Rein statistisch gesehen hätten Sie und ich vor 200 Jahren nicht in der Linux-zentrierten IT gearbeitet, sondern in der Landwirtschaft. Mangels elektrischen Lichts wären wir sommers früh aufgestanden, hätten im Stall und auf dem Feld fleißig gearbeitet und wären bei Einbruch der Dunkelheit in unsere Strohbetten gefallen.
Im Winter hätten wir viel geschlafen und beim Lichte einer Tranfunzel das eine oder andere biologisch-dynamische Bierchen gekippt. Globalisierung war damals noch kein Thema, denn auch der chinesische Bauer wirtschaftete nicht anders oder gar billiger als Sie und ich. Ein Idyll.
Die Unbill kam zusammen mit den Dampfmaschinen und der Glühbirne. Sie und ich zogen – wieder rein statistisch – in die Stadt und verdingten uns als Lohnarbeiter. Die Arbeitszeiten waren lang und im Sommer und Winter gleich. Dann kamen die Gewerkschaften, die Arbeitskämpfe, die Kriege, die Wunderjahre, die Urlaubreisen an die Riviera und schließlich Kanzler Kohl. Letzterer versuchte sich an einer Charakterisierung der Gesellschaft mit dem Spruch vom “Kollektiven Freizeitpark Deutschland”.
Die Einschätzung war schon damals Unsinn, bietet aber heute in der Globalisierungsdebatte den rhetorischen Schmierstoff der einschlägigen Lobbyverbände, wenn es um unbezahlte Arbeitszeitverlängerung und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall geht. Dabei ist der deutsche Arbeitnehmer gar nicht so ein schlimmer Faulenzer wie befürchtet: Das Jobportal Stepstone hat gerade 8700 Benutzer in Europa befragt und herausgefunden, dass mehr als 80 Prozent der deutschen und italienischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer regelmäßig Überstunden leisten. 36 Prozent der Italiener und 31 Prozent der Deutschen arbeiten sogar ständig mehr als 50 Stunden pro Woche. Das ist statistisch Spitze in Europa. Zwei Drittel der deutschen Langarbeiter bekommen dafür keine Bezahlung.
Die wenigsten Überstunden schieben übrigens
Dänen, Norweger und Schweden – Nationen, deren wirtschaftliche
Erfolge gern als Vorbild für die schwindsüchtige
Deutschland-AG herhalten müssen. Sie und ich kommen langsam
dahinter, dass die immer gleichen Männer mit den besorgten
Gesichtern bei der wöchentlichen Sabine Christiansen wohl auch
nicht die richtigen Vorfahrtsregeln fü






