Aus Linux-Magazin 01/2012

Web der Besserung

Der Linux-Kernel war in seiner Anfangszeit alles andere als vollkommen. Der Stand der Wissenschaft hätte 1991 wirklich etwas anderes vorgesehen als einen monolithischen Systemkern für den 386-Prozessor. Das prangerte der Betriebssystem-Professor und Minix-Erfinder Andrew S. Tanenbaum auch bald öffentlich an. 20 Jahre später aber findet sich das einst so mangelhafte Linux unter den erfolgreichsten Betriebssystemen. Minix dagegen fristet sein Dasein nach wie vor hauptsächlich in Gelehrtenstuben. Außerdem, so merkte der Kernelentwickler Alan Cox auf der Linuxcon Europe im Oktober an, hat “sich in der Praxis der Kernelprogrammierung einiges als falsch herausgestellt, was die akademische Betriebssystemforschung lange behauptet hat”.

Etwa zur gleichen Zeit wie Linux nahm das World Wide Web seinen Anfang. Was der CERN-Informatiker Tim Berners-Lee vorstellte, war ebenfalls recht unvollkommen. HTML und HTTP stellten eine wenig niveauvolle Implementierung eines Hypertext-Systems dar, die viele Wünsche offen ließ. Wie so etwas richtig auszusehen hätte, darüber zerbrachen sich Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten den Kopf. Stellvertretend sei hier das Projekt Xanadu genannt, das der US-amerikanische Gelehrte Theodor Holm Nelson in den 60er Jahren entwarf.

Während wir heute im WWW-Alltag veraltete Links resigniert akzeptieren, sollten in Xanadu Verweise nie ihre Gültigkeit verlieren. Außerdem sind sie bidirektional angelegt, enthalten also nicht nur das Wohin, sondern auch das Woher. Statt Zitate zu kopieren, sollten Xanadu-Anwender sie von der Original-Referenzstelle einbinden, was sich Transklusion nannte. Mit einer solchen Einbindung geht auch die Vorstellung eines Trans-Copyright einher, das den Urheber nennt und die Nutzung mit Kleinstbeträgen vergütet. Eine weitere spannende Idee Nelsons war die Zuordnung der Inhalte in eine öffentliche und in eine private Domäne, die sich aber verknüpfen ließen: Ein wissenschaftlicher Aufsatz etwa könnte öffentlich sein, die mit einzelnen Passagen verknüpften Notizen und Aufgabenlisten des Autors dagegen privat.

Wer das WWW schon länger benutzt, der weiß, wie sehr vor allem am Anfang die Realität von einem solchen Ideal abwich. Doch das einfach gestrickte Web lud zum Mitmachen ein, wuchs und entwickelte sich weiter. Bald gab es Bilder, Formulare und Suchmaschinen. In den vergangenen Jahren haben viele fleißige Programmierer weitere Mängel der Hypertext-Implementierung behoben: Wenigstens innerhalb eines Wikis verweisen Links nun auch zurück und Mediendateien werden aus einem übergreifenden Archiv eingebunden. Zudem beschreiben die Trackbacks der Blogs das Woher von Verweisen.

Die Schwerpunkt-Artikel dieses Linux-Magazins sind ein weiterer Beitrag zur Vervollkommnung des unvollkommenen WWW: Websockets etwa führen bidirektionale Kommunikation zwischen Client und Server ein und Frameworks wie Flow3 verlagern das Augenmerk des Entwicklers von der Kleinarbeit auf eine höhere Ebene der Abstraktion. Die bodenständige Sorge um Performance bleibt allerdings weiterhin ein Thema. Doch mit schlanken Webservern wie Node.js und Nginx sowie dem Prozessmanager PHP-FPM gibt es vielversprechende neue Lösungsansätze. Die Website-Hacks von Tobias Eggendorfer zeigen schließlich, dass die Entwickler neben aller Freude über neue Features die Sicherheit nicht vernachlässigen dürfen.

Was aus dem Projekt Xanadu wurde? Das komplexe, ehrgeizig konzipierte System hat bisher nur unvollständige Implementierungen erfahren. Sie hießen daher auch nicht Xanadu, sondern Udanax, und haben keinen größeren Anwenderkreis erreicht.

LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben