sonst nichts; die Arbeit mit ihnen ähnelt dann trotz ausgefeilter 3D-Fähigkeit eher der herkömmlichen Konstruktion am Reißbrett, was viele Anwender noch zu schätzen wissen. Um ein solches Programm handelt es sich bei Arcad von dem kleinen deutschen Unternehmen gleichen Namens.

Arcad kommt ursprünglich aus der DOS-Welt, neuere Versionen werden aber seit Jahren ausschließlich für Linux entwickelt. Die Anwendergemeinde ist in die Weiterentwicklung und den Test der Software stark einbezogen und ziemlich treu. Im gut frequentierten Forum auf der Arcad-Webseite werden Anfragen zur Bedienung in aller Regel geduldig und kompetent beantwortet.

Engagierte Nutzer und günstige Lizenzen

Mit günstigen Campus-Lizenzen versucht der Hersteller zudem weitere Verbreitung zu finden, sie kosten 128 Mark. Der Käufer erhält dafür ein zeitlich unlimitiertes Vollprogramm inklusive Installationssupport und darf das Programm für sich selbst unbeschränkt nutzen. Auftragsarbeit für Dritte ist jedoch nicht gestattet. Im Funktionsumfang eingeschränkte Vollversionen gibt es schon ab 1420 Mark, die Komplettausstattung schlägt mit knapp 17000 Mark zu Buche. Wer pro Jahr zehn Prozent der Kaufsumme als Wartungsgebühr entrichtet, bekommt automatisch immer die neueste Version.

Arcad ist ein 3D-Volumen-Programm, erlaubt aber auch das Konstruieren in nur zwei Dimensionen. Einige Architekten und Bauingenieure ziehen diese Arbeitsweise vor. Andere können ein 3D-Modell entwickeln und daraus Schnittdarstellungen generieren. So hat der Anwender die Wahl. Die Bemaßung im 3D-Modell ist assoziativ, das heißt, bei Änderungen an der Geometrie ändern sich die Maße mit. Wird nur in zwei Dimensionen konstruiert, ist das jedoch nicht der Fall.

Ein weiterer Nachteil des Programms: Werden Schnittdarstellungen wie Grundriss oder Ansicht aus dem 3D-Modell erzeugt, sind das eigenständige Zeichnungen ohne Bindung an das Modell. Das erlaubt zwar ein schnelles Arbeiten, da die Datenmengen klein sind, jedoch muss jede kleine Änderung an einer Darstellung per Hand in die anderen übernommen werden.

Abbildung 1: So sieht Boris Beckers Villa auf Mallorca in der Darstellung mit Arcad aus, sie wurde nach den Originalplänen nachgebaut (Architekturbüro Hainz, München).

Abbildung 1: So sieht Boris Beckers Villa auf Mallorca in der Darstellung mit Arcad aus, sie wurde nach den Originalplänen nachgebaut (Architekturbüro Hainz, München).

Rendern inklusive

Vor allem für die Präsentation der Entwürfe interessant ist die Möglichkeit, 3D-Szenen zu rendern. Dafür hat Arcad eine Schnittstelle zum Open-Source-Renderer Povray. So ist auch das Berechnen von Kamerafahrten durch das Objekt möglich. Derzeit – in der Betaphase – erfolgt die Beschleunigung der 3D-Funktionen mit OpenGL.

Arcad kommt mit einer großen Bibliothek von Texturen und unterschiedlichen Elementen wie Türen, Fenstern, Bepflanzungen und Ähnlichem auf den Rechner, zusätzliche Bibliotheken im Autocad-Format DXF lassen sich über mehrere Pfade einbinden. Als Print-Formate werden HPGL, HPGL 2 und Postscript unterstützt; dank Ghostscript ist damit auch nahezu jeder beliebige Drucker verwendbar.

In das Benutzerinterface hat Arcad einiges an Intelligenz gesteckt. Die Pulldown-Menüs sind frei platzierbar und können durch einen einfachen Druck auf die Tabulatortaste ein- und ausgeblendet werden. Jeder Befehl lässt sich in eine Icon-Liste übernehmen und durch die Kombination von Maus- und Keyboard-Tasten ist eine Vielzahl spezieller Befehle wie Zoom, Verschieben oder Kippen im laufenden Bearbeitungsprozess möglich.

Aufgeräumtes Interface

Linux-typisch sind alle drei Maustasten belegt. Ein Linksklick auf ein Objekt ruft den Befehl auf, mit dem das Objekt erzeugt wurde, und übernimmt dabei alle Parameter; ein Klick mit der mittleren Maustaste führt zu einem Menü, mit dem die Parameter angepasst werden, und der Rechsklick beendet die gewählte Operation – wie in vielen CAD-Programmen ebenfalls üblich.

Für Desktop-Anwendungen ist es meist nur eine Spielerei, im CAD aber nützlich: Für die Form des Cursors stehen viele Varianten zur Verfügung. Mit einem Kreuzcursor lassen sich Objekte beispielsweise einfacher orthogonal ausrichten. Auch die Fangeigenschaften des Cursors lassen sich definieren. So geht er beispielsweise automatisch auf Eckpunkte, Kanten oder Ähnliches.

Generell ist Arcad recht leicht zu erlernen, auch für Autodidakten mit Vorkenntnissen in Architektur und Bauwesen. Das Handbuch des Programms ist umfangreich, existiert aber nur als Postscript-Datei und wird in gedruckter Form nicht vertrieben. Eine abgespeckte HTML-Version liegt ebenfalls bei. Sie dient als kontextsensitive Online-Hilfe und ist dann mit dem Standard-Browser des Systems verknüpft. Des ständig aufpoppenden Netscape-Fensters wird man jedoch schnell überdrüssig, so dass sich dieses Feature meist nur für Ausnahmesituationen lohnt.

