Fürsten und Könige verlangten von ihren Hofmalern, sie in vorteilhaftester Pose zu malen. Die Ölbilder der Gattinnen fielen kaum wahrhaftiger aus. Die Bilder von Wladimir Iljitsch Lenin dagegen zeigen ihn stets mit Glatze.
Er war wohl kein so eitler Herrscher wie die Blaublüter früherer Jahrhunderte. Nein, der Marx-Kenner hatte genug haarige Dinge im revolutionären Russland zu tun, etwa das Landproletariat politisieren oder die Menschewiki abschaffen. Trotzdem ist überliefert, dass auf sein Geheiß hin ein harmloses Privatfoto retuschiert wurde, das ihn mit Ehefrau Nadeschda Krupskaja und einem Fernrohr zeigt. Das Instrument in seiner Hand sah nämlich wie eine Waffe aus – offenbar unpassend für einen Staatsmann, der den Austritt Russlands aus dem Ersten Weltkrieg anstrebte. Also ließ er das Foto passend zu seinem gewünschten Image fälschen. Nach Lenin nutzte aber erst Stalin die Bildmanipulation als politische Waffe in der damaligen Sowjetunion: Mal stieg er 1917 bei Lenins Rückkehr aus dem Exil hinter diesem aus dem Zug, jedenfalls auf einem Foto – obwohl er an diesem Tag nie in dessen Nähe war. Viele andere Male ließ er Lenins Kampfgefährten Leo Trotzki aus alten Fotos retuschieren (und später im Ausland exekutieren). Die kommunistische Propaganda wollte so eine neue Welt schaffen, in der allein sie bestimmt, wer in ihr einen Platz einnimmt und wer nicht. Heute haben Photoshop und Gimp Bildmanipulationen zum Kinderspiel degradiert, die Motive ähneln aber wieder denen des Hochadels. Zu bewundern auf den Titelbildern von Fernsehzeitschriften: Die ästhetisch mängelfreie Haut der Mädels dort ist kaum natürlichen Ursprungs. Im Einzelfall kann der aufmerksame Beobachter jedoch auch neustalinistische Weltbilder entdecken, wie Abbildung 1 zeigt. Links ist die Luftbildaufnahme der Apple-Konzernzentrale in Cupertino zu sehen, wie Google Maps sie korrekt wiedergibt. Rechts zeigt der korrespondiere Dienst Virtual Earth von MSN an gleicher Stelle eine weitgehend eingeebnete Fläche. Da schafft sich jemand eine neue Welt, die Mitbewerbern keinen Platz lässt. Ein guter Hofmaler hätte sicher eine sympathischere Lösung gewusst.





