Aggressiver will Suse-CEO Nils Brauckmann die Firma machen: Nicht mehr nur der schweigende Gecko soll sie sein, sondern auch mal wie ein Hund bellen und beißen. Auch die Enterprise-Konferenz Susecon anlässlich des 20. Geburtstags soll der Attachmate-Tochter auf den amerikanischen Markt helfen.
Orlando, Florida, Ende September. Es ist Regenzeit – und Hurricane Season. 31 Grad, auch am Abend. Die Schwüle scheint aus den Sümpfen zu kriechen, die Orlando umgeben und halb Florida bedecken. Ohne Klimaanlage geht nichts, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit durchnässen die Kleidung innerhalb von Minuten.
Von Stürmen verschont
Gut, dass während der Susecon ([1], [2]) wenigstens keine Tropenstürme den Südstaatenlandstrich verwüsten, es regnet nur regelmäßig, doch ab und zu kommt immerhin die Sonne ein wenig durch. Die Highways säumen Schilder, die den Autofahrer vor Krokodilen, Pantern und selbst den großen Seeschildkröten warnen. Die ebenfalls verbreiteten Leguane scheinen dagegen kein Verkehrszeichen wert, zu gering ist wohl die Gefahr, die von ihnen für die Autobahnbenutzer ausgeht.
Ganz ähnlich präsentiert sich derzeit die Situation für die Verantwortlichen bei Suse. Nils Brauckmann, seit der Übernahme durch Attachmate Suse-CEO, erklärt in seiner Keynote eindringlich, warum Anpassbarkeit und Unauffälligkeit – Attribute, die man gemeinhin Geckos beziehungsweise Chamäleons zugesteht – nicht ausreichen, um Suse dauerhaft auf die Erfolgsspur zu lotsen. “Lieber ein lila Hund (a purple dog), der auch bellt und beißt als ein schweigendes Chamäleon!”, ruft er den Zuhörern auf Suses Enterprise-Konferenz Susecon in Orlandos Konferenzzentrum zu. Damit trifft er einen Nerv unter den SLES-Anwendern und -Entwicklern, von denen sowohl Zustimmung als auch die erwartungsgemäße Ablehnung bei Hardcore-Nerds widerhallt, für die Krawatten und Vertriebler ein rotes Tuch sind.
Die Party nicht in Nürnberg
Gerade die Nerds und Fanboys zeigten sich auf der Konferenz davon enttäuscht, dass die Firma ihren Geburtstag – den 20. – erstmals nicht in Nürnberg, sondern in den USA feiert. Den Ausschlag dafür dürften strategische Entscheidungen des Marketings gegeben haben. Das Datum gilt offenbar als guter Anlass, die “langjährige Erfahrung” der Company auch amerikanischen Anwendern deutlicher vor Augen zu führen.
Marketingchef Michael Miller packt das ganz unten an: In seiner Keynote versucht er einigermaßen erfolgreich, den Anwesenden die korrekte Aussprache des Firmennamens beizubringen – ganz im Stil eines Anheizers: “Sprechen Sie mir nach: Suse, Suse, Suse …” (Abbildung 2). Dass solche Basics nötig sind, überrascht den Außenstehenden, fanden sich unter den 500 Teilnehmer (135 Firmen aus 35 Ländern) doch auch zahlreiche US-Kunden.

Abbildung 2: Feucht und heiß ist Florida in der Hurricane Season, auch dank seiner ausgedehnten Sümpfe. In Orlando traf sich die Suse-Enterprise-Community zur Susecon. Im dritten Bild bringt Marketingchef Michael Miller den Anwesenden bei, wie man Suse korrekt ausspricht.
Diskussionen sind bei Suse derzeit offenbar an der Tagesordnung, und Brauckmann, so hört der Konferenzbesucher von vielen Seiten, glänze dabei mit Offenheit und habe erstaunlich flache Hierarchien bei Suse eingeführt – was gerade nach der unglücklichen Novell-Historie [3] unter den Mitarbeitern des ehemals Nürnberger Unternehmens gut anzukommen scheint.