Abbildung 2: Viel Platz bleibt fürs Wesentliche - das Arcad-Interface.

Abbildung 2: Viel Platz bleibt fürs Wesentliche – das Arcad-Interface.

Hilfe bei der Baubürokratie

Die wichtigsten Tätigkeiten im Architektur- und Planungsbüro sind neben dem Entwerfen das Organisieren der Ausschreibung sowie die Vergabe und Abrechnung von Aufträgen, kurz AVA. Dafür gibt es zahlreiche eigenständige Programme, aber auch Module für CAD-Software.

Für Arcad braucht man sie nicht. Bisherige Versionen besaßen bereits eine integrierte AVA, in der aktuellen Betasoftware wurde sie nochmals kräftig erweitert: um eine Abrechnungsmöglichkeit nach der Honorarverordnung für Architekten (HOAI), um Wohnflächenberechnung, einen Bieterspiegel und eine Auftragsverwaltung. Selbst Adressverwaltung und Textverarbeitung sind integriert. Der Architekt kann also den ganzen Tag unter Linux arbeiten und benötigt keine andere Plattform mehr.

Das größte Risiko dürfte sein, dass Arcad in einem sehr kleinen Unternehmen entsteht. Falls es mal in Schwierigkeiten geraten sollte, ist die Migration zu Alternativen unter Linux früher oder später unausweichlich (siehe Kästen “Alternative”). Aber vielleicht wird es dann ja Open Source.

Fazit

Für selbstständige Architekten beziehungsweise kleinere Büros, die im klassischen Entwurfsstil mit nicht parametrisierten Modellen arbeiten, ist Arcad eine Möglichkeit, komplett auf Linux umzusteigen. Die Lizenzkosten liegen am unteren Ende der branchenüblichen Spanne, die außerdem angebotene Campus-Lizenz macht auch das Ausprobieren attraktiv. Der Hersteller arbeitet sehr gut mit den Nutzern zusammen. Wer möchte, kann sogar aktiv auf die Entwicklung Einfluss nehmen.

Alternative: Cycas

Cycas ist ein preiswertes CAD-Programm, das sich an Architekten, Bauhandwerker und natürlich auch Hobbybenutzer richtet. Es kommt ursprünglich aus der Amiga-Welt, die Linux-Version hat mittlerweile aber auch schon zwei große Updates hinter sich und notiert bei 2.08; Cycas ist auch für NetBSD verfügbar. Es erlaubt die Konstruktion in zwei oder drei Dimensionen, rendert Ansichten über eine Schnittstelle zu Povray und kann zumindest in der Professional-Version DXF-Dateien importieren und exportieren. Bemaßungen können im 3D-Modus automatisch und assoziativ erfolgen, im 2D-Modus nur manuell. Cycas erlaubt das Arbeiten mit verschiedenen Ebenen (Folien), Objektbibliotheken und Texturen. Ein AVA-Modul oder eine entsprechende Export-Funktion fehlen, so dass Cycas für freie Architekten nur bei sehr schmalem Budget in Frage kommt.

Die Vollversion Cycas Pro kostet knapp 200 Euro, wenn sie über das Internet freigeschaltet wird. Eine CD kostet 60 Euro mehr. Die Basic-Version für 58 Euro und die kostenlose Public-Variante sind im Funktionsumfang deutlich eingeschränkt, sie können keine DXF- oder HPGL-Dateien exportieren. Das Ausdruck-Format beschränkt sich bei Cycas Basic auf A3, bei Cycas Public auf A4. Die letztere Version kann zudem keine DXF-Dateien einlesen. Der Support durch den Hersteller, den Verlag Frese, ist sehr gut; Anwenderwünsche werden nach Möglichkeit in Programmupdates übernommen. [http://www.cycas.de]

Alternative: Speedikon XL

Unter dem Namen Speedikon vertreibt die Firma IEZ GmbH eine ganze Produktfamilie aus dem CAD-Bereich, die aus mehreren eigenständigen Programmen sowie Aufsätzen für Autocad und andere Software besteht. Speedikon XL ist ein eigenständiges Programm für Linux, die aktuelle Version 10.5 erschien im Dezember 2001.

Speedikon XL ist ein parametrisiertes 3D-Programm, das mit dem so genannten digitalen Gebäudemodell einen eigenen Ansatz aufweist. Aus diesem Modell werden die Planungsergebnisse wie Schnitte, Perspektiven und Ansichten automatisch erzeugt. Berechnungen von Wohn- Nutz- oder Grundflächen sowie Kostenabschätzungen oder Mengen des Baumaterials sind ebenfalls automatisch ausführbar.

Zum Rendern von Ansichten und Kamerafahrten ist eine Schnittstelle für das externe Programm Arcon integriert, das separat über IEZ zu haben ist. Eine Modul zur Ausschreibung, Vergabe und Abrechnung (AVA) ist nicht vorhanden, die Daten lassen sich jedoch über verbreitete Formate wie GAEB exportieren. Speedikon besitzt ein eigenes Dateiformat, kann DXF-Dateien importieren und exportieren und liest sogar das binäre Autocad-Format DWG sowie das Siemens-SICAD-Format SQD. Der Hersteller gibt als Voraussetzung SuSE Linux ab 6.1 und KDE an. Speedikon XL kostet 6700 Euro, der Renderer Arcon ab 275 Euro.

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