Aus Linux-Magazin 08/2008

Linuxtag 2008

Abbildung 1: Die griechische Tragödie Antigone gab es beim Linuxtag in der Fassung 2.0 zu sehen. Ganz im IT-Gewand samt Chat und Präsentationsleinwand.

Wenn die Ausstellerliste zwischen Amarok und Zope weitere 200 freie Projekte und Linux-Firmen eint und die Dichte der Kernelentwickler und Projektmitglieder sprunghaft steigt, ist wohl Linuxtag: ein Rundgang.

Antigone 2.0 erfreute bei der Messe das Publikum (Abbildung 1). Stoff für eine Tragödie bot der zweite Stopp des Linuxtags in Berlin Ende Mai aber beileibe nicht. Im Gegenteil, die Veranstalter meldeten einen Besucherzuwachs: 11600 Open-Source-Interessierte fanden gemäß der Zählung der Offiziellen den Weg zum Messegelände unter dem Funkturm. Im Vorjahr druckste man diesbezüglich um die 10000er Marke herum.

Abbildung 1: Die griechische Tragödie Antigone gab es beim Linuxtag in der Fassung 2.0 zu sehen. Ganz im IT-Gewand samt Chat und Präsentationsleinwand.

Abbildung 1: Die griechische Tragödie Antigone gab es beim Linuxtag in der Fassung 2.0 zu sehen. Ganz im IT-Gewand samt Chat und Präsentationsleinwand.

Eingemacht oder Schonkost

Wer den munteren Wechsel zwischen den Sälen London (Tiefgeschoss) und Europa (dritte Etage) in der Linuxtag-Messehalle auf sich nahm, fand dort eine Vielzahl von hochkarätigen Vorträgen, die zwischen anspruchsvollem Eingemachten für Entwickler (Kernelhacker Zach Brown) und leichter Verdaulichem (Nat Friedman, Novell) für ambitionierte Anwender rangierten. Novells Software-Crack Friedman hat in Berlin das Suse Studio vorgestellt. Mit der Browser-basierten Appliance-Lösung von Novell können Benutzer sich eine eigene Distribution zusammenklicken. Glaubt man Friedman, zählt der Download vorgefertigter Distributionen bald der Vergangenheit an. Eine Demo von Suse Studio gibt es unter [http://studio.suse.com].

Zukunft für den Desktop

An weiteren Entwicklergrößen fehlte es wahrlich nicht. Aaron Seigo (Abbildung 2) vom KDE-Projekt wies in seinem Vortrag den Weg des populären Linux-Desktops über drei Eckpunkte: “überall erreichbar” (Ubiquity) wie eine Webanwendung, “ständig verfügbare” Daten (Availability) und nicht zuletzt den sozialen Aspekt (Sociability).

Abbildung 2: Zukunftsforscher in Sachen KDE: Aaron Seigo.

Abbildung 2: Zukunftsforscher in Sachen KDE: Aaron Seigo.

Letzteren machte der KDE-Entwickler am Erfolg von Websites wie Facebook fest und beschwor den notwendigen Web-2.0-Charakter des Desktops: So soll der Desktop der Zukunft, dem semantischen Web nicht unähnlich, Daten und Metadaten mit Personen und Kommentaren verbinden.

Ein solcher “sozialer Desktop” wird auch technisch wenig Interessierte ansprechen, prophezeite Seigo und blickte tiefer in die Linux-Desktop-Zukunft, wenn kontextsensitive Oberflächen nur sinnvolle Handlungsoptionen anzeigen, und zwar auf allen erdenklichen Geräten. Ein Benutzer soll Widgets vom Desktop auf das Handy ziehen und später auf den Desktop eines Freundes verschieben, ähnlich wie bei physischen Gegenständen zum Mitnehmen. Der KDE-Vorsitzende hat sich für diesen Profiltransport von Gerät zu Gerät durch die Nintendo-Spielekonsole Wii inspirieren lassen, die den Spielern bei gegenseitigen Besuchen ein solches Feature anbietet.

Hacker gegen Hacker

Für die sechs Teams, die jeweils im Duett live auf der Bühne antraten, um beim Hacking-Contest (Abbildung 3) kreative Schwachstellen in die Systeme der Gegner einzupflanzen und anschließend die Lücken im eigenen System wieder zu stopfen, fand Veranstalter Kester Habermann vom Linuxtag e.V. höchstes Lob: “Die Teams waren außergewöhnlich gut vorbereitet und haben Hacks auf hohem Niveau gezeigt.”

Abbildung 3: Volle Konzentration war beim Hacking-Contest gefordert.

Abbildung 3: Volle Konzentration war beim Hacking-Contest gefordert.

Die Gewinner, die “Gotischen Systemquäler”, beherrschten die Pflichtdisziplinen wie die Rekonfiguration des SSH-Daemon ebenso wie die Kür. Beispielsweise veränderten die beiden die Konfiguration des Udev-Daemon so, dass sich beim Einstecken einer Maus mit einer bestimmten USB-ID eine Rootshell auf einer virtuellen Konsole öffnete. Zunächst zeigten sich Jury und Publikum allerdings enttäuscht, als die beiden eine Rootshell per »netcat« an einen TCP-Port banden, denn dies gilt zwar als effektiv, aber leicht zu entdecken. Nachdem die beiden jedoch den Eintrag des Prozesses im Proc-Verzeichnis mittels »mount –bind« verschleierten, ging doch ein Raunen durch das vollbesetzte Forum.

Dass für Hacker Kreativität wichtig, aber nicht alles ist, erläuterte Christian Perle vom Siegerteam. Die Entwickler, die schon 2006 den Titel holten, hatten sich in ein vierwöchiges Trainingslager begeben, um alle gängigen Distributionen zu analysieren. Die Systemquäler ernteten zusätzliche Meriten, als sie eine Eigenschaft von »/proc/sys/kernel/core_pattern« ausnutzten. Eigentlich besteht dieser Eintrag, damit Administratoren den Namen und das Verzeichnis für Coredumps festlegen können. Neuere Linux-Kernel erlauben es jedoch, ein Programm zu starten, wenn der konfigurierte Pfad mit einem Pipe-Symbol beginnt. “Das eingestellte Programm wird in jedem Fall mit Root-Rechten ausgeführt. Das ist nicht notwendig und ich will auf der Kernel-Mailingliste vorschlagen, diese Eigenschaft zu ändern, weil ich sie für gefährlich halte”, sagte Perle.

Online-Futter für
Daheimgebliebene

Linux-Magazin Online hat beim Linuxtag 2008 einige Entwickler zum Video-Interview gebeten. Ian Murdock, Debian-Mitbegründer, Michael Lauer von Openmoko, Cornelius Weiß vom Groupware-Projekt Tine 2.0 und Intels Chief Linux und Open Source Technologies Dirk Hohndel traten vor die Kamera. Außerdem nutzten einige Projekte auf dem Linuxtag die Chance zur medialen Kurzvorstellung ihrer Arbeit. Auf [https://www.linux-magazin.de] reicht der Suchbegriff »Video«, um fündig zu werden. Im Streaming-Archiv von Linux-Magazin Online gibt es zudem die Videostreams der Keynotes vom Linuxtag inklusive der dort gezeigten Präsentationen unter [http://streaming.linux-magazin.de].

Community-Abgeordneter

Max Spevack, ehemaliger Fedora-Projektleiter und weiterhin für die Community rund um die Distribution zuständig, hat unter dem Titel “Community-Architektur für Spaß und Profit” ausgeführt, wie das Projekt zwei Herren gleichzeitig dient – einerseits der Community, andererseits der Firma Red Hat, die mit dem Fedora-Code ihre Enterprise-Distributionen füttert. Der von Red Hat beschäftigte Spevack ist im Europa-Einsatz, um als Community-Ansprechpartner zu dienen. Spevack verdeutlichte in seinem Vortrag, dass quelloffene Software ein Geschäftsmodell sei, zu dem Community-Entwicklung gehöre. “Nur den Quellcode auf die Webseite zu stellen macht eine Firma nicht zu einer Open-Source-Firma.”

Linux-Station für Tüftler

Dass der für die Playstation 3 entwickelte Cell-Prozessor mehr kann, als nur Spiele darzustellen, zeigte dessen Hersteller IBM. Am Stand dekodierte eine Playstation 3 in Echtzeit mehrere HD-Streams gleichzeitig. IBM hatte dazu das Network Multimedia Framework und eine selbst gebastelte HD-Receiverbox zusammengebracht. Der Cell-Prozessor benötigt drei SPUs (Synergistic Processing Unit) zur Dekodierung eines 1080p-H.264-Streams. Da unter PS3-Linux nur sechs SPUs zur Verfügung stehen und eine fürs Skalieren und Transparenz-Compositing notwendig ist, simuliert IBM virtuelle SPUs, um die real vorhandenen optimal zu nutzen.

Stellenmarkt

Die anwesenden Firmen zeigten sich auf Nachfrage des Linux-Magazins zufrieden mit dem Besuch ihrer Stände. Clint Oram von Sugar CRM berichtete von fruchtbaren Gesprächen. Der Mitbegründer der Firma mit der freien Customer-Relationship-Management-Software machte wie auch andere Firmen keinen Hehl daraus, dass er beim Linuxtag nicht nur gerne Aufträge mitnehmen, sondern auch Bewerbungsgespräche führen wolle. IBM hat das Recruiting schon im Vorfeld als Motto ausgegeben und bot potenziellen Bewerbern gleich auf der Messe Gelegenheit für Gespräche mit Fachpersonal.

Profit gemacht

Besucher, die den Etagenwechsel mit der Rolltreppe erledigten und beim Rundgang im Treppenhaus auf dem Weg zur Abstiegshilfe die Orientierung verloren, landeten schon mal unvermittelt in der parallel zum Linuxtag stattfindenden Businessmesse “IT Profits 4.0 ” für die neuen Bundesländer. Die nahm dem subjektiven Eindruck nach einen ruhigen Verlauf. “Das ist halt Business”, bekam am dort zentral aufgebauten Verpflegungsstand ein junger Linux-Enthusiast zu hören, als er angesichts der gehobenen Preise für Speis und Trank nachfragte, ob auch für das Sandwich Pfand anfalle.

LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Nach oben