Aus Linux-Magazin 11/2002

Marktübersicht: Thin Clients unter Linux

Linux macht Thin Clients flexibel und spart Kosten bei Lizenzen und Hardware. Die Auswahl an Modellen und Herstellern ist zwar nicht so groß wie bei Windows-basierten Terminals, trotzdem sollte für jeden Einsatzzweck der geeignete Client zu finden sein.

Betrachtet man nur den Anschaffungspreis, findet ein IT-Entscheider kaum starke Gründe, seinen Mitarbeitern Thin Clients statt PCs vorzusetzen. Für das Geld, das die meisten Thin Clients kosten, erhält man durchaus ordentlich ausgestattete PCs, trotzdem gehen die Geschäfte der Hersteller nicht gerade schlecht. Marktstudien konstatieren ein hohes Wachstum beim Verkauf von Thin Clients – möglicherweise gerade wegen der derzeit misslichen wirtschaftlichen Lage. Laut einer IDC-Studie vom August sind im Jahr 2002 etwa 1,4 Millionen verkaufte Geräte zu erwarten, 2001 waren es 1,1 Millionen. Die jährliche Wachstumsrate soll bis zum Jahre 2006 bei jeweils 30 Prozent liegen.

Abbildung 1: Der Scovery XS von Fujitsu Siemens dient als Hardware für die Thin Clients von Bee, ist aber auch ab Werk mit Linux zu haben.

Abbildung 1: Der Scovery XS von Fujitsu Siemens dient als Hardware für die Thin Clients von Bee, ist aber auch ab Werk mit Linux zu haben.

Trotz IT-Krise gute Verkaufszahlen

Langsam hat es sich also bis zum letzten Kleinbetrieb herumgesprochen, dass der Anschaffungspreis nur einen Bruchteil der Gesamtkosten von IT-Systemen ausmacht. Die meisten Schätzungen gehen von 20 bis 30 Prozent aus. Der Rest entfällt auf Service, auf internen und externen Support. Größen, die sich nicht so einfach messen lassen wie der Kaufpreis, die aber alle in die Total Cost of Ownership (TCO) eingehen.

Das TCO-Konzept wurde von der Unternehmensberatung Gartner ins Leben gerufen, inzwischen gibt es verschiedene Messmethoden, die jedoch darin übereinstimmen, dass der Einsatz von Thin Clients gegenüber PCs deutliche Einsparungen bringt. Die Schätzungen reichen von 20 bis 50 Prozent.

Abbildung 2: Der Capio 508 ist das Einstiegsmodell von Neoware in die Welt der Linux-Clients. Der überwiegende Anteil der Neoware-Clients läuft aber unter Windows.

Abbildung 2: Der Capio 508 ist das Einstiegsmodell von Neoware in die Welt der Linux-Clients. Der überwiegende Anteil der Neoware-Clients läuft aber unter Windows.

Thin Clients helfen Support-Kosten sparen

Außer der einfachen, weil zentralen Administration der Anwendung und der Tatsache, dass sich Nutzer effektiv in ihren Rechten einschränken lassen und deshalb weniger Ärger machen, sind Thin Clients vor allem durch ihre Unverwüstlichkeit attraktiv. Sie enthalten meist keine mechanischen Teile wie Festplatten oder Lüfter und sind deshalb oft mehr als zehn Jahre lang im Einsatz. Über Terminal-Emulationen sind Anwendungen auf jeder Host- oder Serverplattform ausführbar, vom Mainframe über AS/400-Midrange-Systeme bis hin zu Windows-Servern (Unix/Linux-Server selbstverständlich auch).

Thin Clients auf Linux-Basis sind bei den Branchengrößen wie beispielsweise Wyse oder Neoware zwar immer noch in der Minderheit, dominierend ist Microsoft Windows CE. Jedoch ist zu erwarten, dass sich dies ändert. Die erwähnte IDC-Studie stellte trotz eines Anstiegs der verkauften Stückzahlen nämlich einen gesunkenen Umsatz fest, das heißt, der Kostendruck auf die Hersteller wird immer größer.

