Aus Linux-Magazin 07/2012

Ballkontakt

Jan Kleinert, Chefredakteur

Jan Kleinert, Chefredakteur

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Es war eine exzellent gute Nachricht für die Elefanten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als ein gewisser Michael Phelan im Jahr 1863 einen Preis für das Finden eines neuen Werkstoffes für Billardkugeln ausschrieb. 10 000 Dollar sollte derjenige bekommen, der eine Alternative zum ebenso üblichen wie kostbaren Elfenbein finden würde.

Den Amerikaner John Wesley Hyatt reizten Sache und Geldsumme genug, um die Herausforderung anzunehmen. Nach einigen Experimenten fand er in Kollodium den Stoff mit herausragenden Eigenschaften: Aus der im Ausgangszustand zähflüssigen Lösung aus nitrierter Zellulose, Äther und Alkohol konnte er wunderschöne Billardkugeln fertigen, die viel gleichmäßiger über den Samt liefen als die aus Elfenbein und zudem viel weniger Verschleiß zeigten.

Dass Michael Phelan das Preisgeld dafür an Hyatt nicht auszahlte, lag an einer Eigenschaft der Kugeln, welche die Freude an deren Einsatz etwas schmälerte: Trafen zwei Kugeln aufeinander, explodierten beide. Hyatt war gescheitert – der Begriff stammt aus der Schifffahrt (“zu Scheitern werden”) und bedeutet In-Stücke-Brechen, was bei den Billardkugeln sichtlich mehr war als eine Metapher.

Im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt dieses Magazins resümierte ein früherer Kernelentwickler über sein Dateisystem: “Realistisch betrachtet ist es ein wirtschaftlicher Totalschaden. Ich hatte einige Jahre zumindest noch Hoffnung, dass ich eines Tages rohes Flash in meinem Notebook haben könnte. Aber alle derartigen Ansätze sind fehlgeschlagen. Schade.” Auch er – gescheitert.

Mag sein, dass die Gesellschaft die Erfolgreichen liebt: Apple, das mit jedem verkauften iPhone mehr verdient als jeder andere Smartphone-Hersteller, Microsoft oder Facebook, dessen Gründer zu märchenhaften Reichtümern kamen, … Doch Erfolg macht träge und verzagt, weil ein jeder krampfhaft an ihm festhält und ihn mit aller Macht verteidigt. Patent- und Geschmacksmuster-Klagen sind nicht zufällig die hässlichen Geburtshelfer praktisch jedes erfolgreichen Produkts.

Sind es nicht eher die Gescheiterten, die Technik und Gesellschaft weiter nach vorne bringen als die vom Erfolg Verwöhnten?! “Im Besiegtsein liegt offenbar ein unerschöpfbares Potenzial des Erkenntnisgewinns”, schreibt der deutsche Publizist und Historiker Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch “Die Kultur der Niederlage”. Scheitern ist nicht der finale Endpunkt einer von Anfang an verhängnisvollen Entwicklung, sondern eine immens wichtige Triebkraft wider die Stagnation – letztlich gäbe es keine Erfolge ohne die vielen Misserfolge.

Im Jahr 1869 jedenfalls fand Wesley Hyatt mit Zelluloid einen weniger gefährlichen Stoff für Billardkugeln, der den Anforderungen genügte, und damit den ersten Thermoplasten der Geschichte. Auch das vermeintlich gefloppte Dateisystem erfreut sich heute bei Embedded-Linuxern einiger Beliebtheit und sprudelt – da Open Source – für andere Dateisystem-Programmierer als Inspirationsquelle.

In diesem Licht sollten wir all die betrachten, denen der Erfolg nicht in die Wiege gelegt ist: Linux auf dem Desktop, Tizen auf Smartphones (das Amalgam aus Intel Meego und Samsung Limo, das gerade Version 1.0 erreicht hat) oder zehntausende dämmernder Sourceforge-Projekte. Ein jeder, der scheitert, macht die Welt ein Stück bunter und sorgt für den wahren Fortschritt. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal mit einem Queue auf eine Billardkugel zielen.

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