Offen präsentiert der CEO in seiner Keynote auch die aktuellen Zahlen: 215 Millionen Dollar Umsatz im Fiskaljahr 2012, für das nächste visiert er 225 an. 750 Mitarbeiter in 43 Ländern betreuen mehr als 5000 Mitglieder des Partner-Ökosystems und über 15000 Kunden weltweit. Brauckmann (Abbildung 3) ist auf der ganzen Susecon präsent, man sieht ihn überall im Gespräch mit Teilnehmern oder in Workshops oder Diskussionen.

Abbildung 3: Von oben nach unten: Suses CEO Nils Brauckmann nennt in seiner Keynote Zahlen und Ziele, Intels Dirk Hohndel beteuert die gute Kooperation bei der Unterstützung der Hardware, Doug Balog von IBM preist die Vorzüge von Suse auf Z-Series.
Amerika im Fokus
Suses Strategie sei, so erklärt er im Gespräch mit dem Linux-Magazin, auch auf dem amerikanischen Markt das zu erreichen, was man in Europa, Südamerika oder in China bereits geschafft habe. Sogar im Reich der Mitte sei Suse Marktführer. Aber geben denn nicht Konkurrenten wie Red Hat oder andere Konzerne mit Milliardenumsätzen und Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich die Messlatte vor?
Nein, Suse habe eine eigene Strategie, erklärt Brauckmann. Man wolle dem Kunden die “wirklich freie Wahl ohne Vendor-Lock-in” ermöglichen. Das bestätigt auch ein Videospot von Referenzkunde Rackspace, mit der NASA zusammen Initiator von Open Stack. Der große amerikanische Hosting-Provider hat sich nach eigener Aussage für Suse entschieden, weil “das der einzige Hersteller war, der auch für andere, freie Linux-Varianten Support anbot. Bei der Konkurrenz hätte man dagegen Lizenzen für alle Server kaufen müssen”.
Brauckmann fährt fort: Das Susecon-Motto “Wir passen an. Sie sind erfolgreich” (We adapt. You succeed) stünde für die ganze Produktpalette von Suse. Offen in alle Richtungen arbeite man aber auch mit Microsoft oder SAP zusammen. Suse werde aber sicher nicht in “irgendwelchen schicken Kram investieren, nur weil der gerade in ist, sondern sich auf die Bedürfnisse der Kunden konzentrieren und dafür weiter Manpower in Support, Vertrieb und Marketing aufbauen, aber auch weiterhin freie Community-Projekte wie Open Suse oder Open Stack unterstützen”. Aus denen kämen schließlich immer wieder “wichtige Impulse” für die Enterprise-Produkte. Letztere sollen sich auf die Cloud konzentrieren, die dem Suse-CEO zufolge für Softwarefirmen bis 2016 mit gut 40 Prozent Umsatzwachstum aufwarten könne.
Suse setzt dabei auf Cloud-Infrastruktur, Enterprise-Linux und integrierte Systeme, zum Beispiel für das Gesundheitswesen, aber auch für integrierte Storage-Geräte. In fünf Jahren wolle man deutlich lauter, aggressiver und sichtbarer im Markt agieren und sich auch im PaaS- und Distributed-Storage-Bereich einen Namen gemacht haben, kündigt Brauckmann an, ohne Details zu nennen.
Die Suse Cloud werde zunehmend vernetzt mit Suse Studio, Suse Manager, Open QA (Suses Qualitätsmanagement), Open Stack und dem Open Suse Build Service. Auf der Roadmap der Suse Cloud finden sich HA-Funktionen für virtuelle Gäste und Hypervisoren. Eine zentralere Rolle werde Open Stack spielen, wo Alan Clark – Suses Director of Industry Initiatives – gerade in den Aufsichtsrat bestellt wurde (Abbildung 4, [4]).

Abbildung 4: Videos mit Commitments, Referenzkunden und viel lauter Musik, dazu der frischgebackene Open-Stack-Chairman Alan Clark (oben) und Dells Executive Director John Igoe (unten) auf der Susecon. In der Mitte Michael Miller und Mitglieder des Suse-Cloud-Teams, die innerhalb von Minuten eine Cloud-Demo aufsetzten.
Die Techniker und Suse-Kunden unter den Konferenzbesuchern konnten sich während der drei Tage in zahlreichen Tracks mit Workshops, Hands-on-Vorträgen und Präsentationen einen aktuellen Überblick der Roadmaps diverser Open-Source- und Suse-Projekte und der Enterprise-Produkte verschaffen. Neben Tools wie dem von Dell entwickelten Crowbar – einem Cloud-Deployment-Tool, ausdrücklich auch für echte Hardware, nicht nur für virtuelle Maschinen – stand dabei auch die neueste Version des Suse Managers 1.7 [5] auf dem Programm.
Suse Manager 1.7
Eine grün gefärbte Variante von Red Hats Spacewalk soll Systeme auf Enterprise-Niveau zentral verwalten und dabei helfen, Compliance und automatisches Deployment in einem Web-GUI einzustellen. Auf der Cebit 2011 hatten die Nürnberger das kostenpflichtige Produkt erstmals präsentiert, es basiert auf der Open-Source-Variante von Red Hats Network Satellite Server und verwaltet RPM-basierte Server.
Neu in der in Orlando vorgestellten Version sind laut Hersteller das komplett überarbeitete Patchmanagement, diverse Verbesserungen, aber auch die Integration von Oracle- und PostgreSQL-Datenbanken. Anwender können jetzt auch Images aus Suse Studio direkt aus dem Manager verteilen, neue Servicepacks aufspielen und mit Open SCAP ihre Umgebung auf Compliance überprüfen. Außerdem hat Suse den IPv6-Support ausgeweitet. Die ISO-Images zum Testen liegen (noch) auf Novells Webseiten.
Open Suse Summit in den USA: “Go Home A Guru!”
Als die Susecon am Freitagmittag ihre Pforten schloss, begann an gleicher Stelle (Abbildung 5) der Open Suse Summit (Motto: “Go Home A Guru!”), der erste seiner Art in den USA. Für ein Wochenende trafen sich Entwickler und Projektmitglieder von Gnome bis zum Kernel in Workshops, BOFs und Vorträgen, um das Open-Suse-Projekt weiterzubringen – ganz wie es die europäische oder deutsche Community seit Jahren pflegen.

Abbildung 5: Orlandos Konferenzzentrum liegt in den Sümpfen im Süden der Stadt unweit der Vergnügungsparks von Disney und Universal.
Open Suse hatte zuletzt ja einigen Sand im Getriebe [6], die Veröffentlichung von Open Suse 12.2 (auf der DELUG-DVD des Linux-Magazins 11/2012) hatte sich wegen diverser Streits und Qualitätsmängel um mehrere Monate verzögert. Die Keynote am Samstag hielt der italienische Vorsitzende der FSFE Stefano Maffulli, der über die “Lektionen von Open Source für die Open Cloud” referierte.
Einen tieferen Eindruck von der Susecon, insbesondere von der 20-Jahr-Feier, gewähren ein Blick in die aufschlussreichen Videos aus Suses Youtube-Kanal [7] oder ein Rundgang in den sozialen Netzwerken [8] mit den dort von Teilnehmern veröffentlichten Fotos.
Infos
- Linux Magazin Online zur Susecon: https://www.linux-magazin.de/NEWS/20-Jahre-Suse-Susecon-2012-in-Orlando-Florida
- Susecon: https://www.suse.com/events/susecon/
- Markus Feilner, “Patente im Körbchen”: Linux-Magazin 05/11, S. 26
- Suses Alan Clark wird Open-Stack-Chairman: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Open-Stack-Foundation-gegruendet
- Suse Manager 1.7: https://www.suse.com/products/suse-manager/features/suse-manager-1-7.html
- Zoff bei Open Suse verzögert 12.2: https://www.linux-magazin.de/NEWS/Open-Suse-12.2-verspaetet-Entwickler-wollen-Release-Prozess-ueberdenken
- Suses Youtube-Kanal: http://www.youtube.com/susevideo
- Susecon Fotos bei Google+: https://plus.google.com/events/csm6hfof0311f59cmu2qc4ajbok