Damit wird ein lizenzkostenfreies, flexibles Betriebssystem wichtig. Die meisten Anbieter kombinieren ein Linux-System mit kommerziellen Terminal-Emulationen, einige fügen selbst gebaute Oberflächen und Server-seitige Administrationswerkzeuge hinzu. Kleinere Hersteller wie Bee oder Igel machen dies schon länger vor. Sowohl Bee Baastrup als auch Igel können Referenzprojekte mit mehreren hundert Clients vorweisen.

Abbildung 3: Mit SAP GUI für Java werden aus Igel-Terminals SAP-Clients. Die Anforderungen an die Hardware liegen dann allerdings etwas über dem Durchschnitt: 256 MByte RAM sollten es schon sein.

Abbildung 3: Mit SAP GUI für Java werden aus Igel-Terminals SAP-Clients. Die Anforderungen an die Hardware liegen dann allerdings etwas über dem Durchschnitt: 256 MByte RAM sollten es schon sein.

Die Kleinen fingen an, die Großen ziehen nach

Bee Baastrup nutzt die Scovery-Hardware von Fujitsu-Siemens und stattet sie mit eigener Software aus (siehe Kasten “Thin Client Software”). Igel lässt seit 1997 eigene Hardware in Fernost produzieren. Bis September 2002 gehörte Igel zum traditionsreichen Bremer Handelsunternehmen Melchers, jetzt ist Igel eine eigenständige GmbH.

Eine Spezialität von Igel/Melchers ist das Upgrade von Netvista-Clients, die IBM angekündigt hat. Mit einer FlashROM-Karte läuft auf alten Netvista-Terminals ein Igel-Linux, die vorhandene Infrastruktur ist also weiter nutz- und erweiterbar. Igels Schwerpunkt liegt aber bei Linux-basierten Terminals, zur Ergänzung sind aber auch Windows-CE-Geräte im Portfolio vertreten.

Inzwischen ziehen aber auch die Großen nach. Wyse, seit Jahrzehnten fast ein Synonym für Terminals, hat seit diesem Jahr mit dem WT5440XL einen Linux-basierten Client mit guter Ausstattung im Angebot. Aber es ist nicht mal das erste Linux-basierte Wyse-Gerät. Bereits 1999, als Microsoft sich weigerte, Browser oder eine Java Virtual Machine für Windows-basierte Terminals (WBTs) zur Verfügung zu stellen, nahm Wyse einen Linux-basierten Thin Client in ihr Firmen-Programm. Und der Konkurrent Neoware, auch einer der großen Namen im Terminal-Geschäft, hat vier Linux-basierte Geräte im Portfolio.

Eins davon, Capio 500, vom im letzten Jahr zugekauften Unternehmen Boundless Technologies. Neoware ist das derzeit am schnellsten wachsende Unternehmen im Thin-Client-Markt. Der jüngste Zukauf, der von Thinstar, wurde im Sommer dieses Jahres abgeschlossen. Bei Neoware zeigt man sich insgesamt mit der Nachfrage nach Linux-basierten Geräten zufrieden.

Thin Clients Übersicht

Thin Clients Übersicht

Fazit

Thin Clients auf Linux-Basis haben einen vergleichbaren Funktionsumfang wie ihre Pendants mit Microsoft-Betriebssystemen. Es sind keine Lizenzgebühren zu entrichten, Open Source ermöglicht eine hohe Flexibilität bei der Anpassung an die Hardware und bei der Entwicklung entsprechender Administrationssoftware.

Es gibt Terminal-Emulationen für alle Nicht-Unix-Systeme wie Mainframes, Midrange-Systeme und Windows NT/ 2000. Die meisten Hersteller setzen zwar Closed-Source-Terminal-Suites ein, außer für Citrix Metaframe gibt aber für alle Protokolle auch freie Projekte (siehe Kasten “Thin Client Software”).

Linux senkt vor allem für kleinere Hardwarehersteller die Einstiegshürde in den Markt der Thin Clients und ermöglicht starkes Wachstum, das Beispiel Igel zeigt’s. Aber auch die Großen wie Wyse springen auf den Linux-Zug auf. Auch wenn das seit Jahren vorausgesagte rasante Wachstum des Marktes nie voll eintrat, steigen die verkauften Stückzahlen doch an, immer mehr Anwender und Hersteller erkennen, dass Linux gerade für die langen Lebenszyklen von Thin Clients gegenüber den Alternativen einen hohen Investitionsschutz bietet.

Thin Client Software

Es muss nicht immer ein Komplettgerät sein. Mit Linux ist es sehr einfach, vorhandene ältere Hardware zu Thin Clients umzubauen. Dazu lässt sich im Prinzip jede beliebige Distribution entsprechend anpassen.

Das Rdesktop-Projekt [http://www.rdesktop.org/] stellt einen freien RDP-Client zur Verfügung, aktuell ist Version 1.1.0. Mit X3270 existiert eine Terminal-Emulation zur Verbindung auf IBM-Mainframes, damit ist auch Zugriff auf AS/400-Midrange-Systeme möglich, auch freie 5250-Emulationen zum direkten Zugriff auf AS/400 sind in Entwicklung.

Eine gute Anlaufstelle für Infos und Software zu Thin-Client und Terminal-Emulationen ist das Linux Terminal Server Project [http://www. ltsp.org/]. Ein nicht-kommerzielles Thin-Client-Projekt unter der GPL ist PXES von Diego Tomes Milano [http://pxes.sourceforge.net/]. Dabei handelt es sich um eine Minidistribution ähnlich denen, die der Beitrag ab Seite 96 vorstellt. Ein RDP-Client für den Zugriff auf Microsoft-Terminals ist enthalten, ein ICA-Client jedoch nicht, Grund sind die Lizenzbestimmungen von Citrix. Ein ähnliches Projekt ist Netstation [http://sourceforge.net/projects/netstation]. Beide Projekte befinden sich im Betastadium.

Mit dem Produkt Intr@views hat auch Bee Baastrup aus Dortmund ein Thin-Client-Linux im Programm [http://www.bee.de]. Es kommt auf den von Bee vertriebenen Clients zum Einsatz, kann aber auch separat bezogen werden. Intr@views bootet über das Netzwerk, Browser und E-Mail-Client sind lokal verfügbar, auch kundenspezifische Datenbank-Frontends können lokal gestartet werden.

Relativ jung ist die von ehemaligen ID-Pro-Mitarbeitern gegründete Firma Gonicus [http://www.gonicus.de], die ein Thin-Client-Linux zur Verfügung stellt, das im Gegensatz zu der Lösung von Bee Baastrup keine Closed-Source-Komponenten enthält und frei downloadbar ist. Goto, das “Gonicus Thin Client Office Concept”, basiert auf Debian und kann individuell angepasst werden. Auch Fat Clients inklusive Star Office und anderen Anwendungen sind damit realisierbar.

Begriffe

ICA (Independent Computing Architecture): Protokoll von Citrix. Ergänzung oder Alternative zu RDP mit besserer Sessions-Verwaltung und Datenkompression, unterstützt mehr Netzwerkprotokolle, Load Balancing und Verschlüsselung (Secure ICA)

Citrix Metaframe: Produkt von Citrix, es implementiert ICA. Metaframe-Clients für Linux und andere Betriebssysteme sind kostenlos von [http://www.citrix.de] downloadbar, dürfen aber nicht weitergegeben werden.

RDP (Remote Desktop Protocol): Ein proprietäres Protokoll aus den Hause Microsoft zur Client-Server-Kommunikation für Windows 2000 und die Terminal Server Edition (TSE) von Windows NT.

Tarantella AIP: Tarantella ist eine Middleware, die eine Vielzahl verschiedener Clients mit mehreren Anwendungs-Servern (Mainframes, Windows-, Unix-Server) verbindet. Tarantella-Terminalserver verhalten sich gegenüber Server-Anwendungen wie Clients. Das Nutzerinterface zum Programm ist ein Java-fähiger Browser oder ein spezielles Java-Programm, der native Tarantella-Client. Die Übertragung der Daten erfolgt durch das Adaptive Internet Protocol (AIP). Fremde Protokolle wie RDP werden auf AIP umgesetzt.

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