Aus Linux-Magazin 06/2007

Bimmel 2.0

Wenn Firmen wie Bertelsmann Digital Media Investments, die Warner Music Group und einige andere ihren Schatullen 7,7 Millionen US-Dollar entnehmen, um sie einem kalifornischen Handyklingelton-Vertrieb zuzustecken, dann hat das nichts mit Mildtätigkeit zu tun. Investoren hoffen, in überschaubarer Zeit mit dem Investment Rendite zu erwirtschaften. Und wahrscheinlich geht ihre Rechnung bei “Emotive Communications” auf. Denn klingelt bei Emotive-Kunden das Telefon, klingelt beim Investor die Kasse.

Angesichts eines gesättigten Klingelton-Markt wäre die Sache weder erwähnenswert noch sonderlich lukrativ. Emotive punktet jedoch mit einem überzeugenden Konzept, da die Firma mit den Tönen zugleich “Inhaltsempfehlungen und Impulskauf-Gelegenheiten für die Freunde, Familie und Kollegen des Benutzers bietet”, so eine Pressemitteilung. Ganz schön innovativ.

Und so gehts: Emotives “Push Ringer” kehrt das herkömmliche Klingeltonmodell um, indem der Anrufer den Klingelton beim Angerufenen bestimmt. Der mit dem Anruf verschickte Klingeln überschreibt temporär den dort voreingestellten Ton des Telefons. Für den Empfänger ist das kostenlos. Wenn dem Angerufenen das kommerzielle Palim-Palim aber gefällt, kann er den Ton bei Emotive für die dauerhafte Nutzung erwerben (die “Impulskauf-Gelegenheit”).

Da die Verbraucher jedoch in Zeiten des Web 2.0 gewöhnt sind selber Medienschaffende, ja Künstler zu sein, darf der Anrufende auch eigenfabrizierte Inhalte verschicken, die die Gegenseite dann abspielt – Social Klingeltoning so zu sagen. Toll ist, dass die Anrufpersonalisierung nicht nur mit Audiodaten funktioniert, sondern auch mit Videos, Animationen, Avataren und Flash-Dateien.

Den Push Ringer gab es bislang nur als Plugin für Skype. Das hier Ringjacker genannte Tool läuft bereits auf 800 000 Rechnern – Tendenz steigend, denn Klingelton-Empfänger ohne Plugin bekommen einen Link zu sehen, der sie zu dessen Download animiert. Nun stellt Emotive gar einen Mobilfunkprototpyen beim IMS World Forum in Monaco vor – ein konsequenter Schritt wie ich finde.

Im Übrigen fällt mir eine Latte innovativer Anwendungen dieser Technik ein, auf die wohl weder Emotive noch Bertelsmann Investments oder Warner gekommen sind: So würde ich gern massenhaft kleine, manipulierte Endlos-Videos verschicken, die die Player der Empfänger lahm legen und damit in die Geschichte der innovativsten DoS-Angriffe aller Zeiten eingehen. Oder ich verklingele in Flash nachgebaute Windows-Anmelde-Dialoge, in die garantiert jeder zweite Angerufene sein Passwort tippt. Das Verschicken an mich erledigt ein Skript im Hintergrund – Fishing 2.0.

Zwischendurch beglücke ich Wolfgang Schäuble im Zehn-Minutentakt abwechselnd mit einem Bundestrojaner-Avatar und dem PDF des Grundgesetzes. Wenn der Mobilfunk-Client fertig ist, werde ich mich auf einfache Klingeltöne rückbesinnen: Der Papst bekommt dann jeden Morgen einen Muezzin-Ruf auf sein Handy, Steve Ballmer den Club-Remix des Stones-Klassikers “Sympathy For The Devil” und das Finanzamt ein onomatopoetisches Pfurz-MP3.

Oder um es mit den Worten von Emotive-CEO Anthony Stonefield zu
sagen: “Unser Push Ringer bietet der
Telekommunikationsbranche ein neues Niveau interaktiver
Ech

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