Aus Linux-Magazin 04/2012

Schal bei Geschmack

Die Redaktionsräume dieses Magazins liegen unweit eines Einkaufszentrums – ideal, um mittags Essen zu gehen. Dass das Gebäude inmitten eines so genannten sozialen Brennpunkts der Wohlstandsmetropole München liegt, ist sichtbar. Da gibt es den Rentner, der bereits mittags vor seinem dritten Weißbier sitzt, genauso wie Schülergruppen mit Aufmerksamkeitsdefizit und Migrationshintergrund.

Wohl dieses Banlieue-Ambientes wegen fällt besonders auf, dass in dieser Wintersaison gefühlt jeder zehnte Shopping-Mall-Besucher einen Schal der britischen Traditionsmarke Burberry trägt. Um das Accessoire als solches zu erkennen, muss man nicht Chefredakteurin der Vogue sein, da die Dinger ein auffälliges Karomuster aufweisen. Angesichts der Besucherstruktur und dem Umstand, dass ein Burberry-Schal 150 Euro in der einfachen und 300 in der Kaschmir-Ausführung kostet, drängt sich der Verdacht auf, dass Produktfälschungen aus Asien den Löwenanteil des zur Schau getragenen Luxus’ ausmachen, die es in Urlaubsländern an jeder Straßenecke für ein paar Euro gibt.

Die Mimikry ist für den Hersteller des Originalprodukts natürlich doof. Verwegen wäre trotzdem die Vorstellung, dass ein Gesetz zur Ratifizierung ansteht, das die Einkaufscenter-Betreibergesellschaft verpflichtete Personal einzustellen, das ausnahmslos jeden Passanten per Leibesvisitation auf gefälschte Markenkleidung hin untersucht. Flöge ein Besucher mit einem falschen Schal oder einem verdächtigen Slip auf, sähe das Gesetz vor, dass die Personalien automatisch an Burberry, Gucci & Co. gehen. Außerdem bekäme die Person ab dem dritten Kleidungsstück dank einer Three-Strikes-Klausel Hausverbot erteilt.

Den Kritikern des Anti-Piraterie-Gesetzes halten die Befürworter entgegen, dass Einkauszentren keine rechtsfreien Räume sein dürften. Wer jetzt zu der Meinung gelangt ist, dass sich hier ein Leitartikelautor zu einer George-Orwell-fixen Idee verstiegen hat, irrt nicht: Kein Politiker würde einen solchen Vorstoß wagen – ganz egal, wie nachvollziehbar ihm die Sorgen der Markenartikler dieser Welt erscheinen. Viel zu groß der Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen und zu absurd die Vorstellung, dass privatwirtschaftliche Unternehmen ihren Kunden an die Wäsche gehen.

Wer sich aber der kleinen Mühe unterzieht, und “Gesetz” gegen “Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen ACTA” austauscht und “Einkaufscenter-Betreibergesellschaft” gegen “Internetprovider”, der landet mitten in der tagespolitischen Realität. Die Provider sollen ihre Kunden nämlich verdachtsunabhängig IP-Paket für IP-Paket ausspionieren. Die Widerstände gegen das Abkommen sind erheblich, kommen aber kurz vor Toresschluss. Ob sie dessen Ratifizierung verhindern können, werden die nächsten Monate zeigen.

Ja, im Grundsatz ist es unschön, wenn sich Leute Kinofilme in schlechter Bild- und Tonqualität illegal herunterladen oder sich kratzende Burberry-Imitate um die Hälse binden. Den Hebel aber bei allen Bürgern anzusetzen, hätte gespenstische Folgen. Besser ist doch, die Anbieterstrukturen illegalen Materials in Schach zu halten.

Am nachhaltigsten jedoch wäre, beim Konsumenten ein Bewusstsein zu etablieren, dass ihn ein bezahlbarer Kaschmirschal ohne Label wärmer hält als ein peinliches Imitat aus Synthetik und dass ein durchdachter Independentstreifen im Kino mehr berührt als die teuren Special Effects in simpel gestrickten Blockbustern. Vielleicht schaut sich die Gesellschaft von der Open-Source-Szene etwas ab, die faire Formen von geistigem Eigentum und materiellem Interessensausgleich bereits praktiziert.

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