Tschisch! – das fährt schmerzvoll rein wie ein Blitz: Mandriva ist seit Ende Dezember praktisch pleite! Am 23. Dezember 2011 verschickte Dominique Loucougain, CEO der Firma hinter der gleichnamigen Linux-Distribution, einen entsprechenden Brandbrief an die Aktionäre. Der Mandriva-Vorstand ringt mit dem Anteilseigner Linlux SARL, der 42 Prozent an Mandriva hält, um eine neue, bitter nötige Finanzierungsrunde. Zum Redaktionsschluss dieses Magazins legte gerade ein unbekannter Investor angeblich ein Übernahmeangebot vor, was die formale Zahlungsunfähigkeit um eine Woche hinausschob. Weitere 50 Prozent der seit 2001 in Paris notierten Aktien kontrolliert die russische Firma Rosa Labs, die eigentlich bereit wäre, die Finanzierung mitzutragen.
Das ist für Linux Zugetane nicht nur meteorologisch spektakulär, wenn so ein Blitzschlag gleißend in eine Open-Source-Traditionsfirma fährt. Andererseits überleben neun von zehn Opfern einen Blitzschlag, schätzt die Medizinprofessorin Mary Ann Cooper von der Universität Chicago, die eine der wenigen Experten auf diesem spannungsreichen Terrain ist. So betrachtet stehen die Chancen für Mandriva gar nicht so übel: Wenn Linlux SARL seine Anteilsscheine an den unbekannten Investor abtritt, ist bis auf ein paar lokale Extra-Systolen im Herzen Frankreichs nichts weiter passiert.
Seltsam nur, dass Mandriva himmlische Energie magisch anzuziehen scheint: Im Januar 2003, bereits eineinhalb Jahre nach dem Börsengang, musste Mandrakesoft – so hieß die Firma früher – einen Antrag auf Gläubigerschutz stellen. Den konnte sie zwar im März 2004 wieder verlassen, geriet aber im Sommer 2008 laut dem damals frisch eingestellten CEO Hervé Yahi abermals in finanzielle Nöte. Zwei Jahre später meldete der abermals ausgewechselte Chef Arnaud Laprévote eine drohende Insolvenz gemeldet.
Wer jetzt meint, so oft könne niemand vom Blitz getroffen werden, irrt. Roy Cleveland Sullivan, ein Forstbediensteter im Shenandoah Nationalpark im US-Bundestaat Virginia, überlebte sieben Blitzeinschläge! 1942 erwischt ihn einer am Bein, als er sich in einem Feuerwachtturm aufhält, 1969 in einem Lkw (versengte Augenbrauen), 1970 ist’s die linke Schulter, während er in seinem Vorgarten an nichts Böses denkt. 1972 setzt ein Blitz seine Haare in Brand – ab da führt er stets eine Kanne Wasser mit sich. 1973 nochmal die Haare, ein Jahr später erwischt ihn einer an der Ferse. Die letzte himmlische Entladung überrascht Sullivan 1977 beim Angeln, mit Brandwunden an Bauch und Brust transportiert man den Mann mit dem Spitznamen “der menschliche Blitzableiter” ins Krankenhaus.
Mandriva muss also noch ein paar blitzblanke Insolvenzen hinlegen, bis es einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde setzt. Ob das wechselnde Management dem meteorologischen Zufall über die Jahre auf die Sprünge geholfen hat? Gerade dem ersten Gläubigerschutz entkommen kaufte Mandrakesoft 2004 den Open-Source-Dienstleister Edge It, 2005 folgten die Linux-Distributoren Conectiva sowie Lycoris und 2006 das französische Software-Unternehmen Linbox. Im Lichte der flotten Expansion geriet den meisten aus dem Blick, dass das laufende Geschäft wenig einträglich verlief. Einzig ein vermutlicher Kleinanleger schreibt in einem Forum hellsichtig: “Das Business-Modell erinnert an Attac.”
Roy Sullivan wäre am 7. Februar genau 100 Jahre alt geworden, wenn er nicht 1983 gestorben wäre – übrigens nicht an den Folgen eines Blitzschlages, sondern weil er sich aus Liebeskummer 71-jährig selbst das Leben nahm. Mandriva sollte jede Option prüfen.